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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-06-26 · N° 26. (26.6.1878) · p. Seite 200

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 26. (26.6.1878)
Date
1878-06-26
Page
Seite 200 (sequence 2)
Language
German
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200 — h Staat und Gesellschaft zu thun? Die Dreieinigkeit, die Menschwerdung Gottes, die Erbsünde, die Erlösung durch den Tod Jesu, dessen Auferstehung und Hi.umelfahrt, diese und andere den verschiedenen Kirchen gemeinsame Lehren, wie die andern, über die die verschiedenen Confesiionen streiten — was können diese Dogmen allzumal der Sittlichkeit, der Humanität, der Gesetzlichkeit, der Ordnung nützen? Und da es sich hier speziell um die Socialdemokraten handelt, so fragen wir: wird denn wirklich auch nur ein Socialdemokrat von seinem Wahn bekehrt werden, wenn man ihm den Glauben an die Gesammtheit der christlichen Dogmen, je nach dem römischen, lutherischen, Heidelberger rc. Katechismus wieder beigebracht hat? Wir wollen dabei über ein an sich sehr wichtiges Argument ganz hinweggehen, daß nämlich die hochorthodoxen Pastoren Toot, Stöcker u. s. w., sowie Bischof Ketteler gewisse Forderungen, Klagen und sonstige Stichworte der Socialdemokratie für durchaus berechtigt erklären; wir wollen ebenso die gewiß entscheidende Frage bei Seite lassen, ob man denn wirklich die Stirn habe zu behaupten, daß die Juden, welche alle jene christlichen Dogmen verwerfen, leer seien an Humanität, Gesetzlichkeit, Sinn für Ordnung, Patriotismus u. s. w. Aber wir möchten wissen, ob man ernstlich und logisch (nicht blos durch eine hohle Phrase) zwischen diesen Forderungen des Rechts und der Liebe und jenen christlichen Grundlehren auch nur die leiseste Spur eines Zusammenhanges Nachweisen könne. Wir sagen entschieden, daß man das nicht kann, daß ein solcher Zusammenhang nicht existirt. Dagegen wird jeder Unbefangene zugeben müssen, daß jene christlichen Grurdlehren es sind, die die Religion bei einem so großen Theile der Vernünftigen in Verruf gebracht und insbesondere den grimmigen Haß der Socialdemokraten wachgerafen haben. Der größte Theil der Gebildeten und Denkenden erklärt alle jene Dogmen von A bis Z für unvernünftig und unannehmbar; sagt man ihm nun: du mußt entweder glauben, oder du hast keine Religion, — so bleibt ihm allerdings nichts übrig als die Erklärung: „dann verwerfe ich eure Religion und eure Kirche." Sieht er ferner, daß man, um den Kirchenglauben zu conserviren, seinen Kindern in der Schule den Kopf verwirrt und die Freiheit der Wissenschaft und der Forschung beschränken möchte, und wenn man gar ihn in der Freiheit seines Thuns und Lassens im Namen dieser Dogmenkirche zu behindern sucht, dann wird er aus einem gegen die Religion Lauen und Gleichgiltigen ein Feind derselben. Der Socialdemokrat aber vernimmt aus Allem, was man ihm als Christenthum und Kirchenlehre verkündet, hauptsächlich Eins. Er hört, daß man ihn immer wieder zur Geduld ermahnt, und das ist nicht die allgemeinreligiöse Tugend der Geduld, sondern jene bekannte specifische Tugend des Lämmleins, das sich mit Wonne scheeren läßt, man preist ihm den vor allen Andern glücklich, der da auf Erden arm ist und elend, geplagt und gedrückt*) und sich mit einer Anweisung auf die Freuden des Himmelreichs begnügt. Er sieht dann, daß jene, die solches predigen, selber mit Nichten sich nach Hunger und Kummer sehnen. Kann man sich im geringsten darüber wundern, wenn heut zu Tage, *) Wir werden im folgenden Artikel den Unterschied noch näher erläutern. wo der Blick der Menschen ein freierer und der Einblick in das Leben der behaglich Genießenden leichter geworden ist, weil die Mauern, welche die Höhergestellten von dem Volke trennten, doch einmal stark durchlöchert sind, — wenn, sagen wir, nunmehr der Socialdemokrat dieser Religion Streit und Haß verkündet und erklärt, sie sei nur dazu erfunden, um die Armen in ihrer Dummheit, Niedrigkeit und Unterwürfigkeit zu erhalten? Das Alles stellt sich ganz anders dar, wenn an Stelle des specifischen'Kirchendogma's die Religion tritt, der a l lgemeine religiöse Gedanke, die gemeinsame religiöse Wahrheit. Berichte und Correjpondenzen. Deutschland. Stettin, 19. Juni. Wie bereits im vor. Blatte unter „Magdeburg" berichtet worden ist, haben wir aus verschiedenen Orten Correspondenzen über abgehaltene Dank- und Bittgottesdienste aus Anlaß des Attentates erhalten. Es ist nicht möglich, dieselben auch nur in kürzestem Auszuge abdrucken zu lasten. Doch wollen wir wohlgemeinter Mühe ihren Lohn nicht vorenthalten, und für Diejenigen, welche sich sür Buchstabenzahlkünste (gematria) interessiren, Folgendes mittheilen. In der Synagoge zu Kiel ist ein Mischeberach vorgelragen worden, welcher von Herrn B. Jsaacsohn daselbst verfaßt ist und nach folgender Zusammenstellung sechs mal 35 nach dem pp (Zehner und Hunderter als Einer gerechnet) darstellt, wpm “]Son 35. 35. 35. mn onn rrrr warm ^twon --- 3x35. Nach diesen Zahlenverhältnisten wurden auch Summen gespendet. Wir haben noch eine allgemeine Bemerkung zu machen. Es ist gewiß keine Gemeinde, kein Jischuw so klein, daß nicht daselbst ein Gottesdienst, ein Dank und eine Fürbitte gehalten worden ist. Als Erguß patriotischer Gesinnung, als Gebet vor Gott gilt sicherlich das Eine soviel als das Andere — aber vor den Menschen gilt nicht Alles gleich. Zuhörer, auch Nichtjuden, werden sich an den meisten Orten eingefunden haben, und es ist nicht gerade Neugier allein, die sie in die Synagoge geführt haben mag. Wenn nun Vorsteher und Lehrer ihre eigenen Herzensergüsse zum Besten gegeben haben, und wenn man den Bildungsgrad, ja nur einfach das Deutsch so mancher dieser Leute kennt, so wird es doch an manchem Orte an Anlaß zu Spottreden nicht gefehlt haben! Man erkennt daher auch bei solchen besonderen Veranlassungen den Segen wohleingerichteter Land- und Bezirksrabbinate. Es liegt z. B. vor uns ein Rundschreiben des Landrabbiners zu Hannover an die zahlreichen Gemeinden seiner beiden Bezirke. Nach einer kurzen Ansprache enthält dasselbe das Formular eines kurzen und leicht verständlichen hebräischen Gebetes, welches an die Form des alten n^inb anknüpft, und dann ein längeres deutsches Gebet. Beides soll am Wochenfeste und bis zur s. G. w. baldigen Genesung Sr. Majestät vorgetragen werden. Wo also Niemand vorhanden ist, der eine selbstverfaßte Predigt u. dergl. halten kann, und wo der Lehrer, Schochet oder irgend ein Gemeimvemitglied im Stande ist, etwas Vorgeschriebenes anständig nachzulesen, da ist wenigstens dafür gesorgt, daß kein Chillul-Haschem entsteht und „der Lohn mit dem Schaden darauf geht." Als besonderes Moment sei noch mitgetheilt, daß in Sch wetz a. W, der Landrath des Kreises in gleicher Weise die beiden christlichen Geistlichen, wie den Rabbiner Hrn. (Or. Dankowicz) ersucht hatte, ihm behufs Anzeige in einem „Extra-Kreisblatte" den Tag und die Stunde des abzuhaltenden Gottesdienstes anzugeben.

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