Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 26. (26.6.1878)
- Date
- 1878-06-26
- Page
- Seite 204 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^^Serlrn. Im Dezember v. I. ersuchte der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde den Architekten-Vercin um Einleitung einer Concurrenz behufs Erlangung von Plänen zur Bebauung des neuen, bei Weißensee belegenen Friedhof Terrains der jüdischen Gemeinde. Außer der allgemeinen Disposition der Anlage sollte ein Leichenhaus, eine Kapelle, ein Diensthaus und die Umfassungsmauer mit Einfahrtslhor und daran anschließenden Psörtnerwohnung entworfen werden. Die vom Architekten-Verein in Folge dessen ausgeschriebene Concurrenz fand eine rege Betheiligung, indem 24 Arbeiten einliefen, deren Beurtheilung ein aus 4 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde (Prof. Lazarus, Rentier I. Meyer, Baumeister Landsberg, Maurermeister Frankel) und 3 Delegirten des Architecten-Vereins (Geh. Reg.-R. Hitzig, Baurath Ende und Baumeister Otzen) zusammengesetzte Commission soeben beendigt hat. Als Preise waren 2100 Mk. ausgesetzt, welche die Commission unter die Verfasser der als die 3 besten befundenen Entwürfe (Architect Kuhn, Architect v Holst und Baumeister Licht) zu vertheilen beschlossen hat; zur Erlangung eines zur Ausführung geeigneten Projektes soll unter den genannten drei Herren noch eine engere Concurrenz eröffnet werden. Berlin, 20. Juni. Die französischen Delegirten der All. Jsr. univ. (HH. Ch. Netter und S. Kahn) haben Herrn v. Bülow ihre Aufwartung gemacht. Dieser sagte ihnen, daß man für die Juden im Orient nicht Toleranz, sondern freie Ausübung ihrer Rechte verlangen werde. (Die in vor. Nr. erwähnte Denkschrift, die auch uns zur Unterschrift Vorgelegen, werden wir in nächster Nr. mittheilen.) Hannover, 16. Juni. (Or.-Corr.) Nachdem am ersten Tage Schabuoth ein Dankgebet und Fürbitte wegen der Rettung und für die Genesung Kaisers Wilhelm nebst entsprechender Predigt in hiesiger Synagoge gehalten worden war, bot der plötzlich erfolgte Tod König Georgs abermals Gelegenheit zu einer besondern synagogalen Feier. Die Aufgabe, die dem Landrabbiner Dr. Meyer in dem Abhalten dieser Gedächtnißrede gestellt war, ist gewiß keine leichte gewesen. Man erwartete, daß er sich ihrer mit Takt, Würde und Ernst entledigen, der Liebe gegen die ehemaligen Herrscher ebenso gerecht werden, wie der Loyalität gegen die jetzigen. Die Rede hat die Erwartungen noch übertroffen. Man hegt allgemein den Wunsch, daß diese Rede, vielleicht zusammen mit der ersterwähnten, seh leumas seh, dem Druck übergeben werde. Jedenfalls kann bezeugt werden, daß beidemal die aus dem Herzen kommenden Worte Eingang in die Herzen der Alt- und Neuhannoveraner gefunden haben. Königsberg i/Pr. Aus dem 9. Jahresbericht des vom Rabb. Dr. Bamberger begründeten „Israelitischen Studien- Beförderungs-Vereins für die Provinzen Ost- und Westpreußen", ersehen wir, daß im verflossenen Vereinsjahre 3065 Mk. Stipendien an Studirende, Seminaristen, Musik- und Bau-Eleven vertheilt worden, während das Kapitalvermögen um 1200 Mk., also im Ganzen auf 22,350 Mk. angewachsen ist. Der Verein hat die Aussicht, recht bald Korporationsrechte zu erlangen, und umfaßt gegenwärtig 432 Mitglieder in 56 Städten. München. Richard Wagner macht wieder einmal in Judenhaß. In seinen „Bayreuther Blättern" veröffentlicht er mit sichtlichem Wohlbehagen einen Herzenserguß von dem bekannten politischen Querkopf Konstantin Frantz, worin es u. A. heißt; „Geradezu ekelhaft endlich muß uns der jetzt präparirte und so anspruchsvoll auftretende neue deutsche Nationalgeist erscheinen, wenn es thatsächlich Juden sind, welche sich als die berufensten Stimmführer deffelbeu geberden, und damit ebenso Geschäfte machen, wie auf der Börse oder im Kleidertrödel. Ei, wenn wir so durchaus deutsch national werden wollen, stoßen wir doch zuvördeist das Judenthum aus, welches sich wie ein Bandwurm in unserem Nationalkörper eingenistet, die innersten Lebenskeime deutschen VolksthumS verderbend und aussaugend." Was werden zu diesen Artigkeiten die jüd. Musikjobber sagen, die am lautesten in die Wagnertrompete stoßen? Hamburg. Einen Vortrag über Humanität zum Besten der Nothleidenden türkischen Juden hielt der Ober-Rabbiner Herr vr. Jsaacsohn am Donnerstag, den 13. d. Mts. in der dichtgefüllten Aula des Johanneums. Nachdem der Redner den Begriff Humanität als Menschenliebe gegen das Individuum ohne Rücksicht auf Rang und Religion, definirt hatte, zeigte er wie in den orientalischen Staaten des Alterthums Humanität nicht habe vorhanden sein können, da in diesen Despotien kaum die Masse, geschweige der Einzelne, einen Werth gehabt habe. Selbst bei den Griechen sei das Jnduviduum hinter dem Staate fast ganz zurückgetreten und die hohe Meinung, welche man von der eigenen Vollendung gegenüber der Barbaren (d. h. der Nichtgriechen gehegt habe, sei die Ursache strenger Ausnahmebestimmungen gegen den Ausländer gewesen. In Israel dagegen habe es geheißen: „Ein Gesetz sei für Dich und den Fremden." Auch die feste Ueberzeugung, welche Israel von seinem hervorragenden Berufe als Verbreiter der reinen Gotteslehre in sich trage, habe nicht verhindert, selbst dem Heiden, wenn er tugendhaft sei, die Glückseligkeit zuzuerkennen, wie ihn hienieden der vollkommsten Humanität zu empfehlen. Welche Religion die beste sei? Darauf hat der Prophet (Micha Cap. 4, V. 5) für alle Zeiten die entscheidenste Antwort gegeben, nur meinte der Redner noch hinzufügen zu müssen: „Die Religion enthalte am meisten beseeligende Wahrheit, welche die größte Humanität und allgemeine Menschenliebe lehrt." Der Vortrag, welchem u. A. der Hr. Bürgermeister, sowie mehrere geistliche Herren beiwohnten, wurde von der Versammlung sympathisch ausgenommen und soll der Ertrag der stattgehabten Collecte recht bedeutend gewesen sein. Jassy. Im „Lembg. Jsr." veröffentlicht Dr. Lippe ein- Reihe von Artikeln über die rumänischen Juden; wir ente nehmen denselben folgende historische Reminiscenz. „Als nach dem Krimkriege die orientalischen Verhältnisse geregelt werden sollten, wurden sämmtliche Nationalitäten und Confessionen in der Moldau-Wallachei aufzefordert ihre Ansprüche auf Verbefferung ihrer bürgerlichen und politischen Verhältnisse zu formuliren. Die Juden allein ließen diese günstige Gelegenheit unbenützt vorübergehen. Sie hatten keine Wünsche auszudrücken und keine Ansprüche geltend zu machen und schienen sich ans ihrem exclusiven Standpunkte behaglich zu fühlen. Umsonst wandten sich die, dazumal ebenfalls bürgerlich nicht vollberechtigten Armenier an die jüdischen Gemeinden mit der Vorstellung, die jüdischen und die armenischen Gemeinden möchten vereint ihre Delegaten zum Congreffe noch Paris schicken, um daselbst die Gleichberechtigung beider Confessionen zugleich zu erwirken. Die Armenier rechneten auf die Verwendung der jüdischen Notablen in Paris für deren Glaubensgenossen, welche auch ihnen zu Gute kommen werde. Die damaligen Jassyer Gemeindepräsentaten verwarfen diesen Vorschlag angeblich aus der rein väterlichen Fürsorge: die Gleichberechtigung könnte schädliche Folgen für die jüdische Religion mit sich bringen. Leider haben sie noch bei ihren Lebzeiten mit ansehen müssen, wie ihre Kinder und Enkel auch ohne den Genuß bürgerlicher und politischer Rechte den Satzungen des Judenthums Hohn sprachen. Der Pariser Congreß hatte ausgelagt, der Pariser Traktat von 1856 wurde geschloffen ohne der rumänischen Juden zu gedenken. Weder der Vertreter der mohamedanischen Pforte, noch der des orthodoxen judenfresserischen Raßlands, noch der des damals katholisch-concordallichen Oesterreichs, noch der des junkerlichen Preußen fanden sich veranlaßt, aus freien Stücken für die Verleihung von Rechten an die Moldau-Wallachischen Juden, die den Juden ihres Heimathslandes so hartnäckig vorenthalten ward. Jassy, 18. Juni. Das von der rum. Regierung telegraphisch dementirte „Scrlachtreglement" (vergl. vor. Nr.) ist amtlich publicirt ä. ä. 12. April 1878 und straft das Dementi Lügen. Das „si fecisti, nega!“ — zieht nicht mehr.