Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 20. (15.5.1878)
- Date
- 1878-05-15
- Page
- Seite 152 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 152 — t» \ des Judenthums bemerkt zu werden verdient. Unter den vielen Tausenden von Weibern, die der Hexerei angeklagt und zum Tode verurtheilt wurden, finden sich keine jüdischen. Woher kam dies? Sollte es wohl der christlichen Geistlichkeit und den Inquisitoren nicht entgangen sein, daß der Glaube an den Teufel und dessen Heer keine Glaubensregel der jüdischen Religion, und daß der Glaube an defien Gewalt über die Menschen gerade der letzteren widersprechend sei? Möglich wäre dies wohl, doch nicht gewiß. Mit mehr Sicherheit läßt sich Folgendes sagen. Aus welchem Grunde hat die Kirche die Hexerei mit furchtbarer Grausamkeit verfolgt? Weil sie vorgab, die in Christo getauften und ihm angehörigen Glieder der Kirche wären stets vom Teufel und seinem Gefolge umgeben, der sie von Christus ab- und sich zuwenden und dadurch das Reich Gottes verringern und sein eigenes vergrößern wolle. Bei den ungetansten Juden war selbstverständlich dieser Grund des kirchlichen Terrorismus nicht anwendbar, und so mußten sie wegen Hexerei unbelästigt bleiben. Waren sie ja nach der damals herrschenden Meinung ihrer Gegner schon an und für sich der Hölle verfallen! Für den Teufel lohnte es sich der Mühe nicht, sich mit ihnen zu befasien. — Wenn wir übrigens die Elemente aufsuchen, woraus sich im Laufe von mehreren Jahrhunderten der Glaube an Hexerei entwickelte, so finden wir noch einen Grund anderer Art, weshalb jüdische Frauen nicht der Hexerei verdächtig gemacht werden konnten — Jahrhunderte lang lagen im römischen Reiche Christenthum' und Heidenthum miteinander im Kampfe, und von der Gesinnung des jeweiligen Kaisers hing es ab, ob das eine odex das andere zu Obmacht und Sieg gelangen sollte. Und als in den Städten der Sieg des Christenthums entschieden war, bewahrte auf dem Lande noch sehr lange das Heidenthum seine Kraft. Auch der Einfall der Barbaren hatte zur Kräftigung des heidnischen Elementes beigetragen. Da wurde endlich eine Art Compromiß geschlosien. Das Heidenthum als besonderes Religionssystem wurde vernichtet, aber Bestandtheile von ihm blieben bestehen, manche unter andern Namen und in einer andern Form. Zu diesen Bestandtheilen gehörten auch die magischen Bräuche, die sich trotz Bannstrahl noch länger als 800 Jahre erhalten haben. Das Volk hing ihnen an, und sie wurden ungescheut geübt. Aus diesen magischen Bräuchen entwickelte sich die Hexerei. In den vielen Beschreibungen des Hexensabbaths kommen Diana und Herodias zusammen als die hervorragendsten Gestalten vor, und unter den gegen die Hexen vorgebrachten Anklagepunkten sind viele alte Gebräuche der Auguren aufgeführt. — Im Judenthum hingegen, wo seit seinem Uranfange heidnische Sitten und magische Bräuche stark verpönt, indem sie in die Kategorie des Götzendienstes gestellt waren, fehlte das Element der Hexerei, und jüdische Frauen konnten nicht derselben verdächtigt werden- Kehren wir nun nach einer längeren Digression zu der Frage zurück, ob die Erzählung der biblischen Wundergeschichten die Volksverdummung befördere, so müssen wir dieselbe, insofern sie das alte Testament und somit das Judenthum betrifft, durchaus verneinen. Die Erfahrung lehrt uns, daß Juden aller religiösen Richtung in ihrer Jugend die biblischen Wundergeschichten gelesen, gehört und erlernt haben, ohne daß es ihrer intellectuellen Entwickelung und Aufklärung geschadet hätte. — Allerdings ist es eine unleugbare Thatsache, daß der Fortschritt der Civilisation eine gewisse Stimmung und Richtung der Gedanken erzeugt, welche die Menschen mit einem naturgemäßen und unbedenklichen Widerwillen von Wundergeschichten sich lossagen macht, als wenn sie an und für sich unglaublich wären; doch wirkt diese Denkungsart mit viel größerer Kraft gegen gleichzeitige als gegen geschichtliche, biblische Wunder. Eine Wundergeschichte, die in unfern Tagen stattgefunden haben soll, etwa durch einen Wunderrabbi, die also mit ihrer scharfen Wirklichkeit uns entgegentritt, wird allenthalben, wohin das Licht der Civilisation gedrungen, mit unverzüglichem Hohne verworfen. Anders bei den biblischen Wundern. Sie gelangen zu uns, umhüllt mit einem sagenhaften Gewände, verdunkelt durch den Nebel der Jahrtausende, und umgeben von Umständen, die unseren eigenen so ungleich sind, daß sie die Strahlen der Einbildungskraft brechen und deren Bilder trüben. Diese Wunder werden daher nicht mit dem Maßstab gemessen, mit welchem wir ^die Begebenheiten zu messen pflegen, die sich in unserer Mitte und in unseren Tagen sollen zugetragen haben. Ueberdies werden die biblischen Wundergeschichten uns eingeflößt zu einer Zeit, wo wir noch keinen entwickelten Verstand haben und zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Gewöhnlichem und Ungewöhlichem oder Wunderbarem, nicht zu unterscheiden vermögen. Bei der schon reifern Jugend, die sich jene allgemeine Denkungsart, die alles Wunderbare von sich abstößt, schon zu eigen gemacht hat, könnte vielleicht eine Erklärung der biblischen Wunder nothwendig werden, und zu diesem Behufs werde ich hier meine subjective Meinung niederschreiben, ohne irgendwie maßgebend sein zu wollen. Wunder sind Erscheinungen oder Wirkungen in der Sinnenwelt, welche von den Zeitgenoffen, d. h. von den Menschen, welche zur Zeit ihres Vorkommens lebten, nicht aus den ihnen bekannten Naturgesetzen erklärt werden konnten, welche daher als etwas Ungewöhnliches und Befremdendes in dem Beschauer das Gefühl der Verwunderung und des Staunens erweckten. An eine Aufhebung der Naturgesetze ist nicht dabei zu denken. Sie sind .auf die Zeit der Propheten zu beschränken, die ihre Verkünder, Erläuterer und gleichsam ihre Träger waren. Ihr Zweck war, dem Monotheismus zum Siege zu verhelfen, einen Zweck, den sie schon mit Elias erreicht haben. — Die Zahl der Wunder ist zu beschränken- Viele Wundererzählungen, sagt Maimonides, dürfen nicht als wirkliche Thatsachen, sondern als innere Seelenvorgänge, als Gesicht und Schau der Phantasie der Propheten, aufgefaßt roetben. — Viele Wunder — dies ist nach »eurer Forschung hinzuzufügen — sind heilige Sagen, die sich im Laufe von oft vielen Jahrhunderten mehrmals umgebildet hatten, bis sie in ihrer jetzigen Gestalt niedergeschrieben wurden, so daß man die historische Grundlage nicht mehr zu erkennen vermag. — Der Rationalismus ist nach meinem Dafürhalten im Judenthum gestattet. Das ül* '22 p^2 min m2*7 „Die Torah drückt sich auf menschliche Art aus" ist gewiß schon eine rationalistische Auslegungsweise. — Und daß es unter den Talmudisten Männer gegeben hat, die die Zeit der Wunderthaten gerne beschränkt wissen wollten, geht mir aus Jomn 29a hervor, wo es heißt: ^2 nie nnDK „Esther bildet den Schluß der Wunder." Darmstadt, im März 1878. Mannheimer.