Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 27. (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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A Er sagte, er betrachte die Einmischung der Juden in die Politik ganz von demselben Gesichtspunkte aus, wie die Einmischung der Katholiken. Beide bedeuteten für England eine Gefahr, denn den Katholiken gehe ihr Rom über England und die Juden kümmerten sich mehr um das Judenthnm als um den Patriotismus. „Ich sage Nun nicht, — bemerkte der gelehrte Brite —, man solle die Katholiken- oder die Juden- Emanzipation rückgängig machen, sondern ich sage, das englische Volk solle noch mehr als bisher wachsam und eifrig in Ausübung der politischen Macht sein." ^Ebeüsowenig wie den Engländer, hät Herr Jstüczy die verschiedenen deutschen Autoren verstanden, die er gelesen und geplündert hat. Was soll man dazu sagen, wenn er den deutschen Sozialismus als „jüdisch" bezeichnet, während es bekannt ist, daß unter den deutschen Judenhassern die Sozialisten den ersten Platz einnehmen? Den deutschen Juden kann ferner der Vorwurf des „Kosmopolitismus" am wenigsten gemacht werden und der Herr Abgeordnete, der sich hente auf Lasker und Bamberger berief, scheint keine Vorstellung davon zu haben, daß diese Männer gerade den nationalen deutschen Parteien vorstehen. Der Judenhaß, der ehemals aus religiöser Verirrung entstammte, ist jetzt eben nur noch ein politischer Behelf. In England propagiren ihn derzeit liberale und sogar radikale Blätter, in Deutschland begegnen sich hochadelige Agrarier und rothe Sozialisten in dieser Anschauung. Allein in allen diesen Fällen sind die Urheber der Propaganda sich dessen bewußt, was sie thun. während Herr Jstüczy augenscheinlich nicht seine eigenen Ideen und Zwecke verfolgt, sondern wie ein konfuser Schauspieler ist, der die Reden, die er in fünf bis sechs verschiedenen Stücken vorgefunden hat, in einem einzigen absurden Gemisch Vorbringen will. Alles, was der Herr Abgeordnete heute in seiner Rede aus Eigenem vorbrachte, trägt so sehr den Stempel der gewöhnlichsten Verschrobenheit oder Unwisienheil (wie z. B. wenn er den gutkatholischen Gambetta für einen Juden ausgiebt), daß sich Niemand veranlaßt sehen kann, darauf zu antworten. Genau dieselben Anklagen, welche Herr Jstüczy jetzt gegen die Juden vorbringt, hat man vor und nach der Bartholomäusnacht in Frankreich gegen die P r o t e st a n t e n vorgebracht und in England zu anderen Zeiten gegen die Katholiken Macaulay weist mit denselben Argumenten die Angriffe zurück, die sich gegen die Juden kehrten, wie diejenigen, welche man gegen die Katholiken richtete. Auch von den französischen Protestanten sagte man, bevor man sie vertrieb, sie wollten keine schwere Arbeit leisten und centralisirten das Gold. Der ganze glühende Patriotismus O'Connell's vermochte nicht den bornirten Feinden der Katholiken zu beweisen, daß ein Anhänger der römischen Kirche denn doch fähig sei, sein Vaterland mehr zu lieben, als den Papst. So albern war in neuerer Zeit freilich Niemand in der ganzen Welt, wie Herr Jstüczy, der den Juden einen Vorwurf daraus macht, daß sie an der Pest und an der Cholera weniger litten, als andere Leute; dergleichen ist seit Pfefferkorn und Hochstraten nicht mehr gehört worden, das ist seit mehr als 300 Jahren. Von einer geradezu unheimlichen Heftigkeit wurde der Redner, als er auf den Reichthum und den Gelderwerb der Juden zu sprechen kam. Im Abgeordnetenhause erzählte man heute — und ich erzähle das nach, ohne irgend für die Wahrheit der Erzählung einstehen zu wollen —, der Herr Abgeordnete (oder sein Vater) habe das Unglück gehabt, von einem jüdischen Wucherer arg geschädigt zu werden. Das ist nicht unmöglich. Denn es gibt sicherlich, ebenso wie es christliche Wucherer gibt, auch jüdische Wucherer — ja, man kann sagen, es gebe in allen Klassen der Gesellschaft Wucherer. Es gibt deren unter den Choristen des Nationaltheaters ebenso gut, wie unter den Angehörigen höchstaieliger Häuser. Es ist kaum ein Jahr her, daß in öffentlicher Gerichtsverhandlung constatirt wurde, in Galizien seien es manche der nobelsten Adelsgeschlechter, welche durch Wuchergeschäfte die Bauern ruiniren. Die obenerwähnte Version, wenn sie die richtige ist, würde den Seelenzustand des Herrn Abgeordneten gewissermaßen erklären und sie würde das Bedauern nur steigern, das seine Person ohnehin einflößt. Weniger zu erklären oder zu entschuldigen wäre freilich jene behagliche „Heiterkeit", welche die Anspielung des Herrn Abgeordneten auf die „üitima ratio“ auf manchen Bänken des Hauses erweckte. Herr Jstüczy an sich ist ein harmloser Fanatiker; allein, da er seine Reden aus allen Himmelsgegenden zusammenraubt, geschieht es, daß bei ihm manches Gemeinschädliche sich in das Gemeinalberne mengt. ' A. Nemünyi. Berichte und Correspondenzeu. Deutschland. Magdeburg, 28. Juni. Ueber die blutigen Vorgänge in Kalis ch hat der Telegraph bereits am 25. ausschreckende Kunde gebracht. Wir stellen die inzwischen ringegangenen näheren Mittheilungen hier zusammen. Der „Ost-Deutschen Zeit." in Posen wurde unter dem ersten Eindrücke von dort geschrieben: Heute, Sonntag, d. 23., fand seitens der katholischen Christ.» der durch acht Tage sich wiederholende, aus Anlaß des Frohnleichnamsfestes von der Kirche vorgeschriebene Rundgang durch die Straßen der Stadt statt. Es waren zu diesem Zwecke viele Altäre an verschiedenen Ecken der Straßen errichtet. Einer dieser Altäre wurde durch ruchlose Hand zum Theil zerstört. Sofort hieß es, dies habe ein Jude aus Haß gegen die katholische Bevölkerung gethan. Ohne weiteres Besinnen stürzte sich aus der Masse der Procession ein Theil der Katholiken auf die zufällig in der Nähe befindlichen paar Israeliten und schlug diese zu Boden. Der Bann war gebrochen, der Anfang zur Judenhetze gemacht. In nur wenigen Minuten hatte sich die Procession aufgelöst, ein großer Theil strömte wie auf Commando instinctmäßig nach dem Judentempel und in die Bethäuser, zerbrach alles Werthvolle in ihnen, demolirte Altäre und Kanzel, riß das Aller - heiligste und die Bundeslade auf, worin die Gesetzesrollen befindlich, und zerstörte letztere derart, daß auch nicht ein Atom übrig blieb. Während dieser Vandalismus in den Tempeln und Bethäusern verübt wurde, geschah das Unerhörteste auf den Straßen. Mit Waffen aller Art, Sensen und Dreschflegeln, die sich die Fanatiker in aller Eile beschaffen konnten, bewaffnet, drangen diese auf alle ihnen begegnenden unschuldigen Israeliten ein und machten ihnen unbarmherzig den Garaus. Zwölf Juden wurden in Folge dessen das Opfer dieses Fanatismus. (Hat sich G. s. D. nicht bestätigt. R.) Nun rettete sich Alles, was konnte, in die Häuser, verschloß, verrammelte und verbarrikadirte diese von allen Seiten. Wer nicht Zeit gewinnen konnte, die Geschäftsläden zu sichern, dem wurde ein nicht geringer Theil des Inhalts geplündert. Das Geheul und der Jammer sind mit Worten nicht zu beschreiben. Selbst die evangelischen Christen sind vor einem Ueberfall nicht sicher. Zum Unglück ist die Stadt zur Zeit grade ohne jegliches Militär; die Garnison, ein Regiment schwarzer Husaren, ist vor ca. 14 Tagen ausgerückt. Nach der „Pos. Zeit." sollen diese ersten Nachrichten etwas übertrieben sein, sie bemüht sich, den Vorgang wesentlich.harmloser darzustellen: „Schaaren von Gläublgen eilten am Sonntag zur Nikolauskirche, von wo die Procession heraustreten sollte, plötzlich verbreitete sich das Gerücht, die Juden werfen mit Steinen auf die Heiligthümer, rotten sich auf dem.Markte zusammen und zerstören die Altäre. Dabei wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten sich dafür rächen wollen, daß das christliche Volk unter Nichtbeachtung eines jüdischen Ceremoniells tCruw) die Drähte zerrissen hatte. Sofort stürzte sich die Menge auf die sich zerstreuenden Juden, die Behörden wurden von dem Exceß benachrichtigt, zwei Abheilungen des städtischen Bataillons versuchten die Ordnung wieder herzustellen. Die Nachricht von dem Geschehenen verbreitete sich mit Blitzesschnelle auf den nächsten Dörfern und ihre Bewohner erschienen mit Heugabeln, Keulen; ein Steinhagel überschüttete die von Juden bewohnten Häuser, man zerlrüinmecte J