Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 20. (15.5.1878)
- Date
- 1878-05-15
- Page
- Seite 155 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583034--3586-9583039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
155 — dieser Knabe der Taufe entzogen werde, er später sich taufen werde. Nun wendete man sich an Herrn Rabbiner Dr. Duschak, derselbe setzte sogleich alle Hebel in Bewegung und ruhte nicht, bis das Kloster den Knaben herausgab. Dieser verschwand wieder, doch die Eltern mit Hilfe der Polizei werden ihn nunmehr, da die Taufe vom Bischof verboten wurde, leicht ausfindig machen. England. London. Wir haben bereits über den in der Monatsschrift „The nineteenth Century“ enthaltenen Artikel „Können Juden Patrioten sein?" von Dr. Hermann Adler kurz berichtet und kommen versprochenermaßen jetzt noch einmal auf denselben zurück. Man wird sich erinnern, daß Dr. Adler sich gegen einen in der „Contemporary Review“ erschienenen Artikel von Prof. Goldwin Smith richtet, der über Englands Stellung zur orientalischen Frage handelnd, sich im Sinne Gladstone's, Freeman's und vieler Anderen, gegen die Türkei, gegen die damals erst im Keim sich zeigende rusienfeindliche Politik des englischen Cabinets wendet und dabei nebenher über die Juden heriällt. Die politischen Beweggründe zu diesen Ausfällen liegen für jeden Eil>siä?tigen klar auf der Hand und sollen hier nicht weiter besprochen werden, doch glauben wir einen recht bezeichnenden Umstand hervorheben zu sollen. Die Gladstone, Smith und Consorten sind wahrlich nicht Freunde Rußlands im Princip. Bei der Stellung, welche Rußland von jeher gegenüber allem, was sonst einem Engländer werth ist, eingenommen hat, ist es ja geradezu unmöglich, daß ein Brite, wie er sonst auch denken möge, Sympathie mit dem offiziellen Rußland fühle — aber Rußland tritt angeblich für die Befreiung der Christen auf, und wie grob bas Gewebe dieser Täuschung auch sein mag, so ist eS fein genug, um jene in ihren christlichenVorurtheilen eingesponnenen Männer zu fangen. Es gilt einen Kampf Christgläubiger für Christgläubige gegen Ungläubige, dies genügt ihnen; was sonst von Recht, Menschlichkeit u. s. w. u. s. w. in Betracht kommt, das ist ihnen alles gleichgültig. Und nun merke man 1) Weil sie sich bewußt sind, in dem Streite von „Christ gegen Nichtchrist" unbedingt auf Seite des Elfteren zu stehen, so unterstellen sie, daß auch wir, wo es „Jude gegen Nichtjude" gilt, unbekümmert um Recht und Vernunft auf Seiten des Juden stehen. 2) Wie die Kreuzfahrer anno 1096 zunächst über die in ihrer Mitte wohnenden Juden herfielen, so fallen die heutigen Kreuzprediger in England zunächst über die britischen Juden her, allerdings Gott Lob nur mit der Feder. 3) Weil Disraeli das Haupt der Gegenpartei ist, und den Umständen nach als Jude bezeichnet wird, so fällt man über alle Juden her. Also sehen wir immer wieder die alte Geschichte in all ihren einzelnen Zügen. Doch wenden wir uns jetzt zu dem Adler'schen Aufsatz. Die englisch-jüdischen Blätter bemerken, es sei das erste Mal, daß ein jüdischer Geistlicher mit einem solchen Aufsatze in einer englischen Review Zutritt findet. Wir müsien auch zunächst hervorheben, daß Dr. Adler sich einer sehr gemäßigten Polemik und Ausdrucksweise befleißigt, obgleich er in der Einleitung sagt, daß die Zeit, wo wir dem Tadel und der Schmähung gegenüber nur schweigen oder mit verhaltenem Athem demüthig flüsternd antworten durften, vorüber sei. Als Motto ist ein Ausspruch von Zunz gewählt*) „der Gedanke ist mächtig genug ohne Anmaßung und Unrecht über die Anmaßung und das Unrecht zu siegen." — Und es entspricht durchaus diesem Satze, daß der Verfasser die Smith'schen Vorwürfe gegen Juden und Judenthum ohne jeden Aufwand von Rhetorik wie von scharfer Abwehr widerlegt. Es sind drei Punkte, welche besprochen werden, drei Sätze nämlich, durch welche Smith beweisen will, „daß das Gesetz die Juden wohl zu Wählern, aber niemals zu Patrioten machen könne, so lange sie ächte *) Dieser Satz ist ebenso wie mehrere andere Citate in deutscher Sprache gegeben und eine Uebersetzung nicht beigefügt. Es ist wohl interessant, daß beim Lesen der Review genügende Kenntniß der deutschen Sprache vorausgesetzt wird. Juden seien." Erstlich sei nämlich der „jüdische Gott" nicht der Vater Aller, sondern nur der seines auserwählten Volks. Zweitens sei eben deshalb auch die Sittenlehre des Judenthums eine exklusive, sie sei nicht dieselbe gegenüber Juden und Nichtjuden. Drittens die Juden könnten sich, so lange sie Juden sind, nicht ganz dem Vaterlande anschließen. Daß die Entgegnung auf diese drei Punkte nichts gerade Neues herbeibringen kann, ist natürlich, aber das zur Widerlegung Beigebrachte ist treffend und sehr gut ausgedrückt. Der erste Punkt ist durch Hinweisung auf die Schöpfungsgeschichte die Völkertafel, und treffende Stellen aus dem Pentateuch wie aus den Propheten so schlagend widerlegt, daß Dr. Adler wohl die Bemerkung vorausschicken durfte: „Man könnte fast glauben, daß derjenige, welcher solche Worte niederschreiben konnte, niemals eine Bibel in der Hand gehabt habe." In Hinsicht auf die zweite Behauptung wird hervorgehoben, daß die zehn Gebote doch anerkanntermaßen die Grundlage alle r Sittenlehre bilden, und dann wird insbesondere der landläufige Vorwurf der Erlaubniß des Wuchers mit Fremden und der Gewohnheit des Wuchers treffend widerlegt. (Dr. H. Adler hatte über diesen Punkt schon früher einen Vortrag veröffentlicht.) Aus dem dritten Theile wollen wir folgendes Citat aus „Lecky's Entstehung und Einfluß des Rationalismus in Europa" mittheilen. Lecky sagt: „Während ringsum sie (die Juden) umher alles in Dunkelheit und thörichter Unwiffenheit tastete, während Taschenspielerkünste als Wunder und erlogene Reliquien die Gegenstände der Unterhaltung für ganz Europa bildeten, während die Intelligenz in der Christenheit, durch zahllose Verfolgungen unterdrückt, in eine tödtliche Erstarrung versunken war, in der alle Liebe zur Forschung und alles Suchen nach Wahrheit aufgegeben worden war — verfolgten die Juden noch den Pfad der Wiffenschaft, sammelten Kenntniffe unb förderten den Fortschritt, mit derselben unbeugsamen Ausdauer, die sie in ihrem Glauben zeigten. Sie waren die geschicktesten Aerzte, die fähigsten Finanzmänner und mit unter den tiefsinnigsten Philosophen. Während sie in der Pflege d-r Naturwissenschaft nur unseren Zeitgenossen nachstanden, waren sie auf dem westlichen Europa die Hauptvermittler arabischer Gelehrsamkeit." — Der dritte Punkt, die Anklage wegen mangelndem Patriotismus, wird theils durch Beispiele aus der Geschichte, theils durch biblische Stellen widerlegt. Die Stelle, welche sich gegen die anmaßliche Behauptung, erst durch das Christenthum sei Humanität in der Welt erschienen, wendet, ist ebenso entschieden wie nicht verletzend, und treffend ist auch der kurze Nachweis, daß Smith mit demselben Rechte, wie den Juden, auch allen christlichen Dissenters in England den Patriotismus absprechen müsse. Vermischte und neueste Nachrichten. Stettin, 9. Mai. Der Leitartikel der heutigen und der vorigen Nummer liefert Beleg und Ergänzung zu dem, was wir in der Einleitung zu dem Leitartikel in Nr. 18 „Ein Hülferuf für Galizien" gesagt haben. Wir müffen nur noch bemerken, daß der Glaube an Dämonen, Beseffene, Exorcismen, Amulette, Kindbett-Zettel u. d. m. nicht so sehr der läng st vergangenen Zeit angehörte, wie man nach dem Artikel des Hrn. Mannheimer meinen könnte. Dieser Herr hat noch in seinen reifen Mannesjahren eine Wohnstätte jene) Glaubens, einen letzten Ausläufer jener Wunderthäter der Vorzeit recht in der Nachbarschaft seines Ortes gehabt! Und wie nahe waren wir daran, daß wir vor noch nicht fünf Jahren eine neue Auflage jener Dinge und ein antizipirtes jüdisches Dietrichswalde auf deutschem Boden gesehen hätten! —♦ Aber es geht aus allem dem hervor, daß derartiger Aberglaube doch in kurzer Frist aus der Mitte der deutschen Juden hinweggeschafft worden ist und zwar lediglich durch Schulbildung und verständigen Bibelunterricht. Und weil in Deutschland auch die Orthodoxesten ihre Kinder ordentliche