Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 20. (15.5.1878)
- Date
- 1878-05-15
- Page
- Seite 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 153 — Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stuttgart. (Zum 2 5. April 1878. Ein Jubiläum.) Am heutige» Tage, den 25. April 1878, schließt seit der Emanation jenes Gesetzes, das einen so tiefgreisenden Einfluß auf einen ansehnlichen Theil der Bevölkerung Württembergs geübt hat, ein halbes Jahrhundert seinen Kreislauf ab. Das Gesetz vom 25. April 1828 (Reg.-Bl. S. 301—320), das wir im Sinne haben und das zum erstenmale die öffentlichen Verhältuisse der Israeliten in Württemberg im Geiste des Wohlwollens und der landesväterlichen Fürsorge einer eingehenden Regelung unterwarf, enthielt auch die ersten fruchtbaren Keime einer gedeihlichen Fortentwickelung, und wurde daher, trotz der mannigfachen Beschränkungen und drückenden Härten, die es enthielt, von den Israeliten des Landes freudig und mit warmem Danke gegen die Regierung und die Landstände begrüßt. Von vorn herein als ein Erziehungsgesetz sich ankündigend, eröffnete es denen, für die es geschaffen, die Aussicht auf die völlige Aufnahme in den bürgerlichen Verband. Mag man immerhin der Regierung das Recht bestreiten, selbst in der wohlwollendsten Absicht, einen Theil des Volkes unter ein Ausnahmsgesetz zu stellen, so muß doch der wohlthätige Einfluß dieses Gesetzes bereitwillig anerkannt werden. Ja, über den ursprünglichen Plan hinaus bewährte dasselbe seine erzieherische Tendenz. Denn indem es die Israeliten des Landes zur vollen, uneingeschränkten Theilnahme an den Aufgaben und Bestrebungen des Volkes befähigte, erzog es dieses selbst zu richtigeren, gesunderen Anschauungen über diesen ihm bis dahin fremdartig erscheinenden Bestandtheil des Staatsorganismus. In seiner ersten, das bürgerliche Leben der Israeliten regelnden Abtheilung ist das Gesetz seit dem Jahre 1864, das ihnen die Emanzipation brachte, völlig antiquirt; gegenwärtig bildet diese Abteilung nur noch ein, freilich sehr wichtiges, Blatt in der Geschichte dieses Landes. Die zweite Abtheilung des Gesetzes, die auch für die Israeliten des Landes den Schulzwang einführte, erwies sich nur nicht minder als ein bedeutsamer Factor für ihre völlige Aufnahme in den bürgerlichen Verband. Längst hat dieser Theil des Gesetzes, der dem in den Israeliten wurzelnden starken Bildungstriebe so erwünschte Anregung bot, seine edlen Früchte gezeitigt. Die dritte (letzte) Abtheilung des Gesetzes vom 25. April 1828, die die Regelung der „kirchlichen Verhältnisse" sich vorgesetzt, umfaßt die noch heute zu Recht bestehende Verfaffung der israelitischen Kirche Württembergs. Indem das Gesetz hier zuerst eine „israelitische Kirche" in diesem Lande schuf, führte es in das frühere Chaos der einzelnen, zu einander in keiner Beziehung stehenden Gemeinden, die meist nur ein kümmerliches Dasein fristeten, maßvolle Ordnung ein. Die israelitische Kirche Württembergs empfing zugleich solche Autorität, Würde und Ansehen, die sie bis'zum heutigen Tage, in Deutschland wenigstens, zu einer einzigartigen Erscheinung macht. Freilich bedarf auch diese Kirchenverfassung, dem Geiste unserer Zeit entsprechend, der Fortentwicklung, insbesondere im Sinne einer erweiterten Autonomie, ähnlich wie diese Forderung bereits in der evangelischen Kirche entsprochen worden ist. — Eine schöne Feier des Gesetzesjubiläums wäre es gewesen, wenn bei Gelegenheit deffelben diese wohlberechtigten Wünsche ihre Erfüllung hätten finden können. Zu spät aber wäre es auch jetzt noch nicht. Wenn nur im Laufe des Jubeljahres die erforderlichen Schritte hierzu gethan würden! Das kirchliche Leben empfinge hierdurch neue Kraft, neue Anregung, neue Impulse, und die auf Auflösung des kirchlichen Organismus gerichteteten Bestrebungen, an denen es bekanntlich in unserem Lande nicht fehlt, verlören hierdurch unzweifelhaft an Macht und Einfluß. (N. Tag.) Ulm. Die „Ulmer Schnellpost" vom 26. April bringt folgendes „Eingesandt." Unter den Stiftungen, welche zur Feier des Jubiläums unserem Munster entgegengebracht wurden, befand sich auch eine solche von Mitgliedern der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Erstellung (sie!) einer Bildsäule im Innern des Münster im Betrage von ca. 1300 M. Die Geber fragen sich billig, warum der verehrliche Stiftungsrath über diese (wie vielleicht auch über manche andere) Stiftung nach jetzt 10 Monaten noch keine Notiz in die Oeffentlichkeit gebracht hat, von einer Veröffenlichung des Inhalts der Stiftungsurkunde ganz abgesehen? Schon um des guten Beispiels wegen und um Derjenigen willen, welche als Veranstalter oder Uebergeber einer solchen Stiftung eine gewisse Verantwortlichkeit tragen, möchte man bescheiden wünschen, daß derartige Zuwendungen nicht weniger frisch und freudig gewürdigt werden möchten, als sie gegeben worden sind!" (Diese angeregte Frage mag hier uuerörtert bleiben. Aber seltsame Leute sind diese israelitischen „Stifter!" Frisch und freudig wollen sie gespendet haben — fehlt da nicht noch ein drittes Wort, welches man zuweilen mit frisch und fröhlich ... oder gesund.... zusammenstellen hört?) L. Beuthen O/S., 5. Mai. (Or.-Corr.) Am 28. v. M. verschied, nach dreiwöchentlichen Leiden, die Gattin unseres hochgeachteten Rabbiners, Herrn Dr. Rosenthal, Katharina geb. Austerlitz Moor, im Alter von 32 Jahren und hinterließ ihren Gatten, drei Kinder und die ganze Gemeinde in tiefer Trauer. Sittenrein, fromm und gottergeben, stand sie nicht nur dem Innern ihres gastfreundlichen, sehr geordneten und großen Hauswesens als wahre Wirthin, — fD ITTD2 ^>2 — sondern auch als solche der ganzen Gemeinde vor, deren weiblicher Theil die Verewigte, vor Jahren bereits, an die Spitze des hiesigen großen jüdischen Frauenrereins berief. Hier entfaltete sie nach Außen eine der ächten weiblichen Charaktertiefe entsprechende Thätigkeit, von der die arme Braut, die unterstützungsbedürftige Wöchnerin, die hülflose Wittwe manches zu erzählen weiß. Kranke pflegend und tröstend legte sie selbst da Hand an, wo der Mensch der Pflege nicht mehr bedarf, das verklärte Wesen vielmehr zum letzten Gange vorbereitet wird. Und dieses Alles leistete die Verewigte schon in den blühenden 32 Jahren, dem allen unterzog sich die vom elterlichen Hause her mit Gütern reich ausgestattete Frau! Neben diesem Ernste war die Verblichene in freudigen und Freundeskreisen von einer beneidenswerthen Heiterkeit, von der Jeder, der ihr nahe war, sich gern hinreißen ließ. Mit einem Worte ein jüd. Weib, von der Zehe bis zum Scheitel, dessen Andenken in unserer Gemeinde viele Geschlechter überdauern wird. Die Trauerfeierlrchkeit fand am 30. v. M. statt, und bei dem Leichenbegängniffe betheiligte sich nicht nur die zahlreiche jüdische Gemeinde, sondern Mitglieder aller Confeffionen, welche die ruhige, segensreiche Thätigkeit der Verblichenen kannten. Ueber die Trauerfeierlichkeit selbst berichtet die „Oberschles. Grenz-Zeit.": In den Wohnräumen der Verblichenen versammelte sich schon von 2 Uhr ab eine überaus zahlreiche, gewählte Trauerversammlung, welche aus hiesigen und vielen fremden hochachtbaren Herren und Damen, an deren Spitze 4 Rabbinen aus entfernten Gemeinden herbeigeeilt waren, um ihrem Amtsbruder, dem allverehrten Herrn Dr. Rosenthal, bei der Feierlichkeit zu affistiren. Die Feier begann an dem unter Palmen aufgebahrten Sarg mit einer Trauerrede, welche der Gatte der Verblichenen in so herzergreifenden Worten vortrug, daß kein Auge thräneuleer blieb und schloß mit einem Chorgesang, vorgetragen von dem hiesigen Synagogenchor, unter Leitung des Cantors Herrn Birnbaum. Nachdem der Sarg auf den Leichenwagen gehoben war, eröffneten den Leichenzug die Schulkinder der hiesigen jüdischen Schule, unter Führung sämmtlicher Lehrer, dann folgte der Leichenwagen, hierauf die nächsten Verwandten, die Herren Rabbiner und das nach Tausenden zählende Leichengefolge. Am Friedhof angelangt, hielt Herr Rabbiner Dr. Cohn aus Kattowitz die Leichenrede, welche in überaus wahren, tiefempfundenen Worten ein Lebensbild der Dahingeschiedenen entrollte, so