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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-06-12 · N° 24. (12.6.1878) · p. Seite 184

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 24. (12.6.1878)
Date
1878-06-12
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
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— 184 — Religionslosigkeit erklären, die die gänzliche Verirrung, Verwirrung und Verödung in die Herzen von Hunderttausenden gebracht und alle Grundprincipien der Sittlichkeit in ihnen zerstört hatten. Wie vor hundert Jahren und darüber die Verleugnung und Verspottung der Religion in den höheren Ständen begonnen hat und dann weiter um sich griff, so geht es abermals, nur schneller, gründlicher uno tiefer. Im geistigen, oft so unbegründeten Dünkel, wird die Lehre von einem weisen, gütigen und gerechten Schöpfer, Herrn und Richter verlacht, die Welt für ein elendes Pfuschgebilde blind und dumm waltender Kräfte erklärt, die höchste Weisheit aber soll darin gipfeln, daß der Mensch den Kelch des Genusses leere, und sobald die Hefe bitter zu werden beginnt, das Leben als sinn- und werthlos wegwerfe. Allerdings wollen Viele, heute wie vor hundert Jahren, diese Weisheit für die beffer situirte Minderheit aufbewahren; aber „dafür ist gesorgt", es steht heutzutage auch der große Haufe schon lange auf der Höhe dieser Ansicht. Und während sie nach der Meinung der „Gebildeten" eben nur „Caviar" sein soll, will das Volk von dieser Weisheit Brod! Die Theorien nützen der Menge nichts, die neuen so wenig wie die alten, sondern an allen Gütern und Genüffen der Erde will sie Theil haben. Es gilt in der That, zu den Lehren von Gott und seinen Geboten zurückzukehren und dem Menschen wieder den Glauben an eine höhere Autorität zu verschaffen; es zeigt sich ja deutlich, daß die Autorität menschlicher Gesetze und Einrichtungen nicht weit reicht, wenn die Autorität göttlicher Gesetze nicht mehr gilt. Nun hält man uns freilich entgegen „das sagen ja die Anderen!" So spricht ja Nom und verlangt Unterwerfung unter seine unfehlbare Autorität, damit die Menschheit gerettet werde. So sprechen auch Hofprediger von Gottes Ordnung und der Autorität symbolischer Bücher. Wir aber antworten mit dem Psalm (75, 4). „Es bebet die Erde und alle ihre Bewohner, Ich habe ihre Grundsäulen festgestellt. „Ich", d. h. durch sein •OJK: „I ch bin der Herr, dein Gott", durch seine zehn Gebote, hat er die Weltordnung festgestellt. Wir heben unsere Thora hoch und sprechen: „Dies ist das Gesetz Gottes", und dies allein genügt vollkommen, um als Autorität den Bau der Menschheit zu tragen und zu stützen. Von dem, was man sonst als Gottes Gesetz und Ordnung bezeichnen mag, steht nichts darin. Das ist Priestersatzung und zielt hin auf Herrschaft, kirchliche Macht, weltlichen Besitz und Einfluß. ... Gelobt sei Gott, der uns die „Lehre der Wahrheit" gegeben! Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin, 28. Mai. (Schluß.) Von den Christlich-Socialen haben wir nur einmal (Leitartikel in Nr. 6) in diesem Blatte gesprochen. Ihr sociales Programm zu prüfen, liegt der Tendenz der „Jsr. Woch." fern. Daß sie dieses Programm auf den Boden des positiven Christenthums stellten, konnte uns zu einer Besprechung an sich keinen Anlaß geben. Indessen ließ sich unschwer voraussehen, daß die Herren Hof- und Landprediger nebst ihrem Anhang und Schweif sehr bald auch einen Feldzug gegen die Juden eröffnen würden. Dies ist denn auch geschehen. Herr Stöcker uno Consorten, die, wie ihnen hundertfach vorgeworfen worden ist, ihre ganze Agitationsmethode den Socialdemokraten, Agrariern und sonstigen Hetzern abgesehen haben, konnten sich natürlich das Vergnügen und den eventuellen Nutzen einer kleinen Judenhetze nicht versagen. Wir haben jedoch auch davon in diesem Blatte keine Notiz genommen, weil unsere Leser das Betreffende in den Journalen finden, auch hat, wie bereits in Nr. 6 erwähnt wurde, die ganze unabhängige Presse das Treiben der Christlich-Socialen immer auf das Strengste abgewiesen. In einer der letzten Reichstagssitzungen hat nun aber der Führer der Frei-Conservativen bei Berathung des Attentatsgesetzes eine so scharfe Verurtheilung der Christlich-Socialen gegeben, und es ist diese aus dem Munde, der sie ausgesprochen hat, so einschneidend, daß wir uns das Vergnügen (oder wieder die rtöpj wenn man will) nicht versagen können, sie hier folgen zu lassen. Grat Bethusy-Huc sagte, nach dem stenograph. Bericht: „Nun denn, meine Herren, wenn denn auch eine Unklarheit so weit bestehen sollte, daß die sogenannte christlich sociale Bewegung bis zu einem gewissen Grade unter die Bestimmungen des Gesetzes fallend gedacht würde, so würde ich darin, soweit es die Ausschreitungen derselben betrifft, nur einen ungemeinen Vorzug dieses Gesetzes erblicken. (Hört! Hört!) Denn, meine Herren, wenn ich die socialdemokratische Bewegung als solche als die Krankheitsbeule bezeichnen möchte, so ist die christlich-sociale Bewegung eine der Adern, welche ihr das Gift in wirksamster Weise zuzuführen geeignet ist,— fast hätte ich gesagt, bestrebt ist. Ich erkenne aber an, daß viele der hervorragenden Leiter dieser Bestrebungen bona fide handeln mögen, obgleich ich mich des Verdachtes nicht entschlagen kann, daß die Grenze zwischen erlaubtem Ehrgeiz im Dienste der Nation und sträflicher Eitelkeit im Dienste der eigenen Selbstberäucherung bei einigen der Führer in einer bedenklichen Verschwommenheit ist. (Bravo! links.) Es kommt mir vor, als ließe sich das Wort eines der Hauptschriftsteller der Centrumspartei, Louis Veuillot, auf die Herren anwenden: Ce sont de gens qui veulent percer ä tont prix, et ne sachant faire autrerment, ils percent comme un absees. Meine Herren, die socialistischen Bestrebungen haben, wie die letzten Nummern des „Staatssocialist" ausweisen, mit einem ganz unbegreiflichen Leichtsinn Themata behandelt, welche dem Studium und der Erkenntniß jener Herren ganz fremd sind. Sie haben das kommunistische Princip der progreffiven Einkommensteuer ihrem Programm einoerleibt, sie haben die Fragen des normalen Arbeitstages und Arbeitslohnes und die Aufhebung des Stücklohnes, sie haben die Frage der Wohnungsnoth und ihrer Remedur durch allgemeine Expropriation, durch Actiengesellschaften u. s. w., sie haben die allerschwierigsten Fragen mit kind ichem Leichtsinn in die Welt geschleudert und das Ganze überzuckert und schmackhaft gemacht für furchtsame Seelen dadurch, daß sie das Alles ad majorem dei gloriam, unter der Fahne der christlichen Religion, ihren Lesern als Panacee gegen alle Noth in Vorschlag gebracht haben. Ja, meine Herren, dies ist der subjective Thatbestand. Objectiv aber halte ich diese Herren schon deshalb für so gefährlich, für viel gefährlicher, als die Socialdemokraten von reinstem Waffer (Sehr wahr!), weil sie geeignet sind, gemäßigte und sonst verständige Menschen auf diese abschüssige Bahn zu treiben, auf welcher angelangt, sie dann mit dem Zauberlehrling sagen werden: „Die Geister, die ich rief, ich kann sie nicht mehr los werden." Wir fügen bei dieser Gelegenheit ohne weiteren Commentar eine Bemerkung bei, welche das „Berl. Tagebl." an die bekannten Aeußerungen des Kaisers über das nothwendige Festhalten an Religion und Christenthum knüpfte. Es sagt: „Wenn Kaiser Wilhelm die Aeußerung gethan hat „auf dem Boden der christlichen Religion muffen wir stehen bleiben", so ist dagegen vom Standpunkte eines christlichen Monarchen nichts einzuwenden. Aber ohne irgend eine Parallele zwischen der christlichen uno der jüdischen Religion, welche der Kaiser nicht erwähnt, ziehen zu wollen, wollen wir aus der letzteren doch ein kleines Beispiel entnehmen. Die zahlreich

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