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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-08 · N° 19. (8.5.1878) · p. Seite 147

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 19. (8.5.1878)
Date
1878-05-08
Page
Seite 147 (sequence 5)
Language
German
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— 147 — stes in Schwerin werden hinreichen, um die Präparanden zu einem erbaulichen, den Gebräuchen des Landes gemäßen Vorderen zu befäbigen. Endlich werden sie in einem Jahre dahin gebracht werden können, richtig deutsch zu sprechen (?) und zu schreiben und einige elementare Kenntnisse in Geschichte, Geographie und Naturwissenschaften und im Rechnen sich anzueignen. Aller Unterricht wird aber nicht blos auf das nöthige Wissen und Können ^Hinzielen. sondern hier ganz besonders erziehend zu wirken suchen. Die Präparanden sollen auch in ihrem Charakter deutsch werden, fleißig, gewissenhaft, geradsinnig, in ihrer äußern Erscheinung und in ihrem Benehmen nicht gegen die Sitten und Gewohnheiten des Landes verstoßend. Auch soll ihnen jene Berufsfreudigkeit, Berufstreue und religiöse Gewissenhaftigkeit anerzogen werden, die sie zu dem unermüdlichen Streben anspornen mögen, sich für ihren Dienst immer geschickter und tüchtiger zu machen." Die übrigen Paragraphen befassen sich mit Vorschlägen zur praktischen Durchführung dieser Idee und können hier vorläufig übergangen werden. Fürth, 22 April. Heute, am Jahrestage des verlebten Hamburger Obergerichtsraths 0r. Gabriel Riesser, einstigen zweiten Vicepräsiventen der deutschen Nationalversammlung, hielt die Collatur der zum Andenken an Riesser von den Fürther Freunden und Verehrern Riesser's gegründeten Gabriel Riesser'schen Stipendienstiftung ihre ordentliche Jahressitzung. Das rentirliche Vermögen der Stiftung beträgt zwar nur 5842,88 M. Doch konnten, Dank den Beiträgen der israel. Cultusgemeinden Fürth, Forchheim, Marktbreit, Nürnberg, Regensburg und Würzburg, diesmal 1116.00 M. zur Vertheilung gebracht werden. Es erhielten vier Studirende der Rechtswissenschaft je 160,00 M., zwei Studirende deffelben Faches je 108,00 M., zwei Studirende der Medizin je 105,00 M., ein Schullehrerseminarist 50,00 M. Sämmtliche Stipendiaten sind sehr gut, einige ausgezeichnet qualiftzirt. Um so bedauerlicher ist es, daß nur so verhältnißmäßig geringe Stipendien gewährt werden konnten. Die Collatur beabsichtigt darum, abermals sich an die bayerischen Cultusgemeinden mit der Bitte um Jahresbeiträge zu wenden. Hoffen wir, daß ihr diesmaliger Appell erfolgreicher sei als der vorjährige. Charakteristisch ist übrigens, daß von den 7340.86 M. bis jetzt vertheilte Stipendien auf Studirende, aus den Gemeinden, aus deren Mitte die Beiträge flosien, im Ganzen 416,00 M. entfallen sind, nämlich 200,00 M. auf Fürth und 216,00 M. auf Regensburg. Oesterreich. Lemberg. Durch die Thätigkeit des Vereins „Schomer Israel" beginnt in Galizien, dem bisher von denwohlthätigen Einwirkungen des Zeitgeistes am meisten verschlossen gebliebenen Theile des cioilisirten Europa, neues Leben sich zu regen. Wir können wohl noch nirgends von erreichten Zielen sprechen, aber Anregungen werden gegeben, man stellt gewisse Ziele auf. Die Einwirkung des in anderen Ländern gegebenen Beispiels wird von selbst erkennbar werden, sobald wir die Punkte namhaft machen, welche der erwähnte Verein und sein Organ, der „Lemb. Israelit", neuerdings als erstrebenswerth zur Sprache gebracht hat. Es sind dies die Errichtung einer Rabbinerschule für Galizien und eines galizischen Gemeindebundes. Dem letzteren Prospecte widmete jüngst das genannte Blatt einen Leitartikel, aus dem wir einige Sätze, die ein allgemeines Interesse bieten, hier folgen laffen: „Es zeigt von krasser Ignoranz jüdischer Verhältniffe und jüdischer Geschichte, wenn eine gewisse Parthei in unserer Gemeinde die Ansicht zu verbreiten sucht, daß ein Gemeindevorstand eigentlich nur die Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde zu besorgen habe und daß Jeder, der zählen und rechnen kann, schon einen Anspruch auf diese Würde erheben könne. Diese Ansicht wird von der ganzen jüdischen Geschichte Lügen gestraft. Die Gemeinderepräsentanz hat eine viel höhere Aufgabe, die Männer, die an der Spitze einer Gemeinde stehen, drücken der Gemeinde die Signatur ihres Geistes auf und von ihnen hängt es wesentlich ab, wie jene hochwichtigen Geistesinteressen besorgt werden. Die einzelnen Gemeinden waren aber auch beim besten Willen nicht immer im Stande ihrer hohen Aufgabe zu entsprechen, es gab sehr oft Angelegenheiten, die von einzelnen Gemeinden theils aus Mangel an Mitteln, theils aus Mangel an der erforderlichen moralischen Autorität nicht besorgt, und die nur durch ein gemeinsames Vorgehen einer größeren Anzahl von Gemeinden mit Erfolg erledigt werden konnten; auch drohte die Vereinzelung und Zersplitterung der Gemeinden, das Beschränktsein auf den engen Kreis örtlicher Interessen den Sinn für das große Ganze abzuschwächen. Man suchte gewöhnlich durch Palliatiomittel, durch Verständigung und Vereinbarung von Fall zu Fall abzuhelfen, was aber nicht immer das Gewünschte zu leisten im Staude war. In neuerer Zeit sah man sich daher veranlaßt, Verbände einer größeren Anzahl von Gemeinden zu schaffen, die das eben zu leisten haben, was einzelne Gemeinden zu leisten außer Staude sind... Für uns polnische Juden ist die Idee einer solchen Vereinigung von Gemeinden durchaus keine neue, da in Polen eine solche Einrichtung während fast 2 Jahrhunderte, freilich auf Basis anderer Grundsätze und anderer Verhältniffe, existirt hat. Die polnische Judenheit — schreibt Dr. Grätz in seiner Geschichte der Juden (Band 9, p. 464) — führte unter König Sigismund III. eine Institution ein, wie sie bisher im Verlaufe der jüdischen Geschichte in dieser Form noch nicht bestand und sie verlieh den Gemeinden m Polen eine außerordentliche Einigkeit, Halt und Stärke und dadurch Ansehen nach Innen und Außen. Es war dies die Veranstaltung regelmäßig wiederkehrender Synodalversammlungen, genannt „die Synode(Waad) der Vierländer" (Kleinpolen, Großpolen, Reußen und Lnhauen). Die bedeutenderen Gemeinden sandten je einen Delegirten, welcher Sitz und Stimme in der Synode hatte. Gegenstände der Verhandlungen waren gemeinsame Angelegenheiten, auch Angelegenheiten einzelner Gemeinden, die ein gemeinsames Interesse hatten, wie auch sonstige wichtige Fragen und Streitigkeiten. Der Sitz der Versammlung waren die Hauxtmeßplätze Lublin und Jaroslaw. Die Beschlüffe der Synoden waren für die Gemeinden bindend. Die Synoden hatten, wie aus den gleichzeitigen Quellen zu ersehen ist, keine hierarchische, sondern vielmehr eine volksthümliche Grundlage. Nicht die Rabbiner bildeten den Grundstock und die Majorität, sondern die Gemeindedelegirten (freilich damals selbstverständlich gelehrte Männer! Red. d. „I. Woch."), welche sechs Rabbiner zuzogen. Die Synodalversammlungen wirkten sehr wohlthätig, sie verhüteten tiefgreifende Zwistigkeiten, wehrten Ungerechtigkeiten ab und bestraften sie, hielten den Gemeinsinn wach, lenkten ihn auf die Gesammtheit und arbeiteten solchergestalt der Engherzigkeit und der Selbstsucht örtlicher Jntereffen entgegen, welche die Zersplitterung und Vereinzelung der Gemeinj den so sehr nährte, wie sie namentlich in Deutschland heimisch J war, wo auch unter den Juden das Pfahlbürgerthum mit beschränktem Gesichtskreise herrschte." Der Artikel bespricht dann die in den galizischen Gemeinden obwaltenden traurigen Mißstände in Verwaltung, Schule u. s. w und befürwortet die Bildung eines Gemeindetages und Gemeindebundes. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Das Ministerium der Geistlichen cr. veröffentlicht wieder die Uebersichl der höheren Lehranstalten in Preußen im Sommer 1877. Es geht daraus wiederum hervor, wie sehr groß die Verhältnißzahl der Juden in diesen Schulen ist, und da dieser Umstand genügend constatirt ist, so begnügen wir uns mit einigen summarischen Angaben. In den

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