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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-10 · N° 28. (10.7.1878) · p. Seite 219

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 28. (10.7.1878)
Date
1878-07-10
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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— 219 — meindemitgliede. In einer anderen Gemeinde nimmt ein Schächter eine Christin, die gar nicht unterrichtet wurde, ohne Bethdin ins Judenthum auf, traut sie zugleich mit ihrem Dienstherrn, ohne daß der Vorsteher, den man auf die Ungesetzlichkeit aufmerksam gemacht, auch nur ein Wort des Tadels darüber ausgesprochen hätte. Es gibt auch Vorsteher, die anordnen, öffentlichen Gottesdienst mit a ch t Personen ohne p]nx zu halten. Wer kann alle Mißwirthschaft im öffentlichen jüd. Gemeindeleden aufzählen, wie es in Böhmen zu Tage tritt! Bei einem solchen Gebühren, das sich auf das Schlagwort „Autononlie" stützt, ist die Frage des geehrten H. Correspondenten in Nr. 23: Mn HO min $u iiaio; sie wollen ja keine Thora, sie sind autonom, können daher jüd. Gemeinden ohne Thora (auch ohne Judenthum) bilden. Man kann ja ganze Kreise hier durchgehen und wird keinen mm p finden, und gar erst der Nachwuchs! der wird von dem Buch der Bücher sagen: min1 X*? „ich kenne das Buch nicht." Es ist ein trauriges Bild, das da aufgerollt ist, aber leider ganz treu. Nun kommen die Rabbinen, die man nicht braucht, die einer solchen autonomen Entwickelung nach eigenem Gutdünken hindernd sein könnten, und verlangen definitive Anstellung nach 3 Probejahren, verlangen Ausdehnung ihres Wirkungskreises auf die nahegelegenen Miniaturgemeinden. die da wirklich njn DH1? px "VtfX px „eine Heerde ohne Hirt" sind. Das ist von dem Standpunkte, auf welchem unsere Geineinden, mit den Vorstehern an der Spitze stehen, in der Thal eine Vermessenheit, die nicht genug gegeißelt werden kann. Und sie haben sie gegeißelt mit der Schärfe ihrer Zunge, haben ihnen unterschoben: hierarchische Gelüste, Eigennutz, haben sie angeklagt der Anmaßung, der Untergrabung, der Autonomie rc. (Schluß folgt.) Großbritannien. 6b. Belfast, Juni. (Or.-Corr.) Neulich hielt Proseffor Max Müller in Westminster einen Cyklus von sieben hochinteressanten Vorträgen über den Ursprung und die Entwickelungsgeschichte der verschiedenen Religionssysteme des Orients und behandelte sein Thema mit einer Geschicklichkeit und Klarheit, die seinem Wiffen und seinem Rednertalent alle Ehre machen. Nun würden wir die Resultate seiner wissenschaftlichen Forschung mit aufrichtigem Dank und Befriedigung entgegengenommen haben, wenn Redner aus seiner anfangs angenommenen Unparteilichkeit, wie sie überhaupt jeder unssenschaftlichen Kritik zu Grunde liegen muß, .nicht herausgetreten wäre. Aber unser guter Professor konnte sich des alten Plunders nicht entledigen, und am Schluffe seines letzten Vortrages stimmte ,r in dieselben Lobhudeleien des Christenthums ein, wie wir sie von unfern rothnasigen Missionären tagtäglich zu hören bekommen. Den letztern ist dies freilich weniger §u verargen, da bekanntlich Klappern zum Handwerk gehört, und diese Leutchen thun nur, was ihres Amtes ist. Aber lächerlich klingt es, wenn ein Gelehrter von europäischem Rufe, der weder Missionär noch Theologe ist. alle anderen vorhandenen Religionssysteme, mit Ausnahme der christlichen, aburtheilt und verwirft, weil keines so eindringlich und überzeugend die wahre echte Gott- und Menschenliebe predigt, wie die christliche Religion es thut. Ja, sie predigt wohl Menschenliebe, aber nüUön x^x mpT -WHlon X1? die Predigt allein thuts nichl, sondern die Ausführung, die Thal; und das christliche Rumänien, Serbien und Bulgarien geben täglich neue Beweise von dem, was christliche Liebe d6 facto leisten kann. Es ist ein Unglück, daß in diesem Lande selbst bedeutende Gelehrte und Staatsmänner, sei es aus Interesse oder aus wirklicher Verblendung, gegen Alles, was nicht christuch ist, mit einem Eifer und einer Consequenz auflreten, wie tzS nur blinder Fanatismus fertig bringen kann. Was ist bje baS and. baggage Politik des Mr. Gladstone anders, aiS die Vertreibung und Entfernung aus Europa alles dessen, was nicht dem Christenthum huldigt? Oder warum geräth denn dessen Freund und Gesinnungsgenosse Prof. Goldwin Smith so in Harnisch gegen Juden und Judenthum, wenn er nicht, trotz seiner so sehr gepriesenen christlichen Liebe, Jeden haßte, dessen religiöse Ansichten von den seinigen divergiren? Dieser Halbgelehrte, welcher doch wiffen sollte, daß das neue Testament welches auf dem allen basirt ist, unhaltbar zusammenstürzen müsse, wenn am letztern ernstlich gerüttelt wird, versetzt diesem dessenungeachtet Schlag auf Schlag, und sein aut Otiristus aut nihil geht überall aus seinen Reden hervor. Wenn wir all dieses Thun und Treiben sehen, müssen wir unwillkürlich ausrufen: n? »T!T Tlö 1J7 trpiab 12^? Dem gegenüber ist es wohlthuend zu hören, nne andrerseits ein englischer christlicher Geistlicher sich über Juden und Judenthum äußert. Rev. Charles Voysey in London predigte vor Kurzem über das fragliche Thema und sprach u. A. nne folgt: „Vergangenen Sonntag wies ich auf die neue Reformation hin, die sich rm ganzen Christenthum rasch verbreitet, und die meiner Meinung nach damit enden wird, daß alle frommen Seelen die jüd. Religion annehmen werden. Nun wollen wir uns diesen einfachen jüdischen Glauben etwas näher ansehen. Sein Grundpcincip ist der Monotheismus, und obschon andere Religionen von demselben Grundgedanken ausgehen, so sind sie dennoch keineswegs mit dem Judenthum identisch. Der Mahomedaner sowohl als auch der Unitarier der alten Schule erkennen z. B. ebenfalls den Monotheismus an, aber Beide bekunden allzugroße Reverenz vor dem Stifter ihrer resp. Religionen. Nur die Bekenner des Judenlhums verehren Gott allein und deren nur ihn an, während sie zugleich jede menschliche Fürsprache und jeden Vermittler als eine Gottlosigkeit streng zurückweisen. Aber dies ist nicht Alles. Die jüd. Theologie ist die einzige, die es wagen kann, gegen die scharfen Waffen der modernen Wissenschaft Stand zu halten; denn weder bedarf, noch hat sie eine bestimmte Definition von Gott und ihre Auffassung desselben übertrifft die aller andern Religionen. Ebenso besitzt sie nichts, was der reinen Vernunft widerstrebt, und bringt daher eher eine freundliche und heilige Verbindung der Seele mit Gott zu Stande, als alle anderen Religionen es zu thun vermögen." Zum Schluffe erlauben Sie mir noch einige Notizen, die Ihre Leser wohl interessiren dürften. Dem jüngsten Census zufolge besteht die jüd. Bevölkerung Londons aus 41,700 Scelen und die der Provinzen aus 68,300, zusammen also aus 110,000 Seelen. Die Zahl der jüdischen Hochzeiten, die im Jayre 1877 im vereinigten Königreiche gefeiert wurden, beläuft sich auf 447, und die der Todesfälle auf 1203 Davon waren 758 männlichen und 445 werblichen Geichlechtes. — Der Board of Deputies und die Anglo Jewish Association, die bisher als getrennte Körperschaften im Interesse der auswärtigen noch immer verfolgten Juden thätig waren, haben sich jetzt vereinigt und der erste Schritt, der aus dieser Amalgamirung hervorgegangen, war eine gemeinschaftliche Petition an den Berliner Congreß zu Gunsten Der Juoen des Orients. — Die erste vollständige Ausgabe der Massora ist soeben von Hr. Ginsburg in London veröffentlicht worden, und sicherlich wird sie dazu beitragen, die Bibelexegese in vielen Stücken zu erleichtern. — Seit einiger Zeit ist ein jüd. Lieutenant in hiesiger Stadt stationirt, und ist er soeben mittelst allerhöchster Ordre zum Oberstlieutenant befördert worden. Derselbe besuchte während des versioffenen Passahfestes die hies. Synagoge und verschmähte auch die Osterkuchen nicht. „Können die Juden Patrioten sem?" Ja, ebensogut wie Prof. Goldwin Smith und Copsorten. Rußland. 8. Wluffchau, 26 Jupi. (Or.-Corr.) Die Excesse in Kali sch.*) Die Juden in der schönen Stadt Kalisch unterlagen am vorigen Sonntag vor und nach der kathollschen Prozession einem Ueberfall, bei dem sowohl Personen *) Wir lassen die in dieser (Korrespondenz enthaltenen thatsächluhen Angaben, als unseren Lesern aus der vorigen Nummer und aus den Journalen bereits bekaimt, weg und geben nur das, was uns noch mittheilenswerth scheint. (Kalisch — das bemerken wir einer Mittheilung der „Arch. isr." gegenüber — liegt nicht in Ostpreußen.) Red.

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