Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 25. (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- Seite 193 (sequence 3)
- Language
- German
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mentretenden Congreß werden die Angelegenheiten der orientalischen Juden unterbreitet und an's Herz gelegt werden. Wir können mit Gott hoffen, daß nicht Alles umsonst sein, und daß die Verheißungen, welche von den Vertretern aller Großmächte, mit Ausnahme Rußlands, gegeben worden sind, nicht allesammt als diplomatischer Wortdunst verfliegen werden. Wir stellen für heute einige neuere Notizen kurz zusammen. Das Central-Comit6 der All. Jsr. Un. hat eine Eingabe an den Congreß entworfen, von seinen Mitgliedern und den Vorständen der verwandten Vereine unterzeichnen lassen und dieselbe durch besondere Delegirte aus verschiedenen Ländern dem Fürsten Bismarck überreichen lassen. Diese Eingabe kann natürlich erst demnächst veröffentlicht werden. Von neuesten Staatsmännischen Aeußerungen verdient eine kurze, aber sehr viel sagende Bemerkung Waddington's, des französischen Ministers des Aeußeren, hervorgehoben zu werden. Er sagt in Beantwortung einer Interpellation in der Sitzung der Deputirtenkammer vom 7. d. M. unter anderem: „Indem Frankreich zum Congreß geht, wird es sich erinnern, daß es auf der Balkanhalbinsel außer den Bulgaren noch andere Christen gibt, (Sehr gut! Sehr gut!) daß es dort noch andere Rayen gibt, welche wenigstens in demselben Maße, wie jene, die Th eil nähme Europas verdienen." (Sehr gut! Sehr gut!) In der ungarischen Delegirten-Versammlung richtete der Delegirte Wahrmann an den Grafen Andrassy die Frage, ob er auf dem Congreffe, wenn die rumänische Frage zur Sprache kommen wird, sich der Judenverfolgungen in Rumänien erinnern werde, um im Interesse der Humanität, der Civilisation und der Gleichberechtigung seinen Einfluß zu Gunsten der Juden geltend zu machen. Andrassy erwiderte: Er habe auch bis jetzt nicht versäumt, zu Gunsten der Israeliten im Orient zu wirken, (und der österreichisch-rumänische Handelsvertrag??!! Red.) und so werde die Regierung auch jetzt es für ihre Pflicht erachten rc. In der österreichischen Delegation richtete Kuranda an denselben dieselbe Frage und erhielt ein Versprechen ähnlichen Werthes: der Minister werde für die Juden in Rumänien auf dem Congreffe wirken, falls sich Gelegenheit dazu bieten werde. (Das soll hoffentlich nicht heißen, falls der edle Herr Bratiano die guten Dienste des Congreffes zu Gunsten der rumänischen Juden in Anspruch nehmen werde.) Der Vorstand der P e st e r Gemeinde hat Andrassy ein Memorandum zu Gunsten der rum. Juden überreicht. In Angelegenheiten des deutsch-rumänischen Handelsvertrages erfuhr man noch nachträglich, daß das auswärtige Amt telegraphisch bei dem rumänischen Amt angefragt hat, ob dasselbe bereit sei, im Sinne des Reichstages die Rechte der deutschen Juden zu gewährleisten, und daß Rumänien in bekannter Unverfrorenheit geantwortet hat, es könne eine solche Garantie durch officielle Anerkennung im Vertrage nicht geben, wolle aber in Betreff der deutschen Juden vertrauliche Zusicherung geben. Von Seiten Englands ist ein neuer Vertrag mit Rumänien ebenfalls abgelehnt, und der Bestehende lediglich auf 3 Monate vom 13. Mai ab verlängert. Aehnliches ist in Beziehung auf Frankreich, Belgien und Holland geschehen, wo man überall neue Verträge wegen der rumänischen Judenclausel abgelehnt hat. In Hinsicht auf die Schweiz, mit der ebenfalls ein rumänischer Vertrag geschlossen werden sollte, hat sich Herr Dreyfuß-Neumann aus Basel, Mitglied des Central- Comilä der A. I. U., großes Verdienst erworben. Er hat eine Delegirten-Versammlung der israelitischen Gemeinden der Schweiz auf d. 2. Juni nach Bern einberufen, welche, aus 74 Personen bestehend und 16 Gemeinden repräsentirend, zusammengetreten ist. Sie hat beschlossen, sich an die schweizerische Bundesbehörden zu wenden, und um Wahrung der Rechte der schweizerischen Israeliten vorstellig zu werden. Auf einen guten Erfolg dieser Vorstellungen darf man wohl hoffen. Magdeburg, 14. Juni. Ueber die Veranstaltung besonderer Dank- und Bittgottesdienste für Erhaltung unseres Kaisers in den Synagogen Preußens ist meist in den Tagesblättern berichtet worden. Die jüdischen Gemeinden, von den größten bis zu den kleinsten, haben aus freiem Antriebe — ohne den Erlaß einer obersten Kirchenbehörde abzuwarten — hierzu sich gedrängt gefühlt: „Die Stimme ist Jacob's Stimme, die Hände sind Esau's Hände!" In den größeren Gemeinden fand auch Predigt statt, aus kleineren erfahren wir, daß die Vorsteher religiöse Ansprachen hielten (die Vorbeter recitirten das übliche Mi scheberach um Genesung). Hier fand diese ernste Feier — ziemlich gleichzeitig mit der in den Kirchen — am 5ten Abends 8 Uhr statt. Der Predigt war der 18. Psalm zu Grunde gelegt, den David gesprochen „am Tage, da der Herr ihn errettet aus Feindeshand"; das ’OtaSan } DI? ’’D*'talD (V. 44 „Du schütztest mich vor Volksaufwieglern") ( und DDH WKÖ (V. 49 „rettetest mich aus der Hand des Gewaltsmenschen") bezeichnete u. A. treffend die Aehnlichkeit der Situation. Außerdem werden täglich zum Schluß des Morgen- und Abendgottesdienstes Bittpsalmen (n^im -jyn) in der Synagoge gebetet. — In Schönebeck fand schon am 4. Abends ein besonderer Gottesdienst mit Predigt des dazu eingeladenen Rabb. Dr. Rahmec in der neuen überfüllten Synagoge statt. Breslau. (Or.-Corr.) Ich habe Ihnen heute von dem hier am 5. und 6. d. in den beiden größern Synagogen veranstalteten feierlichen Bitt- und Dankgottesdienst zu berichten. Erlassen Sie mir, auf den Anlaß hier noch weiter einzugehen; das patriotische Herz nicht nur, sondern der Genius der Menschheit trauert noch ob des eben wieder unter den Linden Berlins Geschehenen. Die Aufregung der Gemüther zitterte noch sichtbar nach in der Stunde, die sich in hiesiger Stadt für Bekenner aller Confessionen zu einem Akte allgemeiner Pietät für den von seinen treuen Unterthanen so sehr geliebten Landesvater vor „Gott dem Herrn" gestaltete. Dichtgedrängt stand gegen Abend des erstgenannten Tages die andächtige Menge, die nach Tausenden zählte, darunter nicht Wenige aus christlichen Kreisen, in den weiten Räumen unserer neuen Synagoge, harrend des Augenblicks, da von der Kanzel herab das Licht des Gedankens angezündet werden sollte, das, wenn es auch nicht die mancherlei an das Ereigniß sich knüpfenden schweren Besorgnisse zu zerstreuen vermöchte, wenigstens Klarheit in die wogenden Gefühle zu bringen versprach. Letzteres aber ward uns durch den Vortrag des Dr. Joel in so überzeugender Weise zu Theil, daß man dem Redner nur unbedingt zustimmen und mit ihm wünschen konnte, es möchten auch die von ihm empfohlenen allgemeinen Mittel zur Besserung unserer socialen Zustände beherzigt und im Leben befolgt werden. Wie es ja seine Art ist, jedes Predigtthema zu vertiefen, war auch diesmal die Rede, im Hinblick auf 5. B. M. Cap. 21, Ans., zu einer Betrachtung über die moralische Mitverantwortlichkeit der Gesellschaft vertieft, und mußte dieselbe naturgemäß eine ernste Stimmung zurücklassen, so fehlte doch auch die Erhebung nicht, indem der geehrte Redner auf die mancherlei Anzeichen einer Wandlnng zum Besseren, wie auf die erhabenen Endziele moderner Bildung und Gesittung hinwies. Es ist hier, im engen Rahmen eines Referats, der Ort nicht, weiter auf Einzelheiten des ebenso gehaltvollen, wie der Form nach durchsichtigen Vortrages einzugehen. Vielleicht wird derselbe durch I Druck weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Am 6. fand in ähnj licher Weise auch in der Synagoge „zum Storch" im Anschlaffe an das Mincha-Gebet ein Bitt- und Dankgottesdienst statt, dem Referent jedoch beizuwohnen verhindert war. Leipzig, 12. Juni. Das Bild eines wohlorganisirten Gemeindeiebens gewährt der eben erschienene „Bericht des Vorstandes der isr. Religionsgemeinde zu Leipzig über das Verwaltungsjahr 1877." Wir geben zuerst einige statistische Daten. Die Gemeinde zählt 328 Mitglieder; geboren wurden im vor. Jahre 78 Kinder (40 Knaben und 38 Mädchen),