Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 22. (29.5.1878)
- Date
- 1878-05-29
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 171 — Schriften. Achtzehn Jahre lang war er Parlamentsmitglied für Reading und gehörte der liberalen Partei an; daß er jedoch in der letzten Zeit nicht mit Gladstone und Consorten gehen konnte, versteht sich von selbst, er stand vielmehr von jeher in der allerersten Linie, wo es galt, im Parlament oder außer demselben durch Rebe oder Schrift^gegen die Bedrückung der Juden im Orient aufzutreten. Sir Francis Goldsmid war ferner ein Förderer der Erziehung, des Unterrichtes und der höheren Bildung in allen Kreisen, und ebenso ein eifriger Theilnehmer an verschiedenen mohlthätigen ober literarischen Vereinen rc. innerhalb des Judenthums. „Durch seine feste Anhänglichkeit an allen mos. Vorschriften und Ceremonien zeigte er, wie das Festhalten am Judenthum sehr wohl zu vereinigen sei mit den Pflichten eines Engländers" — sagt „Jew Chron" von ihm. „Jew World" bemerkt in dieser Hinsicht: „Man kann keinen besseren Beweis für die Gewissenhaftigkeit ansühren, womit er sowohl die Gesetze des Judenthums wie seine parlamentarischen Pflichten erfüllte, als den Umstand, daß er zu und von den Sitzungen des Unterhauses am Sabbath nie fuhr, aber auch keine Sitzung versäumte, obgleich ihn diese Fußtouren von Westminster nach feiner Wohnung in St. John's Wooo manchmal eine Unpäßlichkeit zuzog Auch nahm er nie eine aus verbotenen Speisen bestehenden Erfrischung zu sich, sondern hatte seine versiegelte Büchsen mtt Fleischtörtchen bei sich." Daß er zu den Gründern der West End (Reform-Synagoge) gehört, steht damit nicht in Widerspruch, denn zwischen englischen Reformen und dem deutschen Verächter der klarsten biblischen Gesetze ist ein himmelweiter Unterschted. Daß es ihin mit dem Gottesdienste, sei es in hergebrachter, sei es in gelinde reformirler Welse, persönlicher und religiöser Ernst war, geht daraus hervor. daß er im Jahre 1841 Predigten von Salomon übersetzte und selbst in einer Synagoge vortrug, da man zu der Zeit noch keine jüdischen Prediger in England Halle, Die Betheiligung des Vorstorbenen an dem rumänischen Comite, an der Gründung der Anglo Jewish Association rc. ist bekannt. Der Verstorbene hinterläßt keine Kinder; den Titel rc. erbt der Sohn seines verstorbenen Bruders, Julian Goldsmid, Parlamentsmitglied für Nochester. Die hervorragendsten englischen Blätter widmen dem Verstorbenen ehrenden Nachruf. Schweden. 6. Stockholm, den 10. Mai. (Schluß.) Hier in Schweden treiben wiederum die Missionäre ihr — dieses Mal — tragik-komiiches Treiben. Ein Pastor Velkenson und ein getaufter Jude Adler (ein Pole aus Wtlkowitz) besuchten zuerst Gothenburg und kündigten ihre Vorträge „Ueber Israels Hoffnungen und Ziele" an. Da bringen die Handeloch Sjofahrts-Tideinger ein köstlich humoristisches Eingesandt, unterzeichnet: Israel Pristenson, worin an der Hand des jüdischen und chrfftl. Almanachs nachgewiesen wird, daß weder Juden noch Christen vor dem 29. April Zeit hätten jene Abeudvorträge zu hören, bald ist es Seder, Habdala, Kiddusch rc., bald Charfreitag. Osterfest und Sonntage, welche die beiden eingeladenen Confessionen gestatten, die von England kommende Erleuchtung einzuholen. Mögen die Herren ant 39. April kommen. Man denkt hierbei sich an Esrogim nach Succoth, oder Kapporoth nach Ion« kippur. Ernsterer erging cs dem Herrn Seelenschacherer hier. Das Aftonblad theilte in der einen Nummer genau das „gehaltlose Geschwätz" dieser Herren mit und m der darausfolgenden Nr. fast wörtlich die beiden Predigten des Hrn. Rabv. Dr. L c - wysohn an den beiden ersten Passatagen und zieht eine sehr wenig für j-ne Herren schmeichelhafte Parallele zwischen den ungleichen Predigten. Von allgemeinerem-Interesse mag hier der Satz hervorgevoben werden. „Höheres Geführ, Verträglichkeit und die Stimme der Vernunft werden in den Synagogen gepredigt." — Hr. l)r. L. hatte die Ehre (!) von diesen Herren in Begleitung eines hiesigen Priesters besucht zu werden. Die unmittelbare Folge mar wohl die, daß die Missionäre ihre großen Placate mit hebräischen Citaten aus dem 53. Cap. des JesaiaS von den Fenstern der Capelle, in welcher sie Vorträge hielten, seit einigen Tagen entfernten. Das Geschäft dieser Leute soll hier völlig mißglückt sein; wie man erzählt sollen sie 50 Pfd. Sterling für eine polnischjüdische Seele geboten haben, jedoch vergebens. — Hr. Dr. Heyman aus Gothenburg ist hierher als Profeffor am Carolinischen Institut (Anstalt für junge Aerzte) berufen worden. Er soll über allgemeine Gesundheitslehre vortragen. — Zu den Mitgliedern der Commission der schwedischen Abtheilung bei der gegenwärtigen Pariser Ausstellung gehört auch Hr. Simon Sachs von hier. — Am 1. April feierte Hr. Wilh. Rubenson seinen 50. Geburtstag; er ist Gabai der hiesigen polnischen Chebra, und haben die Mitglieder diesen Tag durch ein Festmahl gefeiert und bei dieser Gelegenheit dem verdienstvollen Manne ein schönes Ehrengeschenk überreicht. Dieser taclvolle Act der Polen machte einen guten Eindruck. Vermischte und neueste Nachrichten. Danzig. 19. Mai. (Or.-Corr) Schneller und einmüthiger als ihr Corresp. in vor. Nr. annahm, ist auch die andere Rabbinerwahl hierorts erfolgt. Gestern ist Hr. Dr. Coßmann Werner aus Posen, der den Lesern Ihres Blattes wohl noch von seiner im letzten Jahre am Breslauer Seminar gekrönten Preisarbe't bekannt sein dürfte, einstimmig zum Rabbiner der Altschottländer Gemeinde (deren Rabd. der sel. Dr. Wallerstein war) gewählt worden. Möge derselbe hier emen seinen Fähigkeiten und religiösem Ernst entsprechenden Wirkungskreis finden. Leipzig. Der Kassenbericht für 1877 der deutschsisraelitischen Darlehns-Kafse für Frauen und Jungfrauen ergiebt eine Einnahme von 2675 Mk., welche größtentheils aus Capitchzinsen hervorgeht. Der feste Fonds des Vereins beträgt 45,632 Mk — Es wurden gegeben Darlehn: an 4 Frauen 700 Mk., an 2 Wittwen 210 Mk, an 6 Mädchen 1100 Mk. Die Darlehn wurden gegeben: 1 zur Anschaffung von Möbel, 1 zum Ankauf eines Piano, 2 zur Ecrlchtung eines Putzgeschäfls, 1 zur Errichtung eines Grützwaaren-Geschäfts, 4 zum Schnittwaarengeschäft, 1 zur Ausbildung fürs Theater und 2 zur Ausbildung als Kindergärtnerin. Frankfurt a. M. Unser neugewählter Rabbiner, Herr Dr. Horomtz, gedenkt, wie ich erfahre, Mitte August sein Amt hier anzutreten. Man hat in Gnesen viele Anstrengungen gemacht, ihn der Gemeinde zu erhalten, man konnte sich aber schließlich doch der Erwägung nicht entschließen, daß ein Mann, der den Ruf zu erhöhter Wirksamkeit in sich verspürt, einem Rufe nach einer so bedeutenden Gemeinde nicht anders als folgen könne. Brünn. Gegenüber den häufigen Verdächtigungen von czechiicher und klerikaler Seite, die das Wucherunwffen als die ausschließliche Domäne einer Coufession hinitelll, verdient die Thatsache bekannt gemacht zu werden, baß das Kuratorium des mähr. jüd. Landesmassasondes, das alljährlich 30 bis 40,000 fl. auf Hypotheken zu elociren in der Lage ist, hiebei den schon vor mehreren Jahren zur Richtschnur aufgestellten Grundsatz befolgt, keinem Darlehenswerber ein Darlehen zu bewilligen, von dem eine Verwendung desselben zu Wucher- oder anderen unlauteren Geschäften zu befürchten steht. Es werden daher grundsätzlich vor jeder Berathung von Darlehnsgesuchen über den persönltchen Charakter der Petenten, wenn selbe dem Kuratorium nicht näher bekannt sind, bei glaubwürdigen Personen Erkundigungen eingeholt und wo die eingegangenen In ormattonen nur im entferntesten die Vermuthung aufkommen laffen, es könnte der dargeliehene Betrag zu Wuchergeschäften verwendet werden, wird der Gesuchsteller, mag die Sicherheit des Darlehens noch so evident sein, sofort abgewresen. Der gleichen Tendenz ent-