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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-06-26 · N° 26. (26.6.1878) · p. Seite 205

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 26. (26.6.1878)
Date
1878-06-26
Page
Seite 205 (sequence 7)
Language
German
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205 — ... Feuilleton. Bankier und Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben — von Ad. v. Zemlinszly. (Fortsetzung.) Bestürzt eilte der Bankier hinzu und der einzige Blick, den er in das Innere that, genügte, um ihn die Gewißheit zu verschaffen, daß hier ein Einbruch stattgefunden habe. Eine eilig angestellte Untersuchung stellte die Thatsache fest, daß 20,000 Thaler der Cassa entnommen worden waren. „Wer hat das gethan?" flüsterten die bleichen Lippen des Bankiers. Als sollte seine Frage sogleich Beantwortung finden, und als habe Gott selbst gesprochen, fiel sein Bück auf einen am Boden liegenden Gegenstand. Schnell bückte sich der Bankier, um ihn aufzuheben. Es war ein kleiner goldener Ring mit grünem Steine. Beim erblichen desselben stieß der Bankier einen Schrei aus und verbarg ihn hastig in seiner Tasche. Stunden waren verflossen, man suchte den Bankier im ganzen Hause, endlich fand man ihn im Caffazimmer mit leichenblassem Antlitze, mit gerötheten Augenlidern. Alle, die ihn gesucht hatten, sahen die hier herrschende Unordnung, und wußten auch bald, daß der Bankier bestohlen worden sei, doch als sie auch vernommen hatten, welche Summe eigentlich fehlte, konnte es sich doch Niemand erklären, weshalb dieser Verlust, der doch im Verhältniffe zu dem Vermögen des Bankhauses wirklich unbedeutend zu nennen war, ihn so sehr niederdrückte und der V rzweiflung nahe brachte. Sie hatten Recht, der Verlust des Geldes war er nicht, was ihm Thränen erpreßte, es waren Thränen der Scham und des Schmerzes, er glaubte zu wissen, wer der Dieb sei, und der durfte es nicht sein, sollte nicht die Ehre und der Credit des Hauses auf das Äergste geschädigt werden. 3. Im Spielhause. In der Nähe des Stadthauses steht ein kleines zweistöckiges Gebäude, dort wird er wahrscheinlich sein, hatte Abraham geantwortet, als ihm Sidcnie über den Aufenthalt Alphons befragte, und dorthin richtete auch Abrahapi seine Schritte, als er das Haus des Bankiers verlassen hatte. „Die letzte Stunde war entscheidend, für mein ganzes Leben," sagte er halblaut vor sich hin, „ich bin verloren, wenn der Bankier es erfährt, ach, er muß es ja erfahren, denn es ist ein Schatz, den ich ihm gestohlen, jawohl g e st o h l e n. Mit Recht kann er mich einen Dieb schelten, mich aus seinem Hause jagen, und ich, ich darf nicht ein Wort zu meiner Vertheidigung sagen, ich muß schweigen, muß die Schmach ruhig ertragen, wenn er mich des Undankes zeiht, denn er hat recht. Ehrlich mußte ich sein, mußte ihm Alles bekennen, und von ihm wäre dann die Entscheidung abhängig gewesen. Und dennoch, ich konnte ja nicht anders, es war ja nur ein kurzer Augenblick des Glückes, und von diesem ließ ich mich Hinreißen. Oh! er hat ein gutes Herz, er wird verzeihen und Alles kann noch wieder gut werden." Und er bemerkte es nicht, daß leise hinter ihm ein kleines, kaum 5 Schub hohes Männchen folgte, und aufmerksam diesen Worten lauschte. „Warte nur hoffärtiger Jude," sagte dieser, „dir werde ich es vergelten, daß du so gut zu rechnen verstehst. Der frühere Buchhalter des Bankiers sah gar Manches durch die Finger und ich hatte einen artigen Nebenverdienst. Der — der Handelsjud' aber, denn nichts anderes ist er ja, da sein Vater nichts anderes kann, als den ganzen Tag sein „Handelswos" schreien —, der hat mir einige Male schon auf die Finger geklopft, und mir sogar gedroht, mich dem Bankier zu denunziren, weil er zu ehrlich ist, der dumme Teufel. Aber warte nur, dir will ich es jetzt eintränken, mit Zinseszinsen dir deine Höflichkeit zurückgeben. So, also IX ein Dieb ist er! Was hat er denn nur g^stohl««? Doch gleichviel, er hat gestohlen, er sagt es ja selbst, paß auf, - wir werden ja bald quitt werden. Wohin geht er denn nur so spät? El, ei Herr Abraham Beer, man geht, wenn man Nlich nicht täuschen will, aus d"r Judenstadt hinaus, so, und wohin jetzt, über den Rathhausplatz und jetzt bleibt er stehen. Ei, ich Dummkopf, wo hatte ich denn nur meine Gedanken, der feine Herr geht in's Spielhaus, also muß man auch Geld haben und zwar viel Geld, denn dort wird sehr hoch gespielt, ei, ei Herr Abraham Beer, ich glaube, wir werden quitt werden, und meine Schuld soll endlich beglichen sein. Er geht wirklich hinein, wie ich es mir gedacht habe, gut, ich folge ihm, er soll mir heute nicht entgehen, ich muß dahinter kommen, mit wessen Geld er spielt." Schadenfroh rieb sich der kleine Mann die Hände und beschleunigte seine Schritte. ist doch wirklich eine rechte Freude," schmunzelte er, „wenn man so einem Juden ordentlich deikommmen kann." Im ersten Stockwerke des bezeichneten Gebäudes befanden sich mehrere elegant dekorirte, hell erleuchtete Gemächer, in welchen die mit grünen Tüchern überspannten Tische, die Bestimmung derselben genugsam kennzeichneten. Es war ein Spielhaus der schlimmsten Sorte, in welchem sich allabendlich die jüngeren Söhne der Aristokratie und der Kaufmannswelt Renvezvous gaben, um dem Gotte Mammon zu opfern, um dort die oft in Thränen und Schweiß ihrer Väter erworbenen Summen zu verspielen. Und wie alle Tage, so hatten sie sich auch heute eingefunden, sich an den verschiedenen Tischen niedergelassen und gar bald dem in vollem Gange befindlichen Spiele ihre ungetheilte Aufmerksamkeit gewidmet. Und deshalb bemerkte auch Niemand, oder beachtete es nicht, das Ocffnen und Schließen der Thüre, und Niemand gewahrte den Elntretenden. der zögernd am Eingänge stehen blieb, forschend seinen Blick im Gemache umherschweifen ließ und sich dann leise einem der Tische näherte. Und abermals wurde die Emgangsthüre geöffnet und durch dieselbe schob sich das kleine Männchen, welches vorher so beharrlich den Schritten Abrahams gefolgt war. Sein schiefer lauernder Blick fand sogleich den Gesuchten aus den Anwesenden heraus. Heute hatte für ihn nichts anderes Interesse und mit katzenartiger Behendigkeit umging er den Tisch, an welchem sich Abraham befand und postirte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter seinem Rücken. Abraham hatte auch wirklich die Anwesenheit des kleinen Mannes nicht bemerkt, da er mit großer Aufmerksamkeit dem Spiele am Nebentische folgte und nur von Zeit zu Zeit an feinem Tische pointirte, um sich hierdurch das Recht seines Hierseins zu erkaufen. Der von Abraham so sehr beobachtete Tisch war von einer Gruppe Herren umgeben, welche neugierig in gespannter Erwartung den jeweiligen Ausrufen des Bankiers lauschten, wenn dieser die Karten abzog und welche fast immer ungünstig für einen jungen, bleichen Mann fielen, in welcheni man nur sehr schwer wieder den Sohn des Bankiers erkennen konnte, so schwer hatte sich die Leidenschaft des Spieles seiner bemächtigt. Abraham war zu spät gekommen, er sah dies ein. Ihm jetzt noch vom Spiele zurückqalten hieß einen sicheren Skandal proooziren und er mußte sich demnach stillschweigend verhalten und warten, ob er nicht dennoch auf irgend eine Art helfen konnte. Ein peinigender Gedanke warmes auch, welcher in seinem Gehirne unruhig fieberte. Woher hatte Alphons diese großen Sunillien genommen, die er hier verspielte! Er wußte sich hierauf keine Antwort zu geben. Es wurde ihm plötzlich so unheimlich schwül. Er öffnete fernen Rock, nahm fern Halstuch ab, um sich etwas Erleichterung zu verschaffen. Umsonst, wie ein Alp lag es auf seiner Brust und immer und immer wieder legte er sich die Frage vor, woher hat Alphons das Geld genommen? (Fortsetz. folgt.)

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