Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 27. (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- Seite 213 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Bankier und «Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben — von Ad. v. Zemlinszly Mit fieberhafter Hast setzte dieser Banknoten von großem Werthe auf die verschiedenen Kartenblätter, uni sie fast regelmäßig in die Caffa des Bankhalters verschwinden zu sehen. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirne, die Haare hingen wirr ihm in's Antlitz, während seine Zähne die Unterlippen blutig bissen. „Tausend Thaler," rief er mit heiserer Stimme und setzte eine zerknitterte Banknote auf eine Karte. „Verloren," sagte der Bankier und strich den Einsatz ein. „Es war das Letzte," murmelten die bleichen Lippen des Spielers vor sich hin. Schwerfällig erhob er sich von seinem Eitze, warf einen verzweiflungsvollen Blick auf seine Umgebung und wankte gleich einem Trunkenen aus dem Gemache. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als sich jetzt auch Abraham rasch erhob und dem Unglücklichen folgte. „Können Sie mir nicht sagen, wohin der junge Mann gerathen ist, der dort gespielt hat?" frug jetzt der kleine Mann, welcher eben aus einem anstoßenden Gemache trat und zu seinem Leidwesen die Abwesenheit Abrahams bemerkte, einige umstehende Herren. „Wahrscheinlich befindet er sich jetzt auf dem richtigen Wege der zur Hölle führt." „Warum das, hat er viel verloren?" „Viel! Bagatelle, etwa 18 bis 20,000 Thaler." „Danke meine Herren."-„20,000 Thaler" sagte der kleine Mann, während er die Treppe hinabstieg, um das Spielhaus zu verlaßen. „20,000 Thaler, wirklich, sehe ein feiner junger Mann, alle Achtung vor ihm, kann es noch weit bringen. Ei ei, Herr Beer, jetzt weiß ich Alles, was ich wiffen wollte, jetzt sind Sie geliefert; und selbst der Gott der Juden, der doch so allmächtig sein soll, kann Ihnen nicht helfen, das Zuchthaus ist Ihnen gewiß, ja jetzt weiß ich, wie viel Sie gestohlen haben und wo, ist nicht schwer zu errathen. Die Beträge stimmen ja so sonoerbar genau. Und gar höhnisch klang das schadenfrohe Lachen des Kobold» in die Helle klare Nacht hinein. 4. Auf der Mainbrücke. Ruhig, freundlich, vom silberhellen Lichte des Mondes übergosien, wälzen sich die dunkelblauen Wellen des freundlichen Mainstromes, leise murmelnd, mit einander liebkosend, dahin. Rur an den Pfeilern der großen Brücke, die über den Strom führt, wird diese Ruhe durch den Widerstand, der sich dort dem Gewäsier entgegenstellt, unterbrochen, und mit zornigem Gebraust hochaufschäumend theilen sich die Wasiermengen, um sich jedoch bald darauf am Ende des Joches liebtotend mit einander zu vereinigen und ihre große Reise in's unbekannte Weltmeer fortzusetzen. Es ist dies ein sehr gefährlicher Punkt und ängstlich weichen die kleinen Schiffe dieser Stelle aus, um nicht hinabgezogen zu werden in die Tiefe, um nicht verschlungen zu werden von den brandenden Wogen. Gar Mancher hat sich schon diese Stelle ausersehen, um durch einen jähen Sprung von der Brücke hinab in den Strom seinem Leben ein Ende zu machen, und damit vielleicht auch seinen Gewissensqualen, seinem Jammer, seinem Elende. Durch emen Sprung in die Tiefe hoffen diese Wahnbethöcten quill zu werden mit ihrem Schöpfer uns mit den Menschen. Und durch einen Sprung in die Tiefe will auch Alphons, der oben aus der Brücke steht, sich vom Leben gewaltsam losretßen, will sterben wie er gelebt, feig und in Niedertracht, denkt nicht an den Schmerz, den durch seinen Tod leine Angehörigen erleiden. ^iit wilder Ha>t war er aus dem Spielhause fortgerannt, ohne eures klaren Gedankens fähig zu sein, ohne sich vielleicht selbst Rechenschaft über sein Beginnen geben zu können, klettert er über die Brüstung der Brücke hinüber. Und sie schauen noch immer eben so mild, eben so freundlich wie vorher zur Erde nieder, die flimmernden funkelnden Sterne, und erbleichen nicht, und fallen nicht herab vom Himmelsgezelte und leuchten ruhig und friedlich weiter? Und dennoch wagte es hier ein Mensch dem Gedanken Raum zu geben, das höchste und großartigste Gottesgeschenk mit Frevlergewalt zu Vernichten. Nur wenige Augenblicke noch und der Selbstmörder steht vor dem Richterstuhle des zürnenden gewaltigen Allvaters, und dann erwartet ihn ewiges Gericht. Noch einmal wendet Alphons sein Auge nach jener Richtung hin, in welcher seines Vaters Haus steht, ein letzter Blick und die Stelle, an der er gestanden, war leer. . . . Der Unglückliche hatte ohne Zaudern seinen Entschluß ausgeführt. .Doch in demselben Augenblicke hatte auch Abraham im eiligen Laufe die Brücke erreicht, er sah Alphons Sturz hinab in den Srom und schnell entschlosien sprang auch er hinab um zu retten, zu helfen, wenn dies noch möglich. Mit starken kräftigen Annen zertheilte er die Fluth, und gar bald glückte es ihm auch den Körper Alphons an das Ufer zu bringen. Das Alles fand in solch kurzer Zeit statt, daß nur wenige Minuten verstrichen waren. Alphons hatte das Bewußtsein nicht verloren, doch schaute er ohne zu sprechen starr in die Nacht hinein. „Was wolltest Du thun?" unterbrach Abraham das unheimliche Schweigen, „welcher Dämon verleitete Dich zu solch gräßlichem Entschlüsse?" „Warum hast Du mich an meinem Vorhaben gehindert? warum? jetzt wäre es bereits vorüber, jetzt läge ich bereits drinnen im Strome und die kalten Wellen, denen Du mich entriffen, sie würden die Hitze, das Feuer in meinem Innern abkühlen, und die kalten Wellen würden meinen Körper umhertreiben, bis sie ihn endlich irgendwo an's Land werfen würden und dann, dann würde man sagen, der Sohn des reichen Banquier von Königstein sei verunglückt, habe seinen Tod gefunden in den Wellen des Main. Man hätte mich tobt betrauert, beweint, während man mich lebend verachten wird." „Alphons, Du fühlst Reue über Deinen begangenen Leichtsinn, und das ist gut, und deshalb sage ich Dir auch: Kehre zurück in Deines Vaters Haus und Niemand soll die Ereignisse der heutigen Nacht erfahren, ich verspreche es Dir." „Ich kann nicht Abraham, es ist unmöglich. Die heutige Nacht hat zwischen mir und dem Leben erne Scheidewand errichtet. Kehre ich heim, so wird das Herz meines Vaters, meiner Mutter, meiner Schwester brechen. Du staunst über meine Worte, weißt sie Dir nicht zu deuten. Ich glaube es Dir." „Weißt Du was ich gethan, wozu mrch der Dämon des unseeligen Spieles verleitet hat, weißt Du was ich gethan habe? Wechsel auf den Namen meines Vaters lautend befinden sich in Circulation, Wechsel über hohe Summen. Ich habe sie ausgestellt, und das Geld hiefür verspielt, und ich spielte weiter um das Geld zurück zu gewinnen, und als ich Nichts mehr hatte, um zu spielen, da kam mir eine fürchterliche Idee und ich führte diese aus, — ich habe die Kaffe meines Vaters heute . . . . bestohlen." Wie vom Blitzstrahl getroffen durchzuckte es Abraham. Für einen Moment lang starrte er sprachlos in das bleiche Gesicht des Sprechers, der, erschrocken über den schrecklichen Ausdruck im Gesichte Abraliams, in seinem Geständmffe inne hielt, dann aber stleß Abraham einen Schrei der Wuth, der Verachtung aus und packle Alphons an der Kehle. „Elender!" knirschte er zwischen den Zähnen, „was hast Du gethan? Warum bist Du nicht lieber gestorben, als solche Schmach über Deine Familie zu bringen. O, ich möchte Dich jetzt in den Strom werfen, aus bem ich Dich gezogen. Höre, ich will Dich jetzt allem lassen . . . wage nochmals den Sprung hinab, daß die Fluthen für immer diese Schmach debecken. (Fortsetzung folgt.)