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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-08 · N° 19. (8.5.1878) · p. Seite 148

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 19. (8.5.1878)
Date
1878-05-08
Page
Seite 148 (sequence 6)
Language
German
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— 148 — Gymnasien befanden sich über 10 °/„ Juden, in den Realschulen erster Ordnung 8*/3 °/0, in den Realschulen zweiter Ordnung über 16 °j0. Die Gesammtzahl der Juden beträgt bekanntlich in Preußen noch nicht 2 °/o* Leipzig. Beim Ausschuß des Gemeindebundes waren aus Paderborn, Bütow und Weimar Gesuche um Einschreiten gegen die Colportage von judenfeindlichen Schriften eingegangen. Einen diesbezüglich gestellten Antrag um strafrechtliche Verfolgung hat die Staatsanwalt zu Berlin ablehnend beschieden. Auch auf das Gesuch wegen des Jom kippur (siehe vor. Nr.) ist ablehnend Antwort vom Reichskanzleramt eingetroffen. (Näheres in nächster Nr.) — Die Zinsen des Gemeindebund-Pensionsfonds sind gleichmäßig unter die isr. Lehrer-Unterstützungscaflen zu Berlin, Bielefeld, Frankfurt a. M. (Achawa) und Hannover vertheilt worden. — Demnächst soll auch an die Drucklegung des 5. Heftes der „Mittheilungen aus dem Gemeindebunde" gegangen werden. Posen, 14. April. (Or.Corr.) Die HHrn. Professor Gr ätz aus Breslau und G. Lewy aus Berlin hielten sich hier einige Tage auf, um Beiträge zu dem Fonds für Errichtung eines Waisenhauses zu gewinnen. Die Sammlung, an der sich ausschließlich Mitglieder der Brüder Gemeinde betheiligten, zwei darunter mit sehr hohen Summen, ergab über 6000 Mk. Posen. In Beziehung auf die schon im vorigen Blatte durch Hrn. Rabb. Krimke berichtigte Anmerkung macht uns weiter Hr. Dr. Ph Werner auf die Stelle in Cholin 9, a aufmerksam: ein n"n muß drei Dinge lernen: Schreiben, Schächten und Mil ah. — „Demnach (sagt Hr. Dr. W.) kann Ihre Ansicht, daß man zur talmudischen Zeit die Beschneidung nur solchen Personen übertragen habe, welche mehr als diese Spezialität verstanden, d. h. denen die medizinische Wiffenschaft keine terra incoZnita war, nicht richtig sein, denn daß ein N"N sich außer mit den ethischen Seelenkrankheiten auch noch mit -der physischen Heilkunde beschäftigen soll, das dürfte anzuzweifeln sein." Wir haben unsere Bemerkung bereits als irrthümlich zurückgezogen, und auch die von Hrn. vr. Werner hier angeführte Stelle ist nun beweisend, da schon anderweit festsieht, daß dem Talmud Arzt und Mohel nicht gleichbedeutend ist. Sonst würde der Satz an sich nicht viel beweisen, denn er ist nicht als Halacha rezipirt, d. h. man hat wohl nie daran gedacht, die Anforderung, daß jeder jüdische Gelehrte das Schächten und Beschneiden praktisch erlernen müsse, e r n st zu nehmen. Es ist also der Ausspruch des R Jehudah im Namen Samuels eine Privatansicht und ein guter Rath. Es soll heißen: Von Rechts wegen sollte jeder Gelehrte Milah lernen, dann aber fällt auch der Beweis weg, daß demnach, wer Milah lernt, nicht auch Medizin studiren müsse, denn einem guten Rath darf man keine weitere Ausdehnung geben, als er selbst enthalten will. Sagt R Jehudah: ein Gelehrter soll . . . Milah lernen, damit er im Nothsall aushelfen kann, so braucht dieser natürlich für solchen Nothsall eben nur Milah zu verstehen. München. Von dem großen Unternehmen 'plipl D'ISID von Rabbinowicz ist nach verhältnißmäßig recht kurzer Zeit schon wieder ein neuer Band erschienen. Es ist der neunte, derselbe enthält — nachdem die beiden ersten Sedarim beendet sind — den Traktat Synhedrin ganz. Die übliche Reihenfolge hat das Werk von Anfang an nicht eingehalten, und so ist es auch gleichgülttg, daß diesmal ein starker Sprung gemacht ist. Benutzt ist zu diesem Band» das Talmud Manusript der National-Bibliothek zu Florenz, welches Seder Nesikin enthält und aus dem Jahr 4936 (1176) stammt: Hr Rabbinowicz hat sich behufs der Collation persönlich nach Florenz begeben. Ferner ist ein Manuscript der großherz. Bibliothek zu Karlsruhe benutzt, außerdem selbstverständlich das Münchener Manuscript. Die Ausdauer mit der die riesigen Schwierigkeiten jeder Art von Hrn. Rabbinowicz bekämpft und bis jetzt, mit Gottes und einiger weniger Männer Hülfe, überwunden worden sind, verdient hohe Anerkennung. Die Anmerkungen sind, wie schon in den letzten Bänden, weniger geworden, ohnedies war es gar nicht möglich gewesen, den großen Traktat Synhedrin in einem Bande zu bewältigen. — Wir müssen nächstens auf ein Werk 12*?^ roxbfc von Hrn. Taussig in München eingehen, welches eine scharfe Polemik gegen Hrn. Rabbinowicz enthält; zunächst wird deralte Satz .1221 1211 D'ISID 1182p sich wohl bewahrheiten; es wird nämlich Hrn. Rabbinowicz in dem anderen Buche vorgeworfen, daß er nicht genau genug das Manuscript collatiomrt habe. Selbstverständlich läßt sich dies ohne eigene oder neue Vergleichung nicht beurtheilen, aber nach jenem Satze wird der Verfaffer der D"1 seine Aufmerksamkeit noch verschärfen, um jeden Tadel Trotz bieten zu können, und das kann der Wiffenschaft nur nützen. Kremsier (Mähren). Da die hiesigen jüd. Schüler am Gymnasium und an der Realschule, die den Religionsunterricht an den genannten Anstalten durch den Rabbiner erhalten, der auch zu den Ceniurconferenzen zugezogen wird, dem Sabbathmorgengottesdienst nicht beiwohnen können, so versammeln sich dieselben zu Mincha im Tempel, wo außer dem Gebete noch eine kurze Erklärung des Wochenabschnittes für sie erfolgt- — Am jüngsten Peßachfrste sollte hier eine Beichneidung stattfinden, da fand es sich, daß die Natur bereits zuvorgekommen und das Kind 1*112 war. Der Rabbmer bestand (mit Recht) darauf, daß die 21 1221 durch einen Arzt vorgenommen werden solle, da schon der Talmuo in solchem Falle zur besonderen Vorsicht mahnt und auch von den üblen Folgen eines Mißligens dieser Operation berichtet. (Sabb. 135.) Feuilleton. Täuschungen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Fränkel. (Schluß.) Zwei Tage darauf wurde Karl entlassen, nachdem ihm Kuriloff eine Ermahnung mitgegeben. Er trat ins Vaterland um ein Jahrzehnt älter, als er es vor wenigen Tagen unfreiwillig verließ. Seine Jugend hat in dieier kurzen Zeit die Blumen abgestreist, sein Frohsinn und seine kecke Zuversicht sind dem Ernst und der Ueberlegung gewichen, sein Blick ist ruhiger und >ein Gang langsamer geworden. Große Ereignisse bringen über 'Nacht jene Umwandlungen hervor, zu denen die Zeit Zeit braucht, um sie zu vollführen. Wie ganz anders dachte und fühlte er vor kaum einer kurzen Woche im Bewußtsein seiner Macht als Glied dieses großen, mächtigen revolutionären Körpers, der das gewaltige Rußland aus leinen Angeln zu heben schien, im Vollgefühl seiner Liebe, im Vollgenuß seiner kühnen Hoffnungen — und nun? Nun ein um die schönsten Erwartungen betrogener Mann, dem all' die hellen Farben des Lebens auf einmal verblaßten! Sein Vater empfing ihn mit einer Leutseligkeit und Liebe, als käme er vom Friedhose heim, wo er ein Theures begraben und nun des Trostes und der Zärtlichkeit bedarf. Kein Wort des Vorwurfs oder der Ermahnung, reine moralischen Sentenzen. „Lieber Karl," sagte er ihm nach einem längeren gleichgültigen Gespräche, „die Verhältnisse beginnen hier precür zu werden; ich möchte mein Geld in Preußen anlegen; wolltest Du nicht nach Berlin reisen?" Karl fühlte die zärtliche Absicht des Vaters heraus und mit dem Ausdrucke der Dankbarkeit erwiederte er: „Ich werde reisen, wenn Du befiehlst." „Siehst Du, liebes Kmd," fährt der Alte fort, „Du hast die Welt noch nicht gesehen; es giebt schönere Länder, bessere Verhältnisse und lichtere Zustände, als hier; wäre ich

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