Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 19. (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- Seite 145 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583025--3575-9583028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 145 — teln und denselben umznändern *) So lange aber dieser Begriff aufrecht erhallen, wird auch die Möglichkeit zugestanden, daß der Teufel seine Gewalt über die Menschen zu üben immerfort von neuem versucht, daß jedoch die Kirche resp. ihre Diener denselben auszutreiben bereit und fähig sind. Also das Dogma ist es, das den Exorcismus möglich, ja in gewissem Betrachte, nothwendig macht, und nicht die biblischen Wundergeschichten allein, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß allerdings die des neuen Testaments den Boden dazu vorbereiten. (Schluß folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a./M. (Aus dem Bericht des Pflegeamts des Almosenkastens der israelitischen Gemeinde über dessen Wirksamkeit im Jahre 1877.) Das Pflegeamt war im abgelaufenen Jahre durch die reichen Gaben, die ihm bei Hinscheiden des tiefbetrauerten sel. Herrn Jsaac Königswarter und der sel. Frauen Rosine Stern und Lssette Kömgswarter zur Vertheilung zagestellt wurden, in den Stand gesetzt, seine Ausgaben, den immer zunehmenden Anforderungen entsprechend. erhöhen zu können. Da sich aber solche, leider aus traurigen Veranlassungen entsprungene Hilfsquellen nicht alljährlich in so reichem Maße erschließen, so mußten wir die Mehrausgaben zum größten Theil auf die unregelmäßig Unterstützten beschränken und durften dieselben nicht auch auf die ständigen Spenden ausdehnen; wir hätten sonst später bei voraussichtlich wieder abnehmenden Einnahmen bereits zugesicherte Unterstützungen zurückziehen oder reduziren müssen: Die Ausgaben betrugen für ständige Spenden an 183 Famüien .... Mk. 35,502. — für unregelmäßige Spenden an 158 Familien „ 5,596. 57 Pensionsgeld für einen verwaisten Knaben von Aug. bis Dez.. 312, 50 Mk. 21,411. 07 Eingenommen wurde: An Gaben zur Vertheilung . Aus Schenkungen und Legaten Aus Beiträgen der Mitglieder Aus den Zinsen des Kapitals . . Mk. 25.236. 48 . „ 2,562. 42 „ 7,712. 06 . „ 5,900. 11 Mk. 41,411. 07 Von unserem Gemeinde Vorstand wurde dem Pflegeamte die Verpflichtung zugewiesen, für die Erziehung eines verwaisten Knaben aus unserer Gemeinde Sorge zu tragen. Ta nun in den betreffenden Anstalten alle Plätze besetzt waren und selbst das neugegründete Waisenhaus seine verfügbaren Mittel für die Ausnahme von Externen verwendet hatte, so waren wir genölhigt, auf Kosten des Pflegeamts, diesen Knaben bei einem Lehrer in Pension zu geben. Die Ausgaben übersteigen somit die des Vorjahres um Mb 5,476. 78 und werden sich voraussichtlich, gegenüber der zunehmenden Verarmung und den entsprechend wachsenden Anforderungen alljährlich vergrößern. Wir müssen daher dringend bitten, daß die Zersplitterung der Liebesgaben zu Gunsten der vielen Humanitären Vereine in unserer Gemeinde nicht in dem Maße statlfinde, daß hierdurch die Wirksamkeit unseres Almosenkastens lahm gelegt werde. Wir geben zu bedenken, daß unser Almosenkasten durch genaue Kenntn ßnahme der persönlichen und häuslichen Verhältnisse der Hülfesuchenben besser im Stande ist, deren Bedürftigkeit zu prüfen, als Privatwohlthäter, die nur zu oft durch gefälschte oder leicht zu erlangende Zeugnisse und Empfehlungen getäuscht werden. *) Es kommt noch hinzu, daß im N. Test, mit unzweideutigen Worten wiederholt gesagt ist, daß die Apostel und ihre Nachfolger sich durch das Auslreiben von Dämonen legitimiren werden! (Red.) Ganz besonders erlauben wir uns darauf aufmerksam zu machen, daß die an sich so verdienstvolle Thätigkeit des Armenvereins die Wirksamkeit des Almosenkastens nicht zu ersetzen vermag, da die Aufgabe Beider eine ganz verschiedene ist. Der Zweck des Armenvereins ist dem gewärbsmäßigen Straßenbettel entgegenzutreten und hat er eine ausgedehntere, weil auf alle Confessionen sich erstreckende, Wirksamkeit. Unser Almosenkasten dagegen, welcher überhaupt Unterstützungen nur an solche Personen verabreichen darf, welche länger als zwei Jahre hier wohnen, ist wie die anderen Almosenkasten dieser Stadt confessionell und um so wirkungsvoller vermag er die Roth und Bedrängniß unter uniern Glaubensgenossen, namentlich bei verschämten Armen und Gemeindemilgliedern, deren Erwerb nicht zur Befchaffung der dringendsten Lebensbedürfnisse ausreicht, zu lindern." Aus Hamburg, 21. April, erhalten wir von unserm Herrn Cocespondenten ausführliche Mittheilungen ü^er einen Conflict und eine unerquickliche Scene, welche bai. U> t am Erew Pesach bei Gelegen! eit des Backens der n*Tlöii7 stattgefunden hat. Der Bericht ist sehr detaillirt und, wie wir dies vom unserem Correspondenten gewohnt sind, mit der gewissenhaftesten Genauigkeit abgefaßt. Es würde auch in diesem Falle ein Eingehen auf die einzelnen kleinen und kleinlichen Nebenumstände unerläßlich sein, weil die Sache sich um solche Dinge und nicht etwa um irgend eine Satzung oder eine begründete Observanz bei der Bereitung der fraglichen Mazzoth dreht. Der Bericht würde sich daher nicht abkürzen lassen, in seiner Vollständigkeit jedoch den nicht-hamburgischen Lesern kaum interessant sein. In Hamburg selbst aber hat der Vorfall, nach der (auch an sich sehr glaublichen) Angabe des Herrn Correspondenten während der Feiertage das Hauptunterhaltungsthema in den orthodoxen Kreisen der dortigen jüdischen Bevö kerung gebildet; sie brauchen es also nicht erst in der „Wochenschrift" zu lesen. Diejenigen aber, welche aus Vorliebe oder Abneigung den Hergang zu Gunsten oder Ungunsten der handelnden Persönlichkeiten anders berichten mögen als unser Herr Correspondent, würden durch die Veröffentlichung seines Berichtes wohl kaum umgestimmt werden. Indem wir daher den Bericht über den Vorfall selbst auf sich beruhen lassen*), wollen wir einige allgemeine Bemerkungen hinzufügen, die diese Dinge von einem allgemeineren und nicht in enge Grenzen abgeschlossenen Gesichtspunkte aus beleuchten. Es ist eine bekannte Thatsache, daß sich in räumlich eng begrenzten Gemeinwesen allerlei Eigenthümlichkeiten und Sonderbarkeiten auszubilden pflegen, die man ohne Unrecht zu thun als Schrullen, Zopf u. s. w bezeichnen darf, und die dann um so eigensinniger von Vielen festgehalten werden, je zopfiger und seltsamer sie den Auswärtigen erscheinen. Dies beruht dann zuweilen auf Pietät und Conservatismus, ein ander Mal auf Eigensinn, Herrschsucht, Eigennutz. Welche Motive den Einzelnen leiten, kann dahingestellt bleiben, die Thatsache an sich ist richtig und im Laufe der Geschichte durch unzählige Beispiele bethätigt. Hamburg ist eine Welthandelstadt, aber da sie ein engumschriebenes, abgeschlossenes Gemeinwesen bildet, so hat in ihrer Mttte das Zopfthum ebenso üppige Blülhen getrieben, wie in irgend einer der kleinsten ehemaligen freien Reichsstädte, und trotz Welthandel und Großstadt-Stellung ist daselbst mehr Seltsames zu finden, als in manchem Provinzialstädtchen, dessen Zugehörigkeit zu einem großen Staate die Krähwuckelei aus-' gejätet hat. Dasselbe paßt nun auch auf die Hamburger jüdische Gemeinde. Was in dieser Gutes vorhanden ist, geübt und gepflegt wird, ist weltbekannt und jedes Ruhmes werth, aber auch die Ausbildung der Schrullen und Eigenthümlichkeiten und das zähe Festhallen derselben ist exemplarisch, ohne daß man berechtigt sein dürfte, dies Fremdwort hier mit „musterhaft" oder „mustergültig" zu übersetzen. *) Nur Eins ist uns unerklärlich. Kann man denn in und für Hamburg keinen jüdischen Bäckergesellen auftreiben, der das „Schieben" richtig besorgen würde??