Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 19. (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- Seite 149 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 149 — -nicht so alt, ich würde in die schöne Welt hinauspilgern und das bunte Leben der Völker an mir vorüberziehen lassen, nue die Bilder eines Kaleidoskops, und mir dort eine Heimath schaffen, wo es mich am besten anmuthet Uns, denen die Scholle versagt ist, muß es gleichgültig sein, wo die Wiege unserer Kinder steht und wo einst unser Grab gemacht wird; uns, denen die Mitwirkung am Staatsleben vorenthalten i>t, bleibt es einerlei, unter welche Regierung wir den Nacken beugen. Finden wir ein Land, das sich uns mit Mutterarmen aufthut, ein Volk, das uns brüderlich aufnimmt, Gesetze, die nach keinem Glaubensbekenntniß fragen, so haben wir ein zweites Jerusalem gesunden und sollten uns an dieser geheiligten Erde ansiedeln, und wäre es als Taglöhner, die ihre Brodkrume im Schweiße des Angesichts erwerben, ßatt dort zu prassen, wo man uns aus dem gesellschaftlichen Verbände ausschließt und die Kinder schreckt: Der Jude kommt!" Karl ließ den Kopf hängen. Er antwortete nicht. „In Oesterreich erwacht eben ein politisches Leben; die Autonomie der Provinzen wird zur Wahrheit — glaubst Du, Galizien werde viele Deputirte jüdischen Glaubens in die Reichsversammlung entsenden? Ich wette, nein! Denn selbst die Intention der Regierung scheitert an dem großgesäugten Vorurtheil, dem wir im politischen wie im socialen Leben begegnen, als ob wir eine untergeordnete Race wären, wie etwa die Indianer in den Augen der englischen und spanischen Eroberer, und das,!weil wir nach unserer Weise selig werden wollen. Unsere Gegner machen uns den Vorwurf, daß wir keine tapferen Feldherren stellen, während sie uns nicht bis zum Lieutenantsrang vorrücken lassen, daß wir keine Agrikultur betreiben, während sie uns den Grundbesitz versagen, daß wir uns ausschließlich dem Handel zuwenden, während sie uns dies einzige Gebiet offen lassen. Es ist besser, wir gehen solchen Verhältnissen aus dem Wege, da wir sie nicht ändern können, denn zu ihrer gründlichen Aenderung bedarf es eines neuen Geistes, anderer Volkslehrer, anderer Volksbücher, erleuchteter Seelsorger und eines vollen Menschenalters. Vielleicht ist es draußen anders — schau hin. Lasse hier den Tumult wogen, uns bringt er nichts. Siegt der Aufstand, so stehen wir da, wie die Aufwärter bei der Festtafel — man läßt sich bedienen, ohne zu danken! die Gutherzigen geben ein Trinkgeld, weiter nichts. Daß für uns nicht die Freihet erkämpft und das Recht erobert wird, daß die Lerche nicht uns den Tag der Erlösung verkündet, daß man uns nicht in die Hoheitsrechte der Menschheit einsetzen wird, daß endlich die Juden in Warschau, die Juden in Polen Steine zu einem fremden Bau tragen, das glaube Deinem alten Vater, der lange genug gelebt, viel und genug gesehen, gehofft und gelitten hat, um nicht hinter sich Erfahrungen und vor sich klaren Blick zu haben!" Der nächste Eisenbabnzug entführte Karl Holdheim aus Warschau und den Armen der Seinen. Er sah seinen Vater nicht mehr, der kurze Zeit darauf sanft entschlief, ohne daß eine Krankheit die letzten Lebenstage verbittert und ohne daß er Zeit hatte, den Sohn zu rufen. Jetzt lebt der junge Mann in Gesellschaft seiner reizenden Schwester in der Nähe von Koblenz am Rhein in glücklicher Zurückgezogenheit als Landwirth — ein Leben der Arbeit und der Idylle. RußlandsEhrenretter—ein polnifcherJude. In der diesjährigen Pariser Weltausstellung wird Rußland in einem Fache, in welchem es sich bisher keineswegs sonderlich auszeichnete, nämlich in der Skulptur, glänzend vertreten sein, und zwar verdanken die Russen die Rettung ihrer künstlerischen Ehre dem Sprossen der im ganzen Czarenreiche verachtetsten Race, einem polnischen Juden — Namens Ma^Eus Antokolsky. Bevor mir indessen von dem Werke des jungen Bildhauers sprechen, sei Einiges von seinem äußern Lebensgange erwähnt: Markus Antokolsky ist ein Autodidakt, der in seinen Knabenjahren so gut wie gar keinen Unterricht genoffen hat, ein Uebelstand, der sich auch heute noch sehr bemerkbar macht, namentlich in der Sprache; der Künstler spricht außer polnisch (nicht gerade dem gewähltesten) etwas russisch und etwas deutsch, ein wenig französisch und ebensoviel italienisch — alles aber gleich schlecht. In Wilna von armen Eltern geboren und früh verwaist, mußte er mit den untergeordnetsten Beschäftigungen sein Brod erwerben. Erst war er bei einem Schuhmacher in der Lehre, dann Aufwärter in einem Gasthause, und was der niedrigen Stellungen mehr waren; überall wurde er nach kurzem Verbleiben fortgejagt nicht etwa wegen unmoralischen Verhaltens, sondern wegen seiner unbesieglichen Leidenschaft, jedes Stück Holz, das ihm in die Finger fiel, mit seinem Messer zu bearbeiten, so daß kein Tisch, kein Stuhlbein vor seinen Schnitzereien sicher war. Es würde zu weit führen, den jungen Mann, in welchem das Genie des Bildhauers in so primitiver Weise zum Ausdruck gelangte, auf seine Irrfahrten durch herbe Verspottungen und bittere Enttäuschungen zu verfolgen, bis er endlich einen Meißel in die Hand bekam, und nach erträglichem ersten Erfolg von einem Mäcen die Mittel erhielt, eine Reise nach Rom zu machen, dort Modelle zu studiren und den Streit des Geistes gegen die starre Materie des Marmors siegreich zu beginnen. Sein erstes bekanntes Bildwerk war „Iwan der Schreckliche", der, mit herabgesenktem Haupte auf einem Throne sitzend, über irgend einem despotischen Gewaltakt zu brüten scheint. Das Werk machte Aufsehen, und eines Tages kam einer jener reichen Kaufleute, die es heute in Unterstützung der Kunst dem halb ruinirten russischen Adel zuvorzuthun suchen, zu ihm und sagte: „Da, hier sind 2000 Rubel. Mache mir dafür, was Du willst." Das war freilich keine sonderlich große Summe, aber sie gewährte dem Künstler die Mittel, sich mit Muße an das geniale Werk zu machen, von dem wir reden wollen. Seltsam genug, Markus Antokolsky, der Jude, wählte sich zum Vorwurf einen — Christus. Freilich ähnelt seine Schöpfung nicht der Gestalt Christi, wie man auf gewisser Seite den Heiland sich vorstellen möchte als den Vertreter eines bestimmten starren Dogmas; sie giebt vielmehr, von allen anderen Begriffen losgelöst, das Bild eines Dulders, eines Märtyrers für seine Ueberzeugung, der, abgesehen von der nationalisirenden Gewandung, eben so gut ein Johann Huß oder ein Giordano Bruno sein könnte. Das Bildwerk stellt „Christus vor dem Volke" dar. Christus trägt das herunterwallende, anschließende und mit Bändern geschmückte Kleid der alten Ebräer, auf dem von langem Haar umflutheten Haupte die kleine jüdische Mütze; die an den Seiten des Körpers herabhängenden Arme sind in Höhe des Gürtels mit Stricken zusammengeschnürt. Die großen, tief in den Höhlen liegenden Augen scheinen nichts von dem, was ringsherum vorgeht, zu sehen; der verlorene Blick, wie die bitteren Falten um den Mund drücken zugleich Ergebung und Verachtung aus. Ohne Zweifel empfindet Christus ein tiefes Leiden, aber nicht sowohl über sich selbst, als über die blinde Thorheit des Volkes, das, ohne Verständniß für die hingebende Aufopferung seines Vorkämpfers ihn mit dem wilden Rufe: „Kreuzige ihn!" umtobt. In diesem Gesichte finden wir es ausqedrückt, daß vor uns der nationale Held steht, welcher das Volk vom Joche der Priester und der Römer befreien und von Neuem das Reich Gottes errichten wollte. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, sondern nur nach längerer Betrachtung geht dem Beschauer das volle Verständniß des Bildwerkes auf, so daß von ihm das Wort des Philosophen gelten kann: „Wenn du vor einem Kunstwerk stehst, so thue, als ständest du vor einer Majestät. Warte schweigend, bis sie zuerst dich anredet." Eine Weile des Harrens nur vor diesem Christus, und er redet nicht, sondern er predigt! — Außer dem in Rede stehenden Skulpturwerke wird Markus Antokolsky, der jüdisch - polnische Bildhauer, der Pariser Ausstellung noch seinen „Iwan" und seinen „Sokrates," den „Christus von Athen," welchen er in Rom gemeißelt, zusenden.