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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-06-05 · N° 23. (5.6.1878) · p. Seite 178

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 23. (5.6.1878)
Date
1878-06-05
Page
Seite 178 (sequence 4)
Language
German
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178 — i I ||! i I ' l!! \ ... Bewußtsein von dem Ernste der Sache haben der Rabbiner; und die Bertretcr der Gemeinde, denen die Führung der ganzen Angelegenheit obgelegen hat, von Anbeginn an das Werk geleitet und, als wir u:>s dem letzten Nichterspruche fügen mußten, sind sie in Wahrung aller unserer Rechte und mit der Pietät und der Hingebung, den dieser alle Gemüther aufregende Fall erheischte, zur Ausführung des Werkes geschritten. Montag, den 6., fand in der hiesigen Synagoge beim Morgengebete eine Trauerfeierlichkeit statt ganz in der alten Weise, in der hier alljährlich am 15. Kislew die Chebra- Kadischa-Feier begangen wird. Nach dem Gottesdienste versammelten sich die Synagogenvorsteher, Mitglieder der Chebra, sowie eine große Zahl von Gemeindemitgliedern und Freunden in der Halle auf dem alten Friedhofe, wo der Rabbiner vr. Bamberger in einer kürzeren Ansprache der seltenen Feier ihren Ausdruck gab. Er berührte die Geschichte dieser Friedhofsfrage und setzte vorzüglich die Maßregeln auseinander, die, um die Gemüther Aller zu beschwichtigen, in der größten Berücksichtigung jeder Vorschrift und jedes Brauches getroffen worden sind. Zuletzt sprach der Rabbiner ein hebräisches Gebet; auf's Trefste ergriffen, verließen wir die Halle, um daS traurige Werk, die Eröffnung der Gräber, beginnen zu sehen. Unterdeffen war auf dem abzutretenden Raume der Boden, wo muthmaßlich sich Gräber befanden — nur wenige Leichensteine blieben in dieser Reibe erhalten — durch Zeichen abgesteckt; alle Vorrichtungen waren getroffen und die Arbeiter standen an ihrem Platze. Hinsichtlich der Letzteren war bestimmt worden, daß nur die obere Erde von fremden Arbeitern aufgegraben werden sollte, mit dem Bloßlegen und Herausnehmen der Leichen durften sich nur Angehörige der Chebra beschäftigen. Neue Särge (weißer Kasten) mit neuer Leinwandausgelegt, waren an die Gräber herangebracht; für jedes Grab ein besonderer Sarg: vor jeder Vermischung und Verwirrung sollten die aus ihrer Ruhe aufgestörten Todten bewahrt werden. Dicht gedrängt umstanden wir das erste Grab — nur daß es einer im Jahre 1739 verstorbenen Frau gehörte, war noch auf dem verwitterten Steine zu lesen —, jeder Spatenstich wurde in der lautlosen Stille gehört, bald sahen wir, wie die Grabenden auf den Schädel stießen. Die Lage des DD war hier, wie später in jedem Grabe, durch die dunkele Asche kennbar, welche sich aus den Brettern des früheren 'pX gebildet hatte. Mit der größten Behutsamkeit wur-e diese Asche von allen Seiten aufgesammelt. Als wir hierbei zum ersten Male die „trockenem Gebeine" erblickten, als wir dann dieselben einzeln auflesen und herausnehmen mußten — da fühlten wir, was schauervoll von den Alten invLv ^12^>2 genannt wurde. Die Gebeine wurden, möglichst nach ihrer früheren Lage, in den bereitstehenden [HX gelegt, und ebenso die mit der Asche des vermischte Erde hineingethan. Der Sarg wurde alsdann geschloffen und wir trugen ihn nach der friedlichen Stätte, die zur Aufnahme der wieder gesammelten Todten bestimmt war. Die Zahl der aufgefundenen Gräber, die geöffnet werden mußten, war außerordentlich groß, weit über sechzig, aber jedem Grabe wurde dieselbe Pietät und dieselbe Sorgfalt gewidmet. Außerordentlich schwierig war daher auch die zu überwältigende Arbeit, besonders bei den Gräbern, über welche sich die Wurzeln mächtiger Bäume ausgebreitet hatten. Hier mußte die Hülfeleistung der Feuerwehr in Anspruch genommen werden, die mit seltener Umsicht und Kunst die alten Bäume zu fällen und die Erde von den Wurzeln zu befreien verstand. Es gelang auch vollkommen, die Gebeine dieser Gräber unversehrt zu finden und zu sammeln. Länger als 14 Tage hat das traurige Werk gedauert. Erft heute konnte über die wiederbestatteten Todten ein letztes Gebet gesprochen werden. — Wie die Gemeinde die Todlen geehrt, so hat sie auch sich selbst geehrt durch die fromme hingebungsvolle Thätigkeit der Männer, die das ganze Werk überwacht und ausgeführt haben. Es standen dem Rabbiner vr. Bamberger, der die Zeit über fast den Friedhof nicht verlaffen hat, hilfreich zur Seite, rathend und wirkend, der greise, allverehrte Synagogenvorsteher Herr M. S. Magnus, der ganz in seinen Beruf aufgehende Chebravorsteher Herr Abr. Goldberg, und das werkthätigste Mitglied der Chebra, Herr Fichtn,ann. Diesen und all den verdienten Männern sei der Dank der Gemeinde dargebracht. 0 Berlin Gegenwärtig sind gerade hundert Jahre verfloffen, daß die jüdische Freischule hier in Berlin errichtet wurde. Der Plan zur Schule war unter Moses Mendelsohn's Auspicien von David Friedländer (gestorben 1834 im 85. Lebensjahre) ausgearbeitet, deffen Schwager, der Oberbaurath I. D. Jtzig (gestorben 1806), einer der Wohlthäter der Anstalt, bis zu seinem Tooe auch die Direction führte. Die Schule war zuerst in Mielhswohnungen unlergebracht, bis ihre Leiter 1782 ein Haus in der Rosenstraße 12 erwarben. König Friedrich bewilligte am 1. Juni 1782 bei diesem Anlasse Befreiung von der sonst den Juden bei Hauskäufen auferlegten Porzellan-Abnahme mit dem Bemerken: Jüdische Erziehungs-Institute haben mit der Handlung nichts gemein . . . und daher wollten Se. k. Majestät, daß Dero Generaldirectorium sofort verfügen soll, daß das hiesige Erziehungs Institut der Juden von dieser Porzellanabnahme auf beständig frei bleiben soll. Die erste authentische Veröffentlichung über die Freischule datirt aus dem Jahre 1803, zu welcher Zeit der vorhin erwähnte Baurath Jtzig Director und vr. Aronssohn, Joh. Friedr. Meyer und Nathan Ullmann Jnspectoren waren. Von den 9 Lehrern waren 6 Juden und und 3 Christen. Der Anstalt war auch früher schon vom Könige die Conceffion zur Anlage einer hebräischen Buchdruckerei ertheilt worden. Nach Jtzig's Tode trat Lazarus Bendavid als Leiter der Schule ein, in welcher Stellung er zwanzig Jahre verblieb. Während dieser Zeit wurde die Schule auch vielfach von christlichen Schülern besucht. Im Jahre 1826 übernahm Zunz interimistisch die Leitung, und es wurde in dieser Zeit auf dem Hofe des Grundstücks Rosenstraße 12 ein neues Schulgebäude errichtet, das 1829 die neu organisirte Gemeindeschule bezog. Letztere wurde 1835, nach Errichtung einer Gemeinde-Mädchenschule zu einer Gemeinde-Knabenschule, von 1829 bis 1851 von Baruch Auerbach (gest 1864) geleitet und vom 18. Januar 1851 ab von dem jetzigen Rector A. Horowitz. M. A. Aus Hessen, 29. Mai. (Or.-Corr.) Von befreundeter Seite werden wir auf eine uns betreffende Bemerkung im „Briefkasten der Redaction" der Nro. 20 des „Israelit" aufmerksam gemacht, die nur darum Beachtung verdient, weil sie so recht die Kampfesweise des sich orthodox nennenden Blattes kennzeichnet. Sachlich konnte Herr vr. Lehmann auf unsere Correspondenz in Nr. 15 der „Wochenschrift" nichts erwidern, darum beschreitet derselbe — wie er's immer thut — das Gebiet des Persönlichen. Aber gleich als ob Herr vr. L. selbst an der Wahrheit deffen, was er geschrieben, gezweffelt hätte, hat er seinen Angriff in den Theil seines Blattes verwiesen, für welchen „die Nedaction nicht verantwortlich ist." Und in der That ist es — wie wir auch schon in Nro. 15 bemerkten — unverantwortlich, daß der Nedacteur einer jüdischen Zeitung etwas in die Welt hineinschreibt, das absolut unwahr ist. Wir hatten weder bevor wir die erwähnte Correspondenz schrieben, noch auch später bis zu der Zeit, da Herr vr. Lehmann seine „verunglückte" Expedition gegen uns unternahm, jemals Gelegenheit, den Rhein zu sehen. Und — ganz abgesehen hiervon — wie sollte der entzückende Anblick der schönen Nheingegend einen „Unwillen" in uns erregen, der lediglich der zufälligen Lectüre der Nro. 13 des „Israelit" seinen Ursprung verdankte. Oesterreich. Prag. (Schluß von Nro. 21.) Es wurde im vorigen Jahrgange dieser Zeitschrift ein Artikel über die Ursache der Abnahme des jüdisch-theologischen Studiums veröffentlicht, der Artikel war sehr lesenswerth, aber eines blieb unberührt, näm-

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