Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 27. (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- Seite 210 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 210 — Seelen 5 Stadtverordnete (unter ihnen den Vorsitzenden der Synagogengemeinde, Hrn. Dr. C. Edel, das Vorstandsmitglied, Hrn. R Jsaac) einen Stadtrath, vr. Cohn (Abgeordneter) und einen Bürgerdeputirten zur städtischen Verwaltung stellen. Bei der jüngsten Generalversammlung der Gemeinde nahm der Vorsitzende, Hr. vr. Edel, Veranlassung, für die „Alliance" cinzutreten. Es meldeten sich in Folge dessen sofort 15 Mitglieder zum Beitritt; es wird sich daher hier ein Vorort constituiren. Der Gottesdienst, dessen stch das Vorstandsmitglied Hr. Rentier A. M. M a n a s s e warm annmimt, wird auch vielfach von den den Sommer über hier wohnenden Berlinern besucht und ist besonders an den Festtagen das Gotteshaus so überfüllt, daß man schon vielfach an dessen Erweiterung gedacht. Auch der Religionsunterricht ist, abgesehen von den Mängeln, welche ihm durch die Verhältnisse hier wie überall anhaften, gut besucht und werden befriedigende Resultate erzielt. Ein Uebel jedoch haben wir leider hier, und das ist der bekannte Nathan Schlesinger. Derselbe giebt seit einiger Zeit hier ein dreimal wöchentlich erscheinendes Blatt heraus und ist nun, nachdem er bei allen politischen Parteien glänzend Fiasco gemacht, bei den Christlich-Socialen angelangt und schimpft, wie der getaufte „Grüneberg" in Berlin, wacker auf Juden rc, das macht hier großen Chillul haschem. Er ist zwar noch nicht getauft (so lange sein Vater lebt, will er's — wie er selbst geäußert*) — nicht thun), aber er hat vor einiger Zeit ein altes Christenmädchen geheirathet. Hanau, 25. Juni. (Or.-Corr.) Aufregend genug waren und sind jetzt gewiß noch die großen und gewichtigen Tagesfragen in unserem lieben deutschen Vaterlande. Ereignisse von schwerwiegender Bedeutung haben sich zugetragen, und die daraus sich entwickelnden Consequenzen werden noch eine gewisse Zeit lang die erregten Gemüther beunruhigen und die öffentliche Meinung in hohem Grade beschäftigen. Wenn so widerwärtige Orgien gefeiert werden, dann senkt der Genius der Menschheit trauernd sein Haupt, und in dieser Bestürzung und Verwirrung und dem bänglichen Verzagen der Denkenden und der Anhänger an Kaiser und Reich wendet man sich von solchen betrübenden Vorfällen gern weg, um bei etwas Erfreulicherem verweilen zu können. Zwar ist die Sache, über welche wir hier ein kurzes Referat bringen wollen, schon älteren Datums, aber dies wird immerhin noch im Kreise unserer Religionsgenossen Interesse beanspruchen können. In diesen Blättern nämlich wurde schon öfters und eingehend von Petitionen berichtet, in welchen israelitische Gemeinden die städtischen Behörden ersuchten, aus städtischen Mitteln Subventionen oder bestimmte Beiträge zu den Kosten der israelitischen Religionsschule zu gewähren. Manche dieser städtischen Rathscollegien weigerten sich, solchen Anträgen gerecht zu werden, oder in geringem Maße diesen Gesuchen zu willfahren. Unter dem Anschein der gesetzlichen desfallstgen Bestimmungen, auf Grund veralteter Rechtsgewohnheiten und fpecieller Privilegien bemühte man sich, die billigsten Forderungen zurückzuweisen. Derartige Maßnahmen sind gewiß in einer so rührigen, aufklärenden Zeit, wie die jetzige, wo eben vor Kurzem erlassene Gesetze wieder aufgehoben, resormirt und modificirt werden müssen, nicht stichhaltig; sondern es ist im Gegentheil eine freisinnige Interpretation der Gesetze wohl angezeigt. Desto erfreulicher ist es, wenn, wie oben erwähnt, diese für uns wichtige Frage, vor zwei Jahren schon, hier eine günstige Lösung fand; denn durch Beschluß des Stadtraths, „die Vergütung für den israelitischen Rellgionsuntericht betreffend; a) in der Realschule, d) in der höheren Töchterschule", welcher Beschluß dem städtischen Gemeinde-Ausschuß zur Vorlage und Genehmigung zuging, wurde für die Folge für den israelitischen Religionsunterricht in den beiden genannten Schulen dieselbe Summe wie für den katholischen Unterricht verwilligt, *) Klingt das nicht ganz wie Esau's: Wenn nur erst die Tage der Trauer um meinen Vater da sind, dann will ich ... . (Der Mensch kann doch wohl kein Chillul haschem mehr machen! Red.) nämlich für die Realschule 153 Mark und für die höhere Töchterschule 86 Mark. — Wir können es nicht unterlassen, unsere Anerkennung hierfür auszufprechen. (Air fügen hieran die Mtttheilung, daß die durch die Verhandlungen im preuß. Abgeordnetenhause bekannte Angelegenheit der Gemeinde Merzig a. d. S. — Ueberlassung eines Zimmers im Communalschulgebäude zur Erlheilung des jüd. Religionsunterrichts — in der Stadtrathsitzung am 1. Juni eine den Wünschen des Vorstandes entsprechende Erledigung fand.) Z. München. (Or.-Corr.) A n 24. Juni feierte hier Herr Emanuel Prager gleichzeitig mit seinem 60ten Geburtstage sein 40jähriges Schriftstellerjubiläum Herr P. ist Correspondent vieler Journale des In- und Auslandes und seine Verbindungen reichen hier bis in die höchsten Regierungskreise hinauf. Welchen Standpunkt Herr P. während seiner journalistischen Laufbahn dem Judenthum gegenüber eingenommen, wird am besten dadurch charakterisirt, daß er dieselbe mit einem Artikel für die Emancipation der Juden eröffnet hat. Aber auch außerhalb seines journalistischen Berufes sucht Herr Prager im Interesse des Judensthums und stets in religiösem Sinne zu wirken. Seit zwanzig Jahren gehört er der Verwaltung der hiesigen Cultusgemeinde an, und hat an ihrer Constituirung und Fortentwicklung an seinem Theile redlich mitgearbeitet. Außerdem war Herr P. langjähriger Vorsteher des hiesigen jüdischen, gesellschaftlichen Vereins „Concordia." An seinem Ehrentage hat der hier in dem weiteren Kreise beliebte und geachtete Jubilar manni fache auszeichnende Beweise der Sympathie und Anerkennung, sowohl von jüdischer, als auch von christlicher Seite erhalten. Möge es ihm noch lange gegönnt sein in seinem schönen Berufe mit rüstiger Kraft weiter zu arbeiten und möge das Judenthum auch fernerhin einen treuen Vertheidiger und Vorkämpfer in ihm finden! Oesterreich-Ungarn. Pest, 24. Juni. (R e i ch s t a g.) Heute motivirte I st 6 c z y seinen bekannten Antrag; erjagte im Wesentlichen Folgendes: Mit dem Schwinden des mohamedanischen Elementes bleibt nur mehr Ein fremdes Element in Europa: die Juden! (Hört!) Jetzt, da Europa von der Furcht vor dem Islam befreit ist, jetzt ist es das jüdische Volk, das mit seiner fieberhaften Nervosität und unermüdlichen Thätigkeit den verwegenen Plan zu verwirklichen trachtet, die europäischen 'Völker zu unterjochen. (Hört!) Man ist bei uns bereits aus dem Emanzipationsrausch erwacht und aus der Unkenntniß der Gefahren, die unserer Gesellschaft von der Judenheit, diesem ihrem verbittetesten natürlichen Feinde droht. Der Schleier, den die Juden mittelst der ganz in ihrer Macht befindlichen Presse mit so dämonischer Geschicklichkeit den Völkern über die Augen gelegt, ist zerrissen. Aus Hunfalvy's, von Prof. Schwicker erweiterter „Etnographie Ungarns" geht hervor, daß stch die Zahl der Juden in Ungarn seit 85 Jahren verachtfachte und durchschnittlich in 30 Jahren verdoppelt. Ladislaus Kovach: Das sollten auch die Ungrrn! Lernen wir von ihnen! Viktor Jstüozy (fortfahrend): Diesen Maßstab der Vermehrung beibehalten, wird im Jahre 1900 die Zahl der Juden hierzulande 1,100,000 (Lebhafte Heiterkeit), 1930 2,200,000 I (Stürmische Heiterkeit). I960 4,400.000 1990 8,800,000 und 2020 17,600,000 betragen. (Langanhaltende Heiterkeit.) Gegenüber dieser Vermehrung sehen wir aus amtlichen statistischen Daten, daß die nichtjüdische Bevölkerung von 1869—1875 um 35.786 Seelen abgenommen hat. Die Hauptursache liegt freilich in der Cholera von 1872 und 1873. In derselben Zeit aber hat sich das jüdische Element, abgesehen von der massenhaften Einwanderung, nur durch Geburten um 20.030 Seelen vermehrt. Die Juden werden von der Cholera und anderen Epidemien verschont, wie dies Redner mit Zitaten aus alten Chroniken und aus einem Artikel der „Revue de France" zu beweisen sucht. Vielleicht liegt die Ursache in ihrer größeren Vitalität, vielleicht darin, daß sie jede schwere physische Arbeit scheuen (Eine Stimme: Das ist wahr!), vielleicht