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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-03 · N° 27. (3.7.1878) · p. Seite 212

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 27. (3.7.1878)
Date
1878-07-03
Page
Seite 212 (sequence 6)
Language
German
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— 212 -- Frankfurt a. M. Am 18. v. M. starb Abr. Tendlau, der wohlbekannte Verfasser des in mehreren Auflagen (zuerst 1842) erschienenen Buches der Sagen und Legenden jüd. Vorzeit. Er war der erste der eine solche Sammlung bearbeitete und herausgab; früher waren nur Blumenlesen aus dem Talmud, Erzählungen und Sagen erschienen, nicht jüdische Volks legenden. Auch an einer Sammlung jüdischer Volks-Sprüchwörter, nicht der im Talmud rc. rc. enthaltenen, sondern der im Volksmunde lebenden Redewendungen, Lebensmaximen u. s. w. hat T. gearbeitet. Seiner Zeit erregte solches bei manchen Frankfurter Juden Nasenrümpfen, denn wenn der und jener sich auch wohl privatissime an „Moschelchen" ergötzte, so wollte man's doch gern der Vergessenheit übergeben und mit den letzten Inhabern begraben lasten. Tendlau, ein sehr poetisch begabtes Gemüth, erkannte den Werth der alten Perlen bester. Seitdem ist freilich eine ganze Literatur jüd. Sagen, Geschichten, Sittenschilderungen u. s w. erschienen. Tendlau aber gebührt der Rang eines Pfadfinders. Er war ein guter, lieber Mensch. Er ruhe sanft! T. Avenches (Schweiz), 21. Juni. (Or.-Corr.) Ihre Vermuthung in der letzten Nr. Ihres Blattes, den schwerzerisch-rumänischen Handelsvertrag betreffend, daß die Bemühungen der schweizerischen Israeliten und ihre Eingabe an die Bundesversammlung von gutem Erfolg sein werde, hat sich leider nicht bewährt. In seiner vorgestrigen Sitzung hat der Ständerath den Handelsvertrag mit Rumänien genehmigt, der Antrag eines Rathes, Bodenheimer's, den Vertrag an den Bundesrath zurückzuweisen, da der Stellung der Israeliten Rechnung zu tragen sei, blieb in der Minderheit. Basel, 20. Juni. Die „Schweizer Grenzpost" bringt folgenden Artikel über die Rumänische Convention: Sind die schweizerischen Juden den Christen durch fragliche Convention gleichgestellt? Sind die schweizerischen Israeliten, welche in Rumänien Geschäfte machen wollen, nicht den gleichen Gefahren wie die österreichischen Israeliten ausgesetzt, welche noch in jüngster Zeit aus Rumänien ausgewiesen wurden und denen selbst in den Städten keine Rechtshandlung mehr erlaubt ist? Wer ist die bedürftige Nation? Ist es nicht Oesterreich? Und gerade die österreichischen Israeliten sind von den Vortheilen vertragsmäßig ausgeschlosten. In den Art. 3 und 4 der schweizerisch-rumänischen Convention sind größere Begünstigungen der schweizerischen Fabrikanten, Kaufleuten und Reisenden eingeräumt. Schon zu wiederholten Malen erklärten aber rumänische Minister und höhere Richter durch Urtheile, daß sie die Juden nie als Bürger irgend eines Staates anerkennen; dürfen nun die schweizerischen Israeliten auf bessere Behandlung rechnen als die österreichischen? Wenn daher der Correspondent der „Basl. Nachr." fragliche Convention als dem Geiste der Bundesverfastung entsprechend darstellt, so will er entweder den schweizerischen Israeliten Balsam auf ihre Wunden legen, oder er verbirgt sein Auge der klaren Auffassung. Paris. In Betreff der Frau Berthe Bertrand, welche die Höhle der Köuigsgräber in Jerusalem angekauft hat, (s. Nr. 24) erfahren wir jetzt aus „Arch. Jsr.," daß die Dame selbst keine Jüdin (mehr?) ist, die Gattin des Hrn. Bertrand, eines berühmten Geometers, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und naher Verwandter des Herrn Jsaac Pereire. Der Ankauf ist im Namen der ganzen Familie Pereire geschehen, und soll damit dem Wunsche des verstarb. Herrn O. Rodriquez entsprochen worden sein. — Unter der Überschrift „Judenthum und Tabak" theilt dasselbe Blatt ein nettes Stückchen von Herrn Venillot mit. „Univers" bespricht, gleich andern Blättern, die Bismarck'schen Tabaksprojekte, welche den kleinen Händlern und Fabrikanten in der Pfalz Verderben drohen, und findet dann, mit gewohnter Geschicklichkeit das Sprungbrett, um im Schwünge den Juden eins zu versetzen. „Da alle diese Leute der liberalen Bourgeoisie oder der internationalen Judenschaft angehören, so ernten sie nur, was sie gesäet haben. Sie haben Propaganda gemacht für die Vereinigung mit Preußen und jetzt frißt der Preuße sie auf." Daß die „Pälzer Judda" die deutsche Einheit zu Stande gebracht haben, das ist merklich etwas Neues für ihre Freunde und Feinde und besonders für jene selbst. Paris. Das C.-C. der All. Jsr. veröffentlicht folgendes Telegramm: „DerBerlinerCongreß hat in seiner Sitzung vom 25. Juni die völlige Gleichberechtigung allerConfessionen inBulgarienvotirt." (Der soeben erschienene Juni-Bericht veröffentlicht das in vor. Nr. erwähnte „Memorandum" in guter deutscher Übersetzung.) In Wieruszow (russ. Grenzstadt) brach bei einem Bäcker Feuer aus, das binnen 2 Stunden 200 Häuser niederbrannte, darunter die Synagoge. Ueber 2000 Menschen lagen unter freiem Himmel. Das Elend ist groß. Aus Rumänien. Wie dem „Hamagid" berichtet wird, sind die jüdischen Rekruten zusammen mit den christlichen vereidigt worden, und hat man die Ersteren, ihres Sträubens ungeachtet, gezwungen, den Eid ganz nach der christlichen Formel zu leisten und das vorgehaltene Cruzifix zu küssen, indem man ihnen sagte: „Ihr seid mit eurem Eintritt in das Heer keine Juden mehr, sondern Christen." — Ein Commentar dazu ist überflüssig, und ebenso nutzlos wäre jetzt die Bemerkung, daß die Juden sich zu solchem nicht hätten zwingen lasten dürfen. Aus Madrid wird dem „Wiener Jsr." geschrieben, daß der spanische Minister sich an den dortigen Vorsteher der Israeliten mit der Bitte gewendet habe, im jüd. Gotteshause für die — inzwischen verstorbene Königin zu beten. (Seit der Vertreibung der Juden aus Spanien sind's jetzt 386 Jahre, es wohnen jetzt nur sehr wenige in Madrid, das Gotteshaus ist ein Privatzimmer.) Algier In O r a n und C o n st a n t i n e sind neue Groß- Rabbiaer eingesetzt worden und zwar an letzterem Orte Hc. Jacques L6oy, an ersterem Hr. Bloch. Besonders feierlich war der Act der Installation in Constantine, an dem sich die höchsten Localbehörden betheiligten und wobei die Musik eines Zuaven-Regiments mitwirkte. Das Ganze, und besonders die Predigt des neuen Rabbiners konnte als ein Verbrüderungsact zwischen den verschiedenen Religionsparteien angesehen werden. Damit steht dann freilich in einem schlimmen Contract, daß wenige Tage nachher eine Prügelei zwischen Israeliten und französischem Militair stattfand. Ueber Ursache und Veranlasser des Streites lauten die Berichte verschieden; Thatsache ist leider, das die Zuaven und die eingeborenen Tirailleurs von den Waffen Gebrauch machten, und daß 16 Israeliten, darunter eine Frau, verwundet, und 5 Läden geplündert wurden. Algier. Eine Depesche der „Agence Havas" meldet, daß in Setif (Constantine) ein Streit zwischen Israeliten und Eingeborenen-Truppen ausgebrochen sei. Es ist nun schon das zwei:e Mal seit wenigen Tagen, daß dort solche Conflicte entstehen. Die „Republique francaise" erfährt, daß der Anlaß zu den mehrere Tage währenden Reibungen in der Verhaftung zweier junger Israeliten zu finden sei, welche am 10. d. M beim Durchgang durch das Thor von Setif irrthümlich statt nach links nach rechts gingen- Die Mißhandlungen, welche dieselben zu erdulden hatten, riefen unter ihren Glaubensgenossen große Erregung hervor und am 13. kam er, zu einem Conflict, bei welchem die eingeborenen Schützen abermals zahlreiche Israeliten mit Säbelhieben und Bajonetthieben verwundeten. Der Unterpräfect Dunaigre suchte vergeblich mehrere harmlose Personen vor Gewaltthätigkeiten zu schützen. Die „Republique francaise" schließt mit Recht aus diesen Vorfällen, daß das gegenwärtige Regime in Algerien außer Stande sei, Ordnung und Frieden aufrecht zu erhalten und deshalb schleunigst geändert werden müffe. Auch hier wird der Uebelstand also auf das militairische Regime zurückgeführt. Die Deputirten und Senatoren von Algier verlangen, daß die Colonie unter das gemeine Recht gestellt werde. i

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