Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 24. (12.6.1878)
- Date
- 1878-06-12
- Page
- Seite 186 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583070--3621-9583074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 186 Organe zu creiren und dafür zu sorgen, daß der Verein bald» möglichst in Wirksamkeit trete. Hierauf referirte Rabbiner Dr. Baek (Lissa) über die Grundzüge eines Lehrplanes für Heranbildung von jüdischen Religionslehrern. In der daran sich knüpfenden Debatte wurde namentlich betont, daß sowohl das bei aufzunehmenden Vereinsschülern erforderliche Maß von Vorkenntnisien nicht zu gering, als auch das zu erreichende Unterrichtsziel nicht zu niedrig angesetzt werden dürfe. Die Modalitäten der Ausführung, die Requisition geeigneter Lehrkräfte rc. bleiben der Fachkommission überlasten. Auf der Tagesordnung stand ferner die Frage „über die Stellung der Rabbiner in Preußen". Nachdem Rabbiner Dr. Porges (Rakel) darüber referirt hatte, wurde auf seinen Antrag beschlossen, diese Frage, da eine praktische Lösung derselben vor der Hand nicht möglich erscheine, auf sich beruhen zu lassen. Es wurde indesten hervorgehoben, wie die Stellung der Rabbiner in Preußen mit der Stellung des Judenthums daselbst aufs engste Zusammenhänge, und eine Commission gewählt, die über die Mittel und Wege berathen soll, die gesetzliche Anerkennung des Judenthums als Confession zu erlangen. Ferner wurde eine Resolution angenommen, dahin gehend, daß die Provinzial-Rabbiner-Versammlung resp. der permanente Ausschuß derselben sich bereit erklärt, bei Streitigkeiten zwischen Rabbinern und Gememde vermittelnd einzutreten. Den dritten und letzten Punkt der Tagesordnung bildete das Referat des Rabbiner Dr. Holländer aus Wreschen über Religionsschulen. Die Debatte darüber konnte für diesmal nicht erschöpft werden, und es wurde beschlosten, diesen Punkt sowie einen dahingehenden Antrag, daß die Rabbinerconferenz in ihren alljährlich stattfindenden Sitzungen sich auch eine wistenschaftliche Tendenz aneignen möge, auf die Tagesordnung der nächstjährigen Conferenz, die in Posen abgehalten werden soll, zu setzen. Mit dem Danke an Alle, die sich um das Zustandekommen und den Erfolg der Conferenz verdient gemacht und besonders auch an die Mitglieder der hiesigen Gemeinde, die den auswärtigen Rabbinern eine überaus gastfreundliche Aufnahme bereitet hatten, wurde die Versammlung geschlosten. Eine angenehme Unterbrechung erfuhr die Vormittagssitzung dadurch, daß Herr Benjamin Ephraim aus Militsch sein plötzliches Erscheinen in der Versammlung damit entschuldigte, daß er dem Präsidium 300 Mk. als Beitrag zum eisernen Fond des Vereins zur Heranbildung jüd. Religionslehrer überreichte. Auch erhielt die Versammlung einen erfreulichen Beweis der Anerkennung ihrer Bestrebungen seitens des Ausschusses des deutsch-israelitischen Gemeindebundes zu Leipzig. Derselbe übermittelte der Rabbiner Conferenz auf telegraphischem Wege den Ausdruck seiner Sympathien, nachdem er schon zuvor brieflich seine Bereitwilligkeit ausgesprochen hatte, einigen auf Kosten des Vereins heranzubildenden Zöglingen nach Kräften Unterstützungen zu gewähren. Die Versammlung begrüßte freudig diese Sympathiebezeugung sowie die erhaltene, werthvolle Zusage und beschloß, ihren Dank telegraphisch und brieflich zu erwiedern. Berlin Aus dem soeben erschienenen vierten Bande des „Statistischen Jahresbuches der Stadt Berlin" vom Director Böckh dürften folgende auf die socialen Verhältniffe der Juden Bezug habenden Zahlen von größerem Interesse sein. Was die Confession betrifft, so zählt Berlin 846,394 Evangelische, 67,504 Katholiken (incl. 1439 Alt-Kcnh.), 184 griech. Kath., 79 Mennoniten, 3627 Dissidenten, 45,464 Juden, 3606 anderer Religionen und ohne Angabe. Der Antheil der Katholiken betrug bis 1840 3—4 Proc., stieg bis 1861 auf 5*/,, bis 1876 au» 7 Proc.; der der Juden bis 1840 meist unter 2 Proc., stieg bis 1867 auf 3,8, bis 1876 auf 4,7 Proc. Von den Röm.-Katholiken sind 15,138 geborene Berliner, 51.927 Zugezogene, von den Juden 14.638 geborene Berliner, 30,826 Zugezogene. Unter den 12,093 Ehen waren 1583 Mischehen, von denen die meisten von Katholiken eingegangen wurden, indem von 2071 heirathenden Katholiken nur 301 innerhalb ihrer Confession heiratheten. Von den katholischen Männern heiratheten drei Viertel Frauen anderer Confession. Juden und Jüdinnen heiratheten zum siebenten Theile außerhalb ihrer Confession. Verhältnismäßig am meisten heiratheten die Katholiken, die Männer zu 30 Proc., die Frauen zu 341/, Proc.; von den evangelischen Männern heiratheten 27,9, von den Frauen 28,0 Proc.; am wenigsten die Juden, 14,2 beim männlichen, 16,2 Proc. beim weiblichen Geschlecht. Oesterreich. Wien. (Aus dem 5. Jahresbericht der Israel. Allianz zu Wien für 1877.) (Schluß.) Bald sollte sich zeigen, wie wohlgethan es war, in die Action zu treten. Die Blutgier, mit welcher die Bulgaren beim ersten Vordringen der Russen über den Balkan über die Glaubensgenossen in Kasanlik herfielen, zeigte es als nur zu wahr, daß die Juden dieses Landes nicht blos wie die anderen Bewohner dem Kriegsunglück ausgesetzt waren, sondern daß sie als Juden auch der Barbarei ihrer bisher geknechteten Mitbürger preisgegeben waren. Der historische Trauermonat Ab brachte den jüdischen Einwohnern von Kasanlik die Größe des einstigen nationalen Unglückes zur unmittelbaren Anschauung und Empfindung. Welche Grausamkeiten daselbst begangen wurden, wie jede menschliche Regung unter diesen Wilden erstorben war, wie viele Personen ihr Leben, wie Viele ihr Hab und Gut verloren, dies zu schildern ist nicht unsere Aufgabe. Die Geschichte wird es als ein düsteres Blatt dem Buche dieses Jahrhunderts einreihen. Jedoch wird man eine Vorstellung von den SchreckenSscene'n gewinnen, wenn man bedenkt, daß die dem Tooe nicht Anheimgefallenen in wilder Hast nach allen Richtungen auseinanderstoben, daß Väter, sogar Mütter von ihren Kindern gerissen wurden, Geschwister getrennt wurden, ohne daß die Einen vom Schicksale der Anderen wußten. Ein Theil flüchtete nach Adrianopel, ein anderer nach Schipka, wo sie sich s unter den Schutz der Russen begaben, und unter unsäglichen Leiden im September v. I. nach Bukarest gelangten. Da ein dauernder Aufenthalt in Rumänien aus mannigfachen Ursachen unmöglich war, so trat an uns die Aufgabe heran, sie wieder in die schmerzlich ersehnte Heimath zurückzuführen. Aus der diesem Berichte angefügten zweiten Beilage ist zu entnehmen, wie wir dieser Aufgabe gerecht geworden sind. Hier erübrigt uns nur, die allgemeine nachhaltige Opferwilligkeit zu erwähnen, welche besonders die glaubensgenössischen Kreise Bukarest's bei diesem Anlasse an den Tag legten und die rastlosen erfolgreichen Bemühungen der Leiter des Bukarester Hilfscomitä's ad hoc, des Herrn Predigers Dr. Moritz Beck und des Herrn I. H a l f o n mit dem Ausdrucke des verbindlichsten Dankes hervorzuheben. Die spontanen Leistungen hervorragender Glaubensgenossen in dieser Stadt wie auch in den Gemeinden Oesterreich-Ungarns genugsam zu würdigen, haben wir in unseren damaligen Veröffentlichungen nicht versäumt. In Bezug auf diese Sphäre unserer Thätigkeit haben wir uns jedoch keineswegs darauf beschränkt, durch Aufwand materieller Mittel der entstandenen Noth Abhülfe zu gewähren, sondern wir waren eifrig bemüht, eine nachhaltige, dauernde Wirkung zur Verbesserung der Lage unserer Glaubensgenossen im Oriente zu erzielen. Was speciell Rumänien betrifft, so war es dem Präsidium gegönnt, im Sommer des vergangenen Jahres in zwei Besprechungen mit dem Minister Cogalmceanu, welche mehrere Stunden dauerten, die Wünsche eindringlich nahezulegen, welche die Israelitische Allianz im Interesse der Gleichberechtigung der Israeliten Rumäniens hegt, und alle Einwendungen von seiner Seite zu entkräften. Wir glauben uns zu der Annahme berechtigt, daß diese Besprechungen von einiger Wirkung auf den Minister gewesen sein dürften, der nicht schied, ohne uns eine vorläufig theilweise Emancipation in nicht ferner Zeit erhoffen zu lassen. („Die Botschaft hör' ich wohl, jedoch mir fehlt der Glaube." Red.)