Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 22. (29.5.1878)
- Date
- 1878-05-29
- Page
- Seite 173 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 173 — sanier Beobachtung und Vergleichung zu entdecken, daß bic Straßen, die Häuser oder die Menschen hier schmutziger waren, als in den anderen Theilen der Stadt. Ich glaube, es gibt nichts Ungerechteres, als wenn man mit dem Begriffe einer Judenstadt von Anfang her auch den Begriff der Schmutzigkeit verbindet. In dieser, wie in jeder andern Beziehung ist die Summe von Individuen, welche in irgend einem Lande unter der Gesammtbezeichnung der Inden verstanden wird, genau so, wie das ganze Volk, in dessen Mitte es lebt. Die Juden haben vielleicht eigene Gewohnheiten, aber sie haben sicherlich keinen eigenen Charakter. Auch diese unterscheidenden Gewohnheiten haben sie nicht angenommen, sondern sie haben sie in ihrer Lage vorgefundeu. Die Schmutzigkeit gehört ebensowenig wie die Reinlichkeit unter die Merkmale des Judenthums. Wer das Haus eines französischen Juden, selbst der ärmsten Klaffen, betritt, dem wird daselbst die kokette Zierlichkeit und die wohlberechnete Nettigkeit an allen Dingen auffallen; wer den Muth hat, das Haus eines Juden im römischen Ghetto aufzusuchen, wird wie erstarrt sein bei dem Gedankeu, daß an einem solchen Orte menschliche Wesen, Seinesgleichen, ihr ganzes Leben verbringen. Wo findet nun der eigentliche jüdische Charakter seine Vertretung? Ist es in der französischen Reinlichkeit? dann müßten eben alle Juden reinlich sein, und das sind sie nicht! Ist es in dem römischen Schmutz? dann müßten alle Juden schmutzig sein und das sind sie auch nicht! Man nehme doch einmal und stelle sie neben einander, das Haus eines römischen Juden, das Haus eines französischen Juden und dazu das Haus eines römischen Christen aus der gleichen wirthschastlichen Stellung. Wenn man nicht finden wird, daß das Haus des römischen Juden demjenigen des römffchen Christen tausendmal ähnlicher ist, als dem Hause des französischen Juden, dann mag man nach Belieben die Lehre, sei es von der auserwähtten Tugend, sei es von der auserwählten Verkommenheit des jüdiichen Stammes, wie ein Dogma proklamiren, so wahr und unverletzlich, wie irgend eine Dogma! Vom Kapitol kommend, war ich zufällig in die Via di Pianto gerathen, welche in die Hauptstraße des Ghetto mündet. Beim Eingang der Straße erblickte ich, wie überall in Rom, den unerläßlichen Springbrunnen, nur daß statt der Götterknaben, die ihn sonst umgeben, diesmal der Brunnen von einer Anzahl ungewaschener und heulender Judenknaben umringt war, die einander und die Vorübergehenden mit Wasser bespritzten Zur Ehrenrettung der jungen Makkabäer fühle ich mich gehalten, hinzuzufügen, daß das bischen Wasser die einzige Unbill war, die ich von ihnen erfuhr, während der Fremde sonst durch keine römische Straße ähnlicher Art kommen kann, ohne von unzähligen Straßenjungen angebettelt zu werden, wobei es oft gar nicht räthlich ist, den Bettel zu ignoriren Wenn man in die Straße selbst gelangt und die Kinder zarteren Alters sieht, wie die Orte, an denen sie Hausen, findet man es fast unbegreiflich, daß bei menschlichen Geschöpfen, die ihre ersten Jahre so verbringen, sich noch etwas von kindischem Muth und Uebermulh ausbilden kann. Man durchschreitet zur Mittagszeit die ganze Straße, ohne auch nur einem einzigen Manne zu begegnen. Die Männner sind in der Stadt auf Broderwerb, während die Frauen vor den Häusern auf offener Straße nähen oder ihre Kinder pflegen. Es gibt nichts Fürchterlicheres, als den Anblick dieser blassen, verkrüppelten Weiber, vie von blassen und verkrüppelten Kindern umgeben, über ihre Arbeit gebeugt sitzen und kaum hie und da mit einem lebensmüden traurigen Blick, der nichts sagt und nichts mehr klagt, den Vorübergehenden anblicken. Mir ging unaufhörlich das markerschütternde Lied des Thomas Hood dstrch den Sinn, dieses traurige „Song of the Shirt“ — „das Lied vom Hemd". Wie das arme Weib, halb bewußtlos und halb erblindet schon, immerfort um Brod zu erwerben, näht; bei Tage geplagt vom Hunger, des Nachts den Schlaf niederkämpfend immerfort näht, „mit doppeltem Faden näht, zugleich ein Leichentuch und ein Hemd. ..." Ich dachte, es würden in dieser einen Gaffe hundert solche Leichentücher vor meinen Augen genäht, und neben jedem Leichentuch säße auch gleich der Todte, für den es bestimmt sei. So voll von Abwechselungen und Abstufungen der Reichthum ist, die Armuth ist noch wechselreicher. Es gibt eine hohe Aristokratie des Elends, und das ist diejenige, die wir mitleidsvollen Auges Tag für Tag sehen Und welche unzähliche u. undurchdringliche Abstufungen führen von da weiter hinab, so tief, wie das Auge des meistbegierigsten Suchers unter uns niemals dringt. Welch' ein Unterschied ist es zwischen der — wenn man so sagen kann — behaglichen Armuth, die man in unseren Städten sieht, bis zu dem Entsetzen, das man in Liverpool, oder in dem Arbeiterquartier von Manchester — zur Zeit eines Strikes gar — sieht! Rur dem zu vergleichen ist diese Szenerie von den arbeitenden Frauen im Ghetto. Ein Unterschied besteht freilich zwischen den beiden Orten, und das ist der, daß in dem englischen Arbeiterhause das Elend nur einzieht im Gefolge der Trunksucht, der Lüderlichkeit und Niederträchtigkeit des Mannes, während hier das Elend kein Werk von Menschenlaster ist. Hier wie dort aber fühlt man wie Schauer und Bewunderung angesichts der Frau, die mit ihrer heroischen Hingebung gleichsam ganz allein gut macht, was Gott, das Schicksal und die Menschen schlecht gemacht haben. Niemals wird die menschliche Sprache Worte finden, um den ganzen heiligen Opfermuth der Frauen der Armen zu schildern. Alles scheint in dieser Straße verkrüppelt. Die mehrstöckigen Häuser stehen schief, die Giebel nach auswärts gebogen, bilden sie fast ein Dach, das die ganze Straße bedeckt, diese Straße, welche so schmal ist, daß ein Wagen sie nur mit genauer Noth passiren kann. An einzelnen Häusern sieht man keinerlei Glasfenster und blickt man in die Wohnräume, meint man, dieselben könnten Niemandem zum Aufenthalt dienen, weil man auch nicht ein einziges Möbelstück darin entdeckt. Die im Quartir bekannten Leute sagen Einem dann, daß es den Bewohnern genügt, einen Raum zu haben, der ihnen des Nachts eine Schlafstätte bietet; während des TageS kommen sie ohnehin niemals dazu, das, was sie ihre Wohnung nennen, zu betreten. So verpestet die Straßenlufl auch sei, sie ist noch immer besser als die Luft in den Wohnräumen. Die Männer sind in der Stadt, die Kinder lagern auf den Straßen und die Frauen nähen ununterbrochen vor den Läden. Wenn man aber in einen solchen Laden tritt, welche Sorgfalt und welche Ordnung erblickt man hier! Mit der Findigkeit und dem zähen Fleiß, welchen diese Menschen an so einen elenden Laden wenden, könnte ein Anderer ein großes Handlungshaus leiten und Millionen erwerben. Für alle ausgestellten Herrlichkeiten aber finden sich nur wenige Käufer. Es herrscht da augenscheinlich eine permanente Handelskrise. Hat man einen von diesen Läden gesehen, so kennt man alle. Es ist überall dieselbe bizarre Sammlung unmöglicher Dinge und überall dieselbe gleichzeichzeitig demüthige und verschlagene Art der Verkäufer. Mich hat die Sache intereffirl und ich habe im Allgemeinen gefunden, daß man hier gerade so 70 oder 80 Centimes für eine Waare verlangt, welche unter Brüdern 20—25 Centimes werth ist, wie man in den glänzenden Magazinen des Korso 100 Francs für ein Objekt fordert, das zwei Minuten später dem Käufer um 20 Francs überlasten wird. Mit Bezug auf das Talent zum Schwindel sagt ein römisches Sprichwort: Drei Christen gelten erst so viel wie ein Jude, drei Juden geben erst einen Genuesen. Die ehrsamen Bürger von Genua habe ich nicht aufgesucht, will ihnen auch ihren Ruf nicht schmälern; für die römischen Christen jedoch muß ich eine Lanze einlegen. Ich habe im Gegensätze zu dem Sprichwort gefunden, daß ein christlicher Schwindler genau so viel wiegt, wie ein jüdischer Schwindler und drei christliche Schwindler so viel, wie drei jüdische Schwindler. (Schluß folgt.)