Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 23. (5.6.1878)
- Date
- 1878-06-05
- Page
- Seite 181 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583061--3615-9583068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
—- 181 den die Prächtigen und Reichen, und Rom sieht nur die armen verachteten Juden, die später mit blutigem Schweiß das Kolosseum bauen müssen, wo so Viele der Ihrigen in blutigen Festspielen dein Volke von Rom zur Freude und Unterhaltung ihr Blut vergießen. Jüdische Sklaven mußten die Steine tragen, mit denen man den Grllnd legte, zu dein noch heute aufrechtstehenden Triumphbogen des Titus; wenn es geschehen sollte, daß sie selbst ihrer eigenen Schande vergessen, so sollten sie ein unverwüstliches Denkmal errichtet haben, das den spätesten Geschlechtern von ihrer Erniedrigung erzähle. Julius Cäsar war den von aller Welt Verfolgten gnädig. Um feinen Tod und den Tod des Augustus klagten die Juden Tage und Wochen; für ihn und für den Augustus beteten sie und brachten sie Opfer, so lange ihre Beschützer am Leben waren. Freilich mußten sie auch beten und opsern für ihre Unterdrücker, so gut wie für ihre Beschützer. Caligula gab sich selbst damit nicht zufrieden. Er verlangte von ihnen, sie sollten ihm göttliche Ehren erweisen, und als sie sich dessen weigerten, verfuhr das kaiserliche Ungeheuer mit ihnen noch grausamer, als mit den Anderen. Philo aus Alexandrien, den seine Glaubensgenossen mit einigen anderen Männern an Caligula geschickt hatten, um von ihm eine Erleichterung in ihrer harten Pein zu erbitten, Philo erzählt in erschütternder Rede die Geschichte des Empfanges dieser merkwürdigen Deputation. Wie sie die glänzenden Hallen durchschritten, erblickten die jüdischen Männer aus Alexandrien plötzlich einen hochgewachsenen Mann vor sich, von widerlichem Aeußern, von zerstörtein Angesicht, das Haar wild, das Auge wahnsinnig und wüst. Das war Caligula. Die Juden warfen sich zu Boden und riefen: „Salve Imperator et Augustus!“ Der Kaiser hielt ihnen vor, sie seien seine Feinde. Die Juden erwiderten, sie hätten für ihn gebetet in seiner Krankheit und beteten für ihn immerfort. „Ja, das thut ihr, erwiderte der Kaiser, aber ihr weigert Euch, mir göttliche Ehren zu zeigen Ihr habt mir keinerlei Ehre erwiesen" Dann ließ er sie ohne einen weiteren Bescheid und eilte von einer Halle nach der andern, überall seinen Dienern Befehle ertheilend, während die alexandrinischen Juden ihm demüthig folgten, verhöhnt von den Höflingen und Bedienten. Plötzlich wendete der Kaiser sich wieder ihnen zu und frug lachend: „Warum wollt ihr Juden kein Fleisch vom Schweine essen?" und als die armen Gequälten auf die Frage nicht zu antworten wußten, verbot der Kaiser den Höflingen das Lachen, indem er meinte: „Sie haben Recht, es ist eine abscheuliche Speise." Es braucht nicht gesagt zu werden, daß in der Zeit, da die Päpste die Kaiser in der Herrschaft Roms ablösen, das Loos der Juden eine Verschlimmerung erfährt. Bei der Wahl eines neuen Papstes niußten die Juden ihm auf dem Wege nach dem Lateran huldigen. Ihr Zug stand neben dem Triumphbogen des Titus und kam der Papst heran, so reichten ihre Aeltesten ihm das Buch des jüdischen Gesetzes mit der Bitte, dasselbe zu bestätigen. Der Papst nahm das Buch entgegen, blickte hinein und je nachdem er den Unglücklichen gnädig oder ungnädig war, lautete seine Antwort. In den meisten Fällen war der Sinn derselben der: „Wir bestätigen das Gesetz, aber wir verdainmen das Volk." Eine besondere Demüthigung fügte dein nur Leo X. hinzu. Er nahm das Buch und nachdem er es angeblickt, warf er dasselbe zu Boden. Zur Karnevalszeit wurde alljährlich eine Anzahl von verkrüppelten jüdiichen Greisen ausgewählt, die zur Belustigung des Volkes auf dem Korso mit Pferden. Eseln und Büffeln um oie Wette rennen mußten. Papst Paul III. war der Erste, der diesen heiteren Zeitvertreib dem römischen Pöbel zuliebe zum Gesetze erhob. Man kann sich leicht eine Vorstellung davon machen, was ein solches Wettrennen für einen Anblick bot. Man trieb die Bewohner der Judenstadt an jedem Sonntag Nachmittags in eine Kirche, wo sie gezwungen werden, eine Predigt anzuhören; allein man hat fast niemals gehört, daß ihre verstockten Herzen sich bei solchen Gelegenheiten der Lehre des Christenthums geöffnet hätten. Heutzutage leben alle diese Unsitten natürlich nur noch in der Erinnerung. Hart am Eingänge zum Ghetto, auf zwei Schritte von der Synagoge, erhebt die Kirche 8t. Maria del Pianto, in der ja viele Jndengeschlechter unbekehrt.dem Bekehrungswerke beigewohnt haben. Uebec dem Eingang zur Kirche sindet sich in lateinischer und jüdischer Schrift der Satz aus dem Jesaias: „Ich strecke meine Hände aus den ganzen Tag zu einem ungehorsamen Volk, das seinen Gedanken nachwandelt, auf einem Wege, der nicht gut ist." — Dem dient gleichsam zur Illustration das Kreuz mit dem Bilde des Erlösers daran. Das Kreuz trägt die übliche Inschrift „I. X. R I“, was nach der Anssage eines jüdischen Witzlings, freilich aus sehr moderner Schule, soviel bedeuten soll, als: „.Io No Riconosco Infallibilitä.“ („Ich erkenne die Jnfallibilität nicht an.") Diese famose Deutung ist aber erst 7 Jahre alt und darum mag älteren Auslegungen gegenüber ihre Authentizität immerhin bezweifelt werden. Bis zu den Zeiten Pius IX. und während der Regierung dieses Papstes war die Lage der Juden, wie sie hier skizzirt wurde, fast unverändert. Zwar rühmte man Pius IX. nach, daß er zur Zeit seines Regierungs-Antrittes den Juden wesentliche Erleichterungen gewährt hatte und von Zeit zu Zeit wußten die Zeitungen immer von einem neuen Akte der Gnade dieses Papstes gegen die Juden zu erzählen. Was man jedoch nicht erzählte, das war, daß diese kleinen Begünstigungen, welche die Juden erfuhren, immer von dem Mächtigsten ihrer Glaubensgenossen waren eigens ausbedungen worden. jedesmal wenn es sich um eine päpstliche Anleihe handelte. Noch Kardinal Antonelli verfocht mit allem Eifer die These, daß, wenn ein Jude schon Arzt geworden sei, ohne daß man es hindern konnte, man ihn wenigstens darauf beschränken müsse, seine Glaubensgenossen zu kuriren; ein jüdischer Arzt wurde wie für ein Vergehen bestraft, wenn er sich an ein christliches Krankenbett wagte. Uebersieht man diese fast unübersehbare Schreckensgeschichte der Juden in Rom, so findet man nur einen einzigen sonnigen Tag im Laufe von nahezu zwei Jahrtausenden. Das ist jener 10. Febr. 1798, an dem die Soldaten der französischen Republik unter Berthier zum erstenmale in Rom einzogen. So lange Italien unter der Herrschaft der französischen Republick und des „Tyrannen" Napoleon stand, so lange genossen auch die Inden auf dem Gebiete des ganzen Königreiches und in Noin selbst die volle Freiheit. Ja^ es muß gesagt werden, jeder französische Soldat trug die Freiheit in seinem Tornister. Ein Menschenalter und darüber war vergangen seit dem Sturze Napoleons des Großen, da kamen wieder französische Soldaten nach dem Kirchenstaat, u>n den Papst und seine weltliche Herrschaft zu beschützen, und so lange es einen französischen General in oder um Rom gab, betrachtete man ihn wie den natürlichen Beschützer der Juden. Mehr noch als die Angehörigen des Hauses Rothschild haben für die römischen Juden während der Regierung Pius IX. die einander ablösenden frommen, meist ultramontanen, gut katholischen Generale gethan, welche in Civitaveccha die französischen Soldaten kommandirten. Im römischen Ghetto hat man den Franzosen dafür ein dankbares Andenken bewahrt und es ist geradezu rührend, zu beobachten, welche Begeisterung diese Menschen ersaßt, wenn sie von den Franzosen sprecheil und mit welchen Legenden sie sich die Gejchichte Napoleons ausschmücken. So vertraute mir ein alter Jude geheimnißvoll an, daß Napoleon „der Große, der Echte" eigentlich — ein Jude gewesen sei! In nächster Nr. beginnt die Original-Erzählung von A. v. Z eminszky: »Bankier und Haudelsjude."