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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-03 · N° 27. (3.7.1878) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 27. (3.7.1878)
Date
1878-07-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang m 27 Isis. HsrsrlttrsHr Wochen Schritt für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums jf* **;■ Erscheint jeden Mittwoch «.kostet sammt dem allwöchentlich erscheinenden „Jüd. Literaturblatt" von Rabb. vr. M. Rahmer bei allen Postämtern u. Buchbandlungen vierteljährlich 2 Mark 80 Pf. Mit dirccter Zusendung: in Deutschlauo 12 Ml. (7 fl.); nach dem Auslande: 15 MI. (18 FrcS.) jährlich. Zieraiitivoe'tlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Dr. 2. Treucnfets in Stettin. Einzelnummern der „Wochenschrift" » 25 des „Literaturblatts" a 15 Ps. Pf. Magdeburg, 3. Juli. Inserate für die „W o ch e n f ch r i f t", di« dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum 35 Pf., (für das „Literaturblatt" ä 20 Pf.,1 sind durch fämmtliche Annoncen-Expeditionen oder direct an die Expedition der Israelitischen Wochenschrift in Magdeburg" einzusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2500 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: Leitende Artikel r Die Jstoczy-Episode. Berichte und Corresponvenre«: Deutschland- Magdeburg. Ber'.in. Charlottenburg. Hanau. München. * Oesterreich-Ungarn: Pest. vermischte und neueste Nachrichten: Berlin. Frankfurt a. M. Avenches. Basel. Paris. Paris. Wieruszow. Aus Rumänien- Madrid. Algier. Algier. Feuilleton r Bankier und Handelsjude. Inserate. Mit dieser Nr. beginnt das dritte Quartal dieser Wochenschrift. Neu hinzuiretende Abonnenten erhalten die den Anfang der Erzählung „Bankier und Hände lsjnde^ bringenden Nummern — soweit der Vorratreicht — gegen Einsendung von 30 Pf. an die Expedition. Die Jstoczy-Gpisode. (Siehe die Reichstagsverhandlungen unter „Pest.") Pest. 24. Juni 1878. In diesem Augenblicke erhebt sich von einer Bank des Centrums ein hochgewachsener Mann von etwa 32 Jahren. Sein Haar ist dunkel, der Bart ist blond, die Gesichtsfarbe fahl, das Auge unstät, die Stirne niedrig und breit, der Ausdruck des Gesichtes weist auf Arbeit, Nachdenken und Leidenschaftlichkeit. . . Wie der Redner die ersten Worte spricht, setzt der Präsident den Telegraph in Bewegung, der nach dem Korridor führt. Die Abgeordneten strömen von allen Seiten in den Saal, sichtbar heiter gestimmt in Erwartung der „Hetze", die nun komnien soll. ... Der Redner hat die frivole Menge keines Blickes gewürdigt und seine Rede begonnen, unbekümmert darum, ob seine Worte vernehmbar seien oder nicht. . . Der Vortrag ist studirt, aber nicht affektirt; das Organ des Redners ist angenehm, nicht stark, aber fähig, die verschiedensten Empfindungen auszudrücken; die Geste ist mäßig und nicht ausdruckslos, so lange der Redner sich beherrscht; in manchen Mometen jedoch verliert seine Seele das Gleichgewicht, die Worte überhasten sich, die Gesten werden heftig und häufig und die ganze Figur wird grotesk... Das ist Viktor Jstöczy, der Judenhasser, der heute seinen bekannten Antrag im Reichstag motivirt. Wenn man den Herrn Abgeordneten einige Zeit hindurch angehört hat, empfindet man eine Art des Bedauerns mit dem Redner. Das Wort fehlt ihm zumeist, wenn er aus den vorgebrachten Fakten einen allgemeinen Satz ableiten will, während er die ihm bekannten und geläufigen Thatfachen mit Präcision und manchmal mit anmuthigem Pathos vorzutragen weiß. Im Ganzen macht er den Eindruck eines Menschen, der vielerlei gelesen aber nie selbstständig gedacht «Juli. 1878. Tammus. 563% Katender. 3 2 ' 4 3 5 4 6 5 I-HD (Ende 9 U. 17 M.) 1 Perek 4 7 6 8 7 9 8 Wschen- Mittwoch . Donnerstag Freitag . . Sonnabend Sonntag . Montag . . Dienstag . hat. Aus der Lektüre hat er die Form sich angeeignet, während die ihm angeborene Beschränktheit des geistigen Horizonts ihn hindert, einen eigenen Gedanken den fremden beizufügen. Auch die heutige Rede war nur zu einem verschwindend kleinen Theile Herrn Jstdczy's Eigenthum. Ich könnte dem Herrn Abgeordneten genau Nachweisen, was er aus den verschiedenen Schriften über die Judenfrage genommen hat. Die leitende Idee seiner Rede ist aus einer französischen Schrift genommen, die unter dem Titel: „Les juifs rois du sifecle“ vor etwa 10 Jahren in Paris erschienen ist. Gelesen hat der Herr Abgeordnete einige Schriften von Konstantin Franz, allein, da ihm die volkswirthschaftlichen Kenntnisse wie cs scheint, ganz abgehen, hat er nicht verstanden, was der deutsche Ultramontane mit seinen Reden gegen die Plutokratie bezweckte. Aufrichtig eingestanden hat der Herr Abgeordnete, daß er einige im Winter dieses Jahres publicirte Essays des „Nineteenth Century“ studirt hat. Er hat aber vergessen zu sagen, wie er diese Artikel benützt hat. Der erste dieser Artikel erschien im Monat Februar, unter dem Titel: „England’s abandonment of the Protectorate of Turkey“ und hatte Professor Goldwin Smith zum Verfasser. Der Artikel, der sich vornehmlich mit der Disraeli'schen Politik beschäftigte, dieselbe beleuchtend und kritisirend, machte dem englischen Kabinetschef den Vorwurf, er verfolge eine jüdische Politik, indenr er die Türken unterstütze, und der Autor kam zu dem Schluffe, die Juden seien so gut wie die Türken — die Einen, wie die Anderen gehörten nicht nach Europa. Von hier hat der Herr Abgeordnete jenen Theil seiner Rede übersetzt, der sich auf die Kulturmission der Juden im Orient bezieht und auf die Unvereinbarkeit des Judenthums mit der modernen christlichen Civilisation. Auf diesen Artikel antwortete Herr Hermann Adler in London in einem Artikel mit der Ueberschrift: „Can Jews bePatriots?“ Nach englischem Brauch veröffentlichte die Redaction auch diese Arbeit, die eme gelehrte und geistvolle Widerlegung der Aeußerungen des Goldwin Smith enthielt. Unter dem gleichen Titel: „Can Jews be Patriot«?" antwortete dann der angegriffene, sonst sehr verdienstvolle Geschichtschreiber in durchaus würdiger Weise.

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