Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 25. (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- Seite 194 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583079--3630-9583083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 194 — getraut 13 Paare. Es starben 32. Die Neligionsschule wurde von 72 Knaben und 77 Mädchen besucht, die in je 3 Klaffen (6 Abtheilungen) von 4 Lehrern unterrichtet werden. Die Gesammteinnahmen betrugen im Jahre 1877: 35,297 M. (an Corporationsbeiträgen: 25,265, aus der Synagoge: 8191) die Gesammtausgaben: 34,243 M. Von allgemeinen cultuellen Einrichtungen sind hervorzuheben: 1) Die Einführung eines tägl ichen Gottesdienstes. 2) Die Einführung eines besonderen Gedenkbuches für Verstorbene, die sich um die Gemeinde, ihre Wohlthätigkeitsanstalten oder um das Judenthum überhaupt verdient gemacht haben. — Von den Bestimmungen über Erbbegräbniffe (der Preis eines solchen ist 750 Mark.) und reservirte Plätze ist der eine Punkt mittheilenswerth, daß im Falle des Austritts aus der Synagogengemeinde das Anrecht auf den reservirten Platz verloren geht, ohne daß die Gemeinde verpflichtet ist, den dafür erhaltenen Betrag (der bis 150 M. sich beläuft) zurückzuerstatten. Auch ist die Gemeinde berechtigt, in diesem Falle die Umfriedung des reservirten Platzes entfernen zu lassen. Mehrere Wohlthätigkeitsvereine und Stiftungen — mit dem Beamtenpensionsfonds etwa 15 — wirken äußerst segensreich in der Gemeinde. Oesterreich. Pest. Ende Mai. Ignatz Barnay, emeritirter Secretär der jüdischen Gemeinde, ist dieser Tage gestorben, ein Mann, der sich um die Gemeinde, um die ungarische Judenheit, um die Alliance Jsr. Univ. und namentlich um viele Humanitätsanstalten große Verdienste erworben hat. Sein Leichenbegängniß war eines der imposantesten, welche die Hauptstadt seit langer Zeit gesehen hat. Eines der gelesensten Tagesblätter widmet ihm einen Nekrolog, dem wir folgende Notizen entnehmen: B. war 1813 in Ungarn geboren, widmete sich in seiner frühen Jugend den hebräischen Studien, kam im Jahre 1825 nach Pest, wo er das Gymnasium absolvirte. Im Jahre 1833 ließ sich der reiche talentirte Jüngling, der sich der Medizin zuwenden wollte, von dem damaligen Vorsteher bewegen, die Stelle eines Notärs bei der Pester israelitischen Gemeinde anzunehmen. Hier erschloß sich dem Thatendrange des gebildeten und hochbefähigten Mannes ein weites Gebiet. Bei seinem Amtsantritte war eben die Organisirung der Gemeinde im Zuge; da mußte eine ordentliche Protokollführung, ein Archiv, ein geregeltes Kaffawesen eingeführt, mußten Bildungs- und Humanitäts-Institute gegründet werden. Da war eine Menge altherkömmlicher Mißbräuche und Einrichtungen zu beseitigen und durch bessere, moderne zu ersetzen; alle Arbeit lastete auf Barnay's Schultern, denn er hatte keine irgerdwie befähigte Arbeitskraft zur Seite Barnay's Initiative oder thatkräftiger Mitwirkung verdankt so manche heilsame Anstalt — wie Hospital, Normalschule, Tempel, Knaben-Waisenhaus — ihre Entstehung zum größten Theile. Barnay hatte allezeit regen Antheil an der Leitung der hiesigen „Chewra-Kadischa", so wie er bei der Gründung und Leitung fast aller wohltätigen Vereinigungen betheiligt war. In den in früheren Jahren häufig stattgehabten Landesversammlungen der Judenschaft Ungarns — theils in Toleranz- Tax-Angelegenheiten, theils in Betreff der Verbefferung der politischen Stellung der Juden — war Barnay stets eine der hervorragendsten und einflußreichsten Persönlichkeiten. In den Jahren 1848/49 diente Barnay einige Zeit als Sekretär im Ministerium Szemere's und hatte später seitens der politischen Behörden mannigfache Hinderniffe zu bekämpfen, ehe er seinen Posten bei der Gemeinde wieder antreten durfte. Im Jahre 1874 trat er nach 41 jähriger Dienstzeit in den wohlverdienten Ruhestand. (Der bekannte Tragöde Ludw. Barnay ist sein Sohn.) Aus Barnay's Leben wird folgende Episode mitgetheilt: „Im Jahre 1849 wurde der damalige Minister des Innern, Szemere, auf den Notär der Judengemeinde aufmerksam, nachdem Barnay sich schon früher im öffentlichen Leben bemerkbar gemacht hatte, denn er sollte den Löwenantheil des Verdienstes haben, daß die schmachvolle Toleranzsteuer in Ungarn aufgehoben wurde. Es war an einem Samstag also, daß Minister Szemere sich Barnay holen ließ und mehr als zwei Stunden mit ihm conferirte. Am nächsten Tage schon fand sich Barnay, zu seiner höchsten Überraschung, im „Köz-> löny" zum Sectionsrathe im Ministerium des Innern ernannt. Freilich dauerte die Herrlichkeit nicht lange. Dem Traum von einem ungarischen freien Staate folgte ein jähes Erwachen, Alles mußte fliehen und auch Barnay fand es räthlich, vorläufig Ungarn zu verlassen. Auf Zureden intimer Freunde kam er jedoch schon nach kurzer Zeit wieder und wurde aufgefordert, beim damaligen Potizeichef Podolßky zu erscheinen. Podolßky bedeutete Barnay, er müsse ein Rechtfertigungsschreiben für die Regierung einreichen. „Ich werde es gleich niederschreiben!" „Das wird wohl kaum gehen!" „Doch, Excellenz." Barnay begab sich in ein Seitenzimmer und nach einer halben Stunde schon übergab er dem allgewaltigen Polizeichef ein kurzgefaßtes Schreiben. Dieser las es und als er zu Ende mar, sprach er: „Man muß es den ungarischen Rebellen laffen, sie verstanden sich darauf, sich ihre Leute herauszusuchen." Pest, 2. Juni. Gestern wurde hier eine sehr humanitäre Anstalt, Israel. Landes-Taubstummen-Jnstitut, mit entsprechender Feierlichkeit eingeweiht. Die Anstalt verdankt ihre Entstehung der Munificenz des verstorbenen Philanthropen Anton Fochs, der diesem Zwecke 6j, seines ganzen Vermögens testirte. Dieser Betrag dürste sich nach vollständiger Flüssigmachung auf über 400,000 fl. belaufen, wovon ca. 250,000 fl. auf den Bau und die Einrichtung verwendet wurden. Das Curatorium hat zur Leitung der Anstalt Herrn Grünberger berufen, der im Wiener israelitischen Taubstummen-Institute viele Jahre gewirkt hat und Meister in seinem Fache ist. Herr Grünberger ist ein geborener Ungar, er ist also befähigt, den Unterricht der Zöglinge in ungarischer Sprache zu ertheilen. Wir sagen „Sprache", denn Herr Grünberger unterrichtet nach dem Vocalisations-System und — wie man sich gestern überzeugen konnte — mit dem besten Erfolge. Die erste Aufnahme von Zöglingen fand im Februar v. I. statt. Es wurden damals 7 taubstumme Kinder (5 Knaben, 2 Mädchen) ausgenommen und mit diesen gleichsam ein vorbereitender Curs für zwei Hülfslehrer veranstaltet, die Herr Grünberger so weit herangebilvet hat, daß sie ihn nunmehr .wirksam unterstützen. Die Anstalt war damals noch nicht eingerichtet, so daß dieser Vorbereitungs-Curs in einem Privathause (in der Villa Medek) stattsano. Im November 1877 erfolgte die zweite Aufnahme, bei welcher weitere 22 taubstumme Kinder (9 Knaben und 13 Mädchen) in der Anstalt ein Asyl fanden. Dieselbe zählt nun 29 Zöglinge (14 Knaben und 15 Mädchen); hievon sind zwei (ein Knabe und ein Mädchen) christlicher Confeffion und seitens der Hauptstadt Budapest der Anstalt empfohlen worden. Das Institut ist selbstverständlich ein Internat unv haben sämmtliche Lehrer, sowie die Lehrerin ihre Wohnuung im Hause. Die Anstalt ist nämlich für die Aufnahme von 100—120 taubstummen Kindern eingerichtet, doch dürfte das Erträgniß des Verwaltungs-Fonds für die Erhaltung einer so großen Anzahl kaum hinreichen. Wir zweifeln mcht, daß Staat und Gesellschaft das Ihrige thun werden, um der Anstalt die Erreichung des hehren Zieles zu erinöglichen, welches dem edlen Stifter vorschwebte. Aus der bei diesem Weiheact gehaltenen Rede des Predigers vr. S. Kohn theilen wir das folgende glücklich gewählte bibl. Bild von Elias mit. „Es tobte ein Sturm, dann folgte ein Erdbeben und ein Feuer; aber weder im Sturm, noch in dem Erdbeben oder im Feuer war Gott. Dann aber ward ein leises Flüstern vernehmbar, und Gott war in diesem Flüstern." Wahrend in der Welt ein Sturm tobte, die Erde unter den Fußtritten kämpfender Heere erbebte und verheerendes Feuer über ganze