Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 25. (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 192 — daß insbesondere die halbwüchsige Jugend, nicht in leicht verzeihlichem Uebermuth und Kraftgefühl, sondern in bewußter Bestialität sich hervorzuthun suche, also daß man mit Schaudern daran denken müsse, daß diese Rangen einmal „das Volk" bilden würden. Man bemerkt ferner erst jetzt, daß ein nicht ganz kleiner Theil der Jugend in den gebildeten Ständen die antireligiösen und antisocialen Ideen, den Materialismus, Nihilismus, Pessimismus gierig eingesogen haben, wie es ihr durch Universitätsproftfforen, jüngere Gymnasiallehrer, Bücher und Zeitschriften, begleitet mit dem Paukenschall einer Reklame, die dem besten marktschreienden Kleiderhändler Ehre machen würde,*) eingeflößt worden ist. Das Alles hätte, wie gesagt, längst Jedem klar sein müssen. Wenn es gleichwohl in den gelesensten Zeitungen als etwas erst jetzt zu Tage Tretendes verkündet wird, so läßt sich dies nur dadurch erklären, daß man von vielen Seiten es nicht wißen wollte. Man wollte z. B. nicht wissen, daß in unserem hochgepriesenen preußisch-deutschen Schul- und Unterrichtswesen Vieles grundverkehrt und faul sei; daß man es zwar erzwingen könne, daß Jeder lesen und schreiben lerne, daß aber durch diese Fertigkeit an sich für die elementarste Sittigung und Humanisirung gar nichts erreicht sei. Ebenso, daß unsere überaus milden, hie und da fast hypersentimentalen Strafgesetze gar trefflich und liebenswürdig sind, aber eben doch nur für Menschen paffend sind, und zur Voraussetzung haben, daß die Staatsangehörigen erst zu Menschen gemacht worden feien. Wir könnten noch lange fortfahren, noch sehr Vieles anführen, wollen uns jedoch mit diesen nur beiläufig angeführten Beispielen begnügen. Wir wissen ja auch sehr gutdaß gerade dieses von den Reactionären aller Art eben jetzt laut genug verkündet wird, und daß sie den Liberalismus selbst für den Königsmord direkt verantwortlich machen möchten. Wir haben aber nicht nöthig zu beweisen, daß wir mit jenen Reactionären nichts gemein haben. Wir kehren zur Besprechung der Frage: was hat diese Zustände herbeigeführt? zurück und betrachten nun lediglich das, was bei Beantwortung dieser Frage in das Gebiet der Religion gehört. Wir hören auch hier von den entgegengesetzten Seiten entgegengesetzte Behauptungen. Die Einen sagen: Ihr seid es, die in dem Volk die Religion untergraben, ihm den Glauben genommen, jegliche Achtung vor der Autorität erschüttert, Verachtung der Kirche, ihrer Lehren und ihrer Diener eingeflößt habt. Die Anderen sagen: Im Gegentheil, das Volk und noch die halberwachsene heutige Jugend ist in euren Schulen, nach euren Regulativen, Katechismen, Kernsprüchen re. unterrichtet und erzogen. Weisen die Einen auf die Gotteslästerungen und die Ausbrüche fanatischen Hasses gegen die Kirche bei den socialdemokratischen Rednern hin, so sagen die Andern: warum haben eure Geistlichen sich solchen Haß und der von ihnen gelehrten Religion solche Geringschätzung zugezogen? Weisen die Einen auf Hödel, den Zögling gottloser Socialdemokraten, so weisen die Anderen auf Nobiling, den Sohn eines sehr kirchlichen, hochorthodoxen Mannes, den Angehörigen einer frommen Familie, den Zögling einer spezifisch religiösen Anstalt. Wir werden uns erdreisten, als Juden unser selbststän¬ *) Vergl. z. B. die Ankündigungen von Hartmann's Phil. d. Und. neueste Aust. diges Votum über diese religiösen und kirchlichen Streitfragen abzugeben, sollte es auch bei beiden Parteien Anstoß erregen. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin. 12. Juli. „Jew. Ehr." vom 7. d. M. bringt in seiner Wochenübersicht einen kleinen, „der deutsche Kaiser" überschriebenen Artikel, den wir größtentheils hier wiedergeben wollen, weil die Betrachtungen, welche er anstellt, zwar sehr nahe liegen, aber vom Auslande her immerhin unparteilicher erscheinen. Der Artikel warnt vor Reaction und sagt dann: „Möge Deutschland bedenken, daß das, was sich soeben ereignet hat, eine Frucht früherer Vernachläfiigung ist. Deutschland erlaubte den Streitenden, einander in ihren Controversen die nichtswürdigsten Beweggründe unterzuschieben, und dann diese zu bekämpfen, anstatt Jrrthümer zu widerlegen. Es erlaubte, daß ganze Klaffen wegen der Fehler Einzelner heftig angegriffen wurden, daß man gegen Genossenschaften deswegen hetzte und die Volkswuth gegen sie aufzustacheln suchte. Das Land der Profefforen tauchte seine Wurfgeschosse gewöhnlich in Gift, ehe es sie auf den Gegner schleuderte. Beweise davon gibt der Streit der Clerikalen gegen die Liberalen und die abscheulichen Ausfälle gegen die Juden, die mehr als blos versteckten Aufreizungen zu Gewaltthaten. Da ist es kein Wunder, daß schwache Geister fanatisirt werden und zu dem Glauben kommen, daß das Hinwegräumen eines Gegners eine verdienstliche Handlung, und daß der, welcher bei einem solchen Versuche umkomme, ein Märtyrer sei. Mögen die Deutschen aus den Attentaten auf das Leben ihres Kaisers Mäßigung in ihrer Polemik lernen, mögen ihre Obrigkeiten mit fester Hand alle Anreizungen zum Friedensbruch unterdrücken und strafen, gleichviel welcher Claffe die Aufhetzer und welcher Lebensstellung oder Glaubensgesellschaft angehören. Wenn Deutschland diese Lehren der Mäßigung und einer gleichmäßig gehandhabten Justiz aus diesen abscheulichen Attentaten zieht, so wird das einigermaßen ein Ersatz für den Kummer und die Beschämung sein." — Glücklicherweise liegen die Sachen diesmal so, daß auch die raffinirteste Bosheit bis dato noch nicht vermocht hat, die Juden mit den Attentaten, den etwaigen Mitschuldidigen oder der geistigen Urheberschaft in Berührung zu bringen. An Lust dazu hat es jedenfalls nicht gefehlt. Davon zeugte eine gleich nach dem Nobiling'schen Atttentat erschienene Notiz der „Kreuzztg.", daß „ein alter Jude" in Braunschweig wegen sehr verdächtiger Aeußerungen inhaflirt worden sei. Wenige Tage später las man, daß der Betreffende wahrscheinlich unschuldig sei — da war „der Jude" verschwunden und hatte sich in einen einfachen alten Mann verwandelt. Auch hier in Stettin ist ein Mann wegen grober Majestätsbeleidigungen zur Haft gebracht worden und hat sich im Gefängniß erhängt. Die Untersuchung ist demnach beendet und Schuld oder Unschuld nicht weiter zu constatiren. Da der Mann jedoch einen sehr jüdisch klingenden Namen führte, und die Thatsache mit dem Namen vielleicht auch in auswärtige Blätter übergeht, so wollen wir doch bemerken, daß derselbe allerdings Jude gewesen, aber schon vor mehr als 20 Jahren getauft ist und mit einer hochkrrchlichen Familie verschwägert war. Die „M a g d. Ztg." brachte Tags nach dem Attentat ein großes Extrablatt, worin ausführlich mitgetheilt wurde, der Attentäter habe in Privatlogis bei dem „steinreichen Selmalr Levy" gewohnt, der es gar nicht nöthlg gehabt hätte, ein Zimmer zu vermiethen. Der „steinreiche Jude" war in Folge deffen in vielen Localen Gegenstand vieler, natürlich „dem Juden" nicht wohlwollender Gespräche. Stettin, 13. Juni. (In Sachen der Juden in der Türkei und in Rumänien.) Dem heute zusam-