Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 25. (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- Seite 197 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 197 — Feuilleton. Bankier und Handelsjude.*) Eine Erzählung aus dem Leben — von Ad. v. Zemlinszky. (Fortsetzung.) Es war eine gar glänzende Gesellschaft, die sich im Salon des Bankiers versammelt hatte, und glänzend war das Fest, und von Heiterkeit strahlte das Gesicht des Festgebers, der geschäftig dahin und dorthin eilte. Als endlich gar der Fürst selbst erschien und sich huldvollst die Familie des Bankiers vorstellen ließ, da kannte die Freude des Festgebers keine Grenzen und nur mit der äußersten Anstrengung gelang es ihm sich zurückzuhalten, um nicht alle seine Gäste, und in erster Linie den Fürsten selbst, zu umarmen und zu küssen. Die Vorstellung war vollendet, der Fürst unterhielt sich leutselig mit einigen Herren, die Frau des Hauses und deren Tochter Sidonie hatten sich unter die Gäste gemischt, um ihren Wichten als Frauen des Hauses nachzukommen, und auch der Sohn des Bankiers, der 23jährige Alphons, hatte sich nach einer letzten ehrfurchtsvollen Verbeugung vor dem Fürsten zurückgezogen und bald darauf aus dem Salon entfernt. Das Fest neigte sich seinem Ende zu. Der Bankier nahte sich schnellen Schrittes seiner Tochter. „Wo ist Alphons?" fragte er, „ich habe ihn den ganzen Abend schon vermißt, wo mag er nur sein? Seine Durchlaucht werden sehr bald das Haus verlassen und ich hätte gewünscht, daß Alphons zugegen gewesen wäre." „Ich habe ihn nicht gesehen," antwortete Sidonie mit leiser Stimme, doch so, daß sie von dem in ihrer Nähe weilenden jungen Manne gchört werden konnte. „Suche ihn, Sidonie," drängte der Bankier, „es ist unverzeihlich von ihm, sortzugehen, während unser hoher Gast noch hier weilt." Und der besorgte Festgeber eilte weiter und ließ seinen Blick suchend im Saale umherschweifen. „Wissen Sie vielleicht, Abraham, wo Alphons sein mag," fragte Sidonie den jungen Mann an ihrer Seite. Es war ein hübscher junger Mann mit schwarzen glänzenden Haaren, welche in krausen Locken über seine weißen, blaugeaderten Schläfen niederhingen, während über seinen braunen, treuherzig blickenden Augen kühn geschwungene Brauen sich wölbten. Eine sanft gebogene Nase, ein kleiner Mund mit rothen Lippen und ein kurzer dunkler Vollbart vervollständigten das Bild des Ganzen. „Sie haben wohl meine Frage überhört?" begann Sidonie abermals, nachdem der Angesprochene schweigend vor sich hinsah. „O! nein, Sidonie, überhört habe ich ihre Frage nicht, sondern — „Sondern?" „Ich bin eben in Verlegenheit, Ihnen eine richtige Antwort zu geben." „Warum sprechen Sie nicht zu mir, wie es sich für einen Verwandten, für einen Jugendfreund wie Sie geziemt, warum so kalt, so fremd?" ,/Jch weiß in der That nicht, wo er ist, Sidonie — und wenn ich Vermuthungen aussprechen würde, freilich Vermuthungen, die sich wahrscheinlich bewahrheiten, so würde ich nicht recht handeln. Es würde auf mich der Schein eines Denunzianten fallen, und dennoch. Sie wissen ja doch, wie gern lch zu Allem bereit bin, was Sie nur immer von mir wünschen, Sie wissen, daß diese Jahre, die ich im Hause Ihres Vaters verbrachte, für mich die Zeit des größten Glückes gewesen sind, weil ich Sie immer sehen, immer in Ihrer Nähe weuen durfte, weil ich während dieser Zeit glaubte, die Ge¬ *) Der Nachdruck obiger Original-Novelle wird gerichtlich verfolgt. wißheit erlangt zu haben, daß auch Sie mir ein wenig gut geworden sind. — Jst's so, Sidonie?" „Ja, Abraham, es ist so," sagte sie und reichte ihm ohne Bedenken ihre kleine Hand, „es ist so, durch die Jahre hindurch habe ich Sie achten und schätzen gelernt, bin Ihnen gut und Gott möge weiter helfen. Doch sagen Sie mir jetzt, damit wir auch den Vater nicht vergessen, haben Sie keine Ahnung, wo Alphons sein kann?" „Wahrscheinlich hat er sich auf sein Zimmer zurückgezogen." „Nicht doch, ich ließ ihn bereits dort vergeblich suchen/ „Dann muß ich wohl meine Vermuthung aussprechen, die ich so gern zurückgehalten hätte, dann — wird er wohl dort sein, wohin er sich in letzterer Zeit sehr oft hinbegibt." „Und wo ist dies?" „Außerhalb der Jndenstadt, in der Nähe des Rathhauses steht ein kleines zweistöckiges Gebäude, dort wird er wahrscheinlich zu finden sein." „Was ist in diesem Hause, das für ihn so große Anziehungskraft besitzt, daß er selbst heute sich durch die Anwesenheit des Fürsten nicht zurückhalten ließ?" „Es ist eine Leidenschaft, der er fröhnt, der er Gesundheit und Glück zum Opfer bringt, eine Leidenschaft gar ernster Natur." — „Oh! Sie erschrecken mich." „Es ist der Dämon des Spieles, der ihn immerund immer wieder aus dem elterlichen Hause treibt, um dort in jener Höhle des Lasters das Geld dem Spiele zu opfern, das Geld, welches sein Vater unter Sorgen verdient." „Mein Gott! Alphons besucht ein Spielhaus! — gerade was ihm Papa so strenge untersagt hat. O! helfen Sie, Abraham, helfen Sie, so lange es noch Zeit ist, denn wenn Papa davon erführe, es wäre um den Frieden unseres Hauses geschehen." „Wie soll ich helfen?" Befehlen Sie über mich." „Gut denn, dann eilen Sie, so schnell es Ihnen möglich ist, nach jenem Hause und trachten Sie Alphons von dort zu entfernen, oder ihn doch von einer Thorheit zurückzuhalten, die verderblich für ihn werden könnte." „Ich werde es versuchen, im Falle es nicht schon zu spät sein sollte. Doch wenn Ihr Vater nach mir fragen sollte?" „Dann werde ich ihm sagen, Sie hätten sich entfernt, weil ihnen unwohl gewesen." „Gut denn, gute Nacht Sidonie." „Gute Nacht, Abraham." „O! geben Sie mir Ihre Hand zum Abschied, es ist doch so sonderbar, ich glaube, es ist ein Abschied für lange Zeit. . . ." „Gott befohlen." Und der junge Mann verließ den Salon. „Hast Du Alphons noch immer nicht gesehen," fragte der Bankier wieder, indem er sich eilig näherte. „Noch immer nicht." „Der Fürst entfernt sich sogleich, komm Du mit mir." „Wo ist Abraham?" „Er ist nach Hause, da es ihm hier zu heiß geworden." „Sonderbar, ohne mir etwas zu sagen, ich finde dies sehr unpassend, doch jetzt komm." Der Bankier sammt Frau und Tochter machten seiner Durchlaucht, welche sich soeben verabschiedeten, die Honneurs und der Herr des Hauses geleitete den Fürsten zum Wagen. „Morgen wird man von mir in der ganzen Stadt sprechen," sagte der Bankier freudig, während er die Stufen wieder hinaufstieg, die zum Festsaale führten. „Doch was ist das, Licht in meinem Cassenzimmer? Nur ich und Abraham haben die Schlüssel, sonderbar, was mag er dort wohl suchen, will doch sehen, was das zu bedeuten hat" Der Banquier eilte nach dem Cassazimmer. Die Thüre stand offen, das Gemach war beleuchtet, doch Niemand befand sich in demselben. Das Schloß der Cassatruhe lag am Boden. (Fortsetzung' folgt.) $