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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-06-26 · N° 26. (26.6.1878) · p. Seite 201

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 26. (26.6.1878)
Date
1878-06-26
Page
Seite 201 (sequence 3)
Language
German
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— 201 — Berlin, lieber die Regelung der confessionellen Verhältnisse im Orient enthält die „Nordd. Allg. Ztg." die folgende Auslastung: „Wie schon gemeldet, ist von Seiten der „Alliance israelite" der Versuch unternommen, den Congreß für die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten in Rumänien zu interessiren. Wir wissen selbstverständlich nicht, ob der Kongreß Zeit und Neigung haben wird, sich auch der Erledigung dieser im Vertrage von San Stefano nicht berührten Angelegenheit zuzuwenden; es erinnert aber die Bemühung der vorgenannten Alliance unwillkürlich an die Verhandlungen des Reichstages, in welchem der Handelsvertrag mit Rumänien wohl wesentlich deshalb nicht zu Stande gekommen ist, weil deutsche Reichsbürger israelitischer Confeffion in Rumänien nicht alle die Vortheile hätten genießen können, welche christlichen Deutschen durch denselben zugewenvet worden wären. Das Streben der „Alliance israelite" ist ein sehr natürliches und steht in voller Harmonie mit den Bestrebungen, deren Organ diese Vereinigung im Interesse ihrer Glaubensgenoffen seit vielen Jahren gewesen ist. Nach unserer subjektiven Anschauung würde aber diese Frage der Judenemanzipation kaum zur Lösung gelangen können, ohne daß gleichzeitig diejenige Frage, welche die eigentliche Grundursache des ganzen Krieges, ja der Wirren im Orient überhaupt gewesen ist, ihre vollständige Erledigung fände. In erster Linie resultirten die endlosen Aufstandsvervexsuche, die daraus hervorgehenden blutigen Kämpfe in der Türkei, immer aus der Unmöglichkeit für den Islam, den andersgläubigen Einwohnern der türkischen Machtsphäre gleiche bürgerliche Rechte mit den Mohamedanern einzuräumen. Dieser Widerspruch mit dem Geist moderner Civilisation hat endlich zu einem Kriege geführt, in dessen Folge die ganze Gestaltung des Orients auf neuen Grundlagen sich wird vollziehen müssen. Was wäre nun natürlicher, als daß vor allem Anderen jener Mißstand vermieden wird, welcher die Präponderanz des Islams auf die Dauer unmöglich machte? Die ausschließliche Herrschaft der Orthodoxen hellenischer und bulgarischer Confeffion und Römisch-Katholiken ober von Ottomanen, in diesen und jenen Theilen des Orients, würde in diesen Gegenden unvermeidlich eine neue Serie von Kämpfen heraufbeschwören und und am Ende vielleicht wiederum das schiedsrichterliche Eintreten Europas erforderlich machen. Eine Garantie dafür gäbe eventuell die Proklamirung des unbedingten gleichen Rechts für alle Culte im Orient. Es ist nicht zu verkennen, daß bei dem minder entwickelten Culturzustande fast aller dortigen Landeslheile eine solche Conceffion nicht ohne Bedenken für einzelne Staaten ist, ein Bedenken, dem ja gerade die bisherige, in gewlffer Hinsicht ausschließende Gesetzgebung Rechnung zu tragen suchte. Es würde aber dort wohl möglich gemacht werden können, jene Garantien, diej. B. die Regierung Rumäniens gegen eine gefürchtete Ausdeutung ihrer christlichen Staatsbürger aufzurichten sich verpflichtet fühlte, durch andere Akte der Gesetzgebung oder Administration vollständig zu ersetzen, welche nicht geradezu eine Ungleichheit der Einwohner verschiedener Bekenntmsse constatiren, und jedenfalls wäre es ein Widerspruch gegen die Tendenz der ganzen Mission, welcher Europa im Hinblick auf den Orient sich unterzogen hat, wenn nach die Befreiung der christlichen Einwohner von der Bedrückung durch den Islam nun der Glaubenszwang, den die Christen bisher zu erdulden hatten, gegen andere Confeffionen, sei es nun der Islam oder das Judenthum, weiter geführt werden sollte." Bei der bekannten Stellung der hochofficiösen N. A. Z. ist diese Auslassung, welche überdies von dem correktesten Standpunkte in Beurtheilung der confeffionellen Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel ausgeht, sehr wichtig. Berlin. Wie das „Berl. Tagebl." meldet, werden sich die engl. Congreßmitglieder (Beakonssield und Salisbury) der Adreffe der „All. Jsr. Univ." zu Gunsten der rumänischen und serbischen Juden annehmen. Man erzählt, Fürst Bismarck — der übrigens die jüd. Deputation nicht empfangen hat — habe dem Bankier von Bleichröder, (den man für die Sache intereffirt, und der seine Befürwortung beim Fürsten zugesagt hak) erklärt, daß ihm eine Dauer versprechende Lösung der orientalischen Angelegenheiten undenkbar erscheine, wenn dieselbe nicht auch die relig. Fragen im Sinne weitgehender Duldsainkeit erledige. (Siehe „Neueste Nachrichten.") Eisenach, 18. Juni. (Or.-Corr.) Auf eine von unserem Landrabdiner, Hrn. vr. Kroner, an S. K. Hoheit den Großherzog gerichtete Zuschrift, in welcher derselbe in seinem und seiner Glaubensgenossen Namen unfern Gefühlen über das ruchlose Attentat vollen Ausdruck gab, ward ihm folgende Antwort, deren Aufnahme sich in unser Aller Jntereffe empfiehlt. „Die treuen und theilnehmenden Gesinnungen, welche Sie, Mein lieber Herr Landrabbiner, Mir im Namen Meiner israelitischen Unterthanen aus Anlaß des ruchlosen Attentats auf Seine Majestät den Kaiser aussprechen, nehme Ich mit um so größerer Freude entgegen, als Ich von deren voller Aufrichtigkeit überzeugt bin. Ich weiß, daß Sie und Ihre Glaubensgenossen tiefen Abscheu empfinden für die Schädigung, welche dem Reich in der geheiligten Person des Kaisers zugefügt werden sollte, und daß Sie warmen Antheil nehmen an dem persönlichen Kummer, welchen ich durch die Verletzung und Betrübung eines so theuren und verehrten Verwandten erfahren habe. Gott, der die Ziele des Verbrechers vereitelte, wolle auch unser Aller Gebete erhören und dem Kaiser volle und baldige Genesung gewähren! In dieser Bitte weiß Ich Mich Eins mit Ihnen und JhrenGlaubensgenossen und verbleibe Ihr Ihnen wohlgeneigter Carl Alexander. Belvedere, den 14. Juni 1878. An den Landrabbiner Hrn. Dr. Th. Kroner. *** Frankfurt a/M., 18. Juni. Das „Mädchenstif t" veröffentlichte nach Ablauf der ersten acht Monate seines Bestehens (vom 1. Mai bis 31. Dece.nber 1877) seinen ersten Bericht, aus welchem wir das Wesentlichste hier mittheilen. Der Zweck der Anstalt ist, hier conditconirenden oder sich einem höhern Berufe widmenden israelitischen Mädchen eine Heimstätte zu bieten, wo sie den Schutz einer geordneten und gesitteten Häuslichkeit finden sollen. Zur Erreichung dieses schönen Zieles hat die Ehrenpräsidentin, Frau Charlotte Speyer, das Haus Rückertstraße Nr. 9 angekaufr und mit allen möglichen Erfordernissen ausgestattet, dem Verein überwiesen, außerdem auch zur bleibenden, ehrenden Erinnerung an ihren entschlafenen Gatten, Herrn Philipp Speyer, die Summe von dreißigtausend Mark als Capitalstock bestimmt, welcher sich bis Ende 1877 bereits auf 44,520 Mrk. emporgehobeu hat. Die für den Betrieb bestimmten Gaben beliefen sich auf 1395 Mrk. Ueberdies wurden dem jungen Institute viele werthvolle Geschenke, als Bücher zur Begründung einer Hausbibliothek, eine prachtvolle Nähmaschine und verschiedenartige nützliche Utensilien zugewendet. Die Zahl der beitragenden Mitglieder beträgt bereits 557; der geringste Jahresbeitrag ist 6 Mrk. Bei Eröffnung der Anstalt wurden 6 Mädchen ausgenommen; mit der Zunahme der Mittel konnte die Zahl bis auf 12 erhöht werden. Von diesen widmen sich 4 dem Lehrfache, eine ist als Kindergärtnerin thätig, eine bezweckt ihre musikalische Ausbildung zum späteren Lehrberufe, eine bekleidet eine Stelle als Comptoiristin, eine erlernt das Anfertigen künstlicher Blumen, eine ist in einem Geschäfte als Ladnerin thätig, drei stehen in Confectionsgeschäften in der Lehre — Dem jungen aufblühenden Institute, dessen Ziel und Streben gewiß als eines der schönsten und gemeinnützigsten anzuerkennen ist, und.das sich den vielen Stiftungen und Wohlchütigkeitsanstalten unserer Stadt als würdiges und segenbringendes Glied anrelht, wünschen wir fortschreitendes Gedeihen und die thatkräftige Unterstützung edler Menschenfreunde. Behufs Anmeldung und Aufnahme auswärtiger Mädchen ertheilt der Schriftführer des Vereins, Herr Adolf Tebläe, jederzeit bereitwilligst Auskunft. Koschmin, 11. Juni. Am 9. d. fand im Lange'schen Lo-

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