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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-29 · N° 22. (29.5.1878) · p. Seite 172

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 22. (29.5.1878)
Date
1878-05-29
Page
Seite 172 (sequence 6)
Language
German
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i! — 172 — stammt auch der vom Kuratorium eingehaltene Vorgang, die zu verleihenden Gelder nicht, wie dies bisher der Fall gewesen, ausschließlich an jüdische Gemeinden und jüdische Privatpersonen zu verleihen, sondern von der Confession der Darlehenswerber ganz abzusehen und nur die höhere Sekurität der elocirten Kapitale, sowie die persönliche Würdigkeit der Darlehenswerber bei der Bewilligung von Hypothekar-Darlehen im Auge zu behalten — ein Vorgehen, das gewiß nur Nachahmung verdient. (Tagesbvte für Mähren.) Thurocz St. Marion. Hier besteht ein Frauenverein, gegründet von Frau von Veniczki, geb. Ruttkay. Derselbe ist confessionsloS und hat jüngst folgenden rührens- und mittheilenswerthen Beweis von Edelmuth gegeben. In der Nacht zum 1. Mai wurde die Frau eines armen jüdischen Färbergesellen von 3 Knaben entbunden, starb aber auch gleich nachher. Dieser traurige Fall enthüllte nun das doppelte Elenv der unglücklichen Familie, und schon in aller Frühe fuhr die jugendliche Vicepräsidenten deS Frauenvereins, die Gemahlin des Vicegespans von Lehoczky vor dem Trauerhause vor, zog Erkundigungen ein und telegraphirte sofort um eine Amme. Im Verein mit der genannten Frau von Veniczki wurde dann ohne die monatliche Ausschußsitzung abzuwarten, sowohl eine sofort auszuzahlende Unterstütznng wie die Besoldung der Amme auf die Vereinskaffe angewiesen. Zugleich erboten sich diese beiden Damen, die Stelle der Gevatterinnen bei den kleinen Waisen einzunehmen; sie fungirten denn auch als solche am 8. im Tempel und führten den Ehrenvorsitz bei dem rituellen Mahle. Daß sie bei dieser Gelegenheit auch noch reichliche Gaben spendeten, ist eben so selbstverständlich, wie, daß aus der Mitte der jüdischen Gemeinde dies edle Vorgehen Nachahmung und Anerkennung fand. Paris. In dem Entwurf des Staats-Budget für 1879 ist der Titel deS jüd. Cultus ansehnlich erhöht, nämlich um drei Rabbinats- und mehreren Gehaltsaufbesserungen. In dieser Beziehung hat dieAnnexionvonElsaß-Lothringen beiden Theilen Gewinn gebracht. In Frankreich ist eine ganze Anzahl neuer Rabbinate creirt und dotirt worden und in Hinsicht auf die Gehaltsverbesierung findet förmlich ein edler Wetteifer zwischen dem neuen und dem alten Vaterlande statt. Ob er b e a b s i ch t i g t ist, wisien wir nicht, aber wir gönnen es den College» hüben und drüben von ganzem Herzen und wünschen nur, daß der Wetteifer auch den Altdeutschen zu Gute käme. Wir haben das Zusehen und üben uns in Neidlosigkeit. — Dem gegenüber ist es nicht schön, daß das Pariser jüd. Conststorium noch immer die Coupons seiner Schuldverschreibungen nicht einlöst. Die Zinszahlung unterblieb zum erstenmale für den Coupon vom 1 Jan. 1871, das war ganz natürlich; dann auch am 1. Juli 1871, was ebenfalls hingehen mochte, nun scheint aber das Ntchtbezahlen eine süße Gewohnheit geworden zu sein. Da hat denn Jemand die Geduld verloren und ein ganzes Packet Coupons vom 1. Jan. 1871 bis 1. Juli 1877 incl. eingeklagt und zwar gegen Baron Rothschild, als Chef des Consistoriums und wahrscheinlich auch als zahlungsfähigen Schuldner. Er ist abgewiesen worden. Juristisch wird das ohne Zweifel in Ordnung sein, aber schön ist es nicht, und darin könnten die Franzosen wieder von uns lernen, da bei uns selbst Gemeinden von 20 Mitgliedern ihre Zinsen prompt bezahlen, denn Schulden haben unsere Gemeinden allzumal, die kleinen wie die großen. — Der Schriftsteller Eugen Manuel, Mitglied des Centralconsistoriums ist zum General-Jnspector des öffentlichen Unterrichts ernannt worden. — „Arch. Jsr." berichten auch von einer specifisch-jüdischen Collektion, welche sich auf der Ausstellung befindet. Ein bekannter Sammler, Hr. Strauß, hat eine bemerkenswerthe und sehr reiche Sammlung von Kunstgegenständen, die sich auf den israelitischen öffentlichen und häuslichen Gottesdienst beziehen, ausgestellt. Es sind zwei heilige Laden, ein Vorbeierpult, Torah-Verzierungen, Chanukaleuchter, „Hände", Kidduschbecher, Riechbüchsen, Trauringe u. dgl. m. Alle diese Gegenstände sind künstlerisch schön gearbeitet und stammen aus dem 16., 15. ja selbst aus dem 13. Jahrhundert. Amsterdam. Als Sr. Maj. der König jüngst hier verweilte, empfing derselbe auch eine Deputation der jüdischen Gemeinde, geführt von dem Rabbiner. Für die ausgesprochenen Loyalitätsgefühle dankend äußerte sich der König in schmeichelhafter Weise über die Juden seines Landes und drückte sich dabei etwa folgendermaßen aus: „Meine jüdischen Unterthanen sind sittlich, ehrlich und getreue Kinder des Vaterlandes, sie verdienen die größten Freiheiten." Jerusalem. Von Hrn. A. M. Luncz haben wir vorlängst*) eme Correspondenz erhalten, welche den Abschluß der Angelegenheit des von Sir Moses Montefiore geförderten und von den Fanatikern und Heuchlern abgewiesenen arabischen Unterrichts berichtet. Man hat den förmlichsten Bann über Lehrer, Schüler und Eltern ausgesprochen, das Lesen in Büchern in rein-hebräischer Sprache verboten und eine Anzahl von Büchern ganz speciell auf den Index gesetzt. Darunter das Buch Megaleh Temirin — sehr begreiflich — mehrere Novellen in hebr. Sprache — woran nichts verloren sein mag — und die hebr. Uebersetzung des Jesephus. Von einem Interdikt gegen diesen seitens der heiligen Hermandad in Jerusalem hat man schon früher gehört, und es wäre intereffant zu erfahren, was diese Leute eigentlich gegen Josephus in Harnisch bringt. Sir Moses hat das ihm retournirte Geld wieder nach Jerusalem gesendet und zum Besten der Lehrerinnen an der portug. Schule verwenden laffen. — Am 8. d. Mts. starb der berühmte, von den hiesigen Aschkenasim als Ob rrabbiner anerkannte R. Meir Auerbach, vormals Rabbiner in Kalisch. Feuilleton. Die Juden in Rom.**) Keine von den zahllosen Inschriften, welche die römischen Straßen zieren, verkündet, wo die Stadt der Juden anfängt, noch wo sie aufhört. Und doch erkennt selbst der Fremde im ersten Augenblicke, wenn er sich zufällig dahin verirrt, daß dieses der Ort sei, an dem das Volk der Juden seit langen Jahrhunderten lebt. Nicht daß das allgemeine Wesen dieses Stadttheils sich besonders von dem Wesen der anderen armen Stadttheile Noms unterschiede. Ich habe viel gehört von dem häßlichen Schmutz des römischen Ghetto. Allein nlir i|t es nicht gelungen bei wiederholten Besuchen und bei aufmerk- *) Wir erhielten den Brief für die auf Pesach ausgegebene Dop pelnummer zu spät und geriethen nachher mit ihm in Rückstand. (Inzwischen erhielten wir von demselben eine zweite Correspondenz, welche wir für die nächste Nr. zurücklegen.) Hr. Luncz, welcher krank und unbemittelt ist, bittet ihm für seine zwei Bücher, Netiboth Zion und Toldoth Jizchak, den Betrag & 2 M ark, gütig st zu übersenden, direkt oder durch die Redakt. dies. Bl., oder ihm die Bücher zurückzuschicken. **) Wir entnehmen diese auszügliche Schilderung mehreren Artikeln, die Herr vr. A. Nemenhi im „Pest. Lloyd" veröffentlichte. Auch die in den letzten 2 Nummern gebrachte Golvbaum'sche Studie über Koinpert war einem Cyklus von Aufsätzen in demselben Bl. über das Ghetto und seine Poeten (Kompert, Bernstein und Mosenthal) entnommen. Durch Lersehen des Setzers war die Quellenangabe sowie ein charakteristischer Satz zum Schlüsse weggeblieben. Wir trazens hier nach: „Bon dm Kindern der Armen geht die Lehre aus," sagt der Talmud. Koinpert illustrirt den Satz. Cr zog nach Wien, half sich als Hofmeister fort, studirte eifrigst, schrieb sich langsam, aber unverdrossen hinauf und heute zählt der kleine Mann mit dm ernsten, nachdenklichen Mienen und der milden bedächtigen Ausdrucksweise zu den geachtetsten Erscheinungen in der literarischen Gesellschaft Wiens." (Gleichzeitig theilen wir unseren Lesern mit, daß wir demnächst wieder eine Originalnovelle aus der Ae» der des Hrn. A. v. Zemlinsky im Feuilleton bringen werden. Red.)

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