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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-08 · N° 19. (8.5.1878) · p. Seite 144

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 19. (8.5.1878)
Date
1878-05-08
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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— 144 — tete: Jvb'b pn mm „Adam und Eva, d. h. wirkliche Menschen dürfen hierein, jedoch ausgeschlossen sei die Lilith", und worauf ein Gebet jisn \T verzeichnet war, worin Gott um Fernhaltung der schädlichen Geister angefleht wurde, mit einer Beimischung von allerlei kabbalistischen unverständlichen Namen. Diese Namen waren Ableitungen aus dem Zahlenwerth des vierbuchstabigen Namen Gottes (Tetragrammaton) resp. der Namen dieser 4 Buchstaben, in verschiedenen Variationen; und diesen Namen wurde in kabbalistischem Sinne die Eigenschaft zugeschrieben, vermöge der ihnen innewohnenden Heiligkeit die unreinen Geister abhalten zu können. Aber noch mehr. Für *in Knäblein war die Nacht vor dem 8ten Tage, an welchem seine Beschneidung stattfinden sollte, besonders Gefahr bringend. Der Satan ist ein Feind aller religiösen Hebung, namentlich des heiligen Aktes, der ein Kind in den Bund Abrahams aufnehmen sollte. Mußte da nicht die in seinem Dienste stehende Lilith mit ihrem Hexenheere alle Künste anwenden, um in bezeichneter Nacht, also in letzter Stunde, des Kindes habhaft zu werden und so es der Beschneidung zu entziehen? Und mußte nicht die Mutter eines solchen Kindes diese Nacht in Angst und Furcht verbringen? O gewiß wird sie stets nach dem Liebling ihres Herzens gesehen haben, um sich zu vergewiffern, daß es nicht die Beute der Hexen geworden sei. — Allein auch hierfür wußte man Raths. Von alter Volksanschauung ausgehend, daß die Beschäftigung mit der Torah einen Schutz gegen alles Böse gewähre, und daß der Satan und seine Dämonen den Frommen und Gesetzeslehrern gegenüber ohnmächtig seien, wurde es allmählich Sitte, einen oder mehrere Schriftgelehrte zu veranlassen, sich am Vorabend vor der Beschneidung eines Knäb-- leins m der Behausung der Mutter desselben einzufinden, um sich bis nach Mitternacht mit der Torah, Mischna und Gemara zu beschäftigen. — Diese Gebräuche scheinen mir erst nach dem 12. Jahundert in Aufnahme gekommen zu sein.**) Denn die Geschichte belehrt uns, daß zwar die Lehre von dem Teufel und der Dämonen im Christenthum schon im 2. Jahrhundert nach seiner Entstehung ganz ausgebildet war; daß aber der Begriff einer Hexe, als einer Frau, die in eine überlegte Verbindung mit dem Satan getreten, die mit der Macht Wunder zu thun ausgerüstet, und die immer durch die Luft fährt zum Hexensabbath, wo sie dem Bösen ihre Huldigung darbringt, sich im Christenthum erst im 12. Jahrhundert festgesetzt, und daß die durch diesen Glauben hervorgerufene B e st ü r z u n g sich nach kurzer Zeit mit einer furchtbar wachsenden Schnelligkeit über alle christlichen Länder allgemein verbreitet hat. Tausende von Opfern (Hexen) wurden zuweilen in wenigen Jahren lebendig verbrannt. Die in dieser vorkommenden Namen deuten jedenfalls auf R. Eleasar als deren Urheber zurück; denn in dem auf der hiesigen Gr. Hofbibliothek sich vorfindenden hebr. Cod. man., der seinem großen Theile nach den R. Eleasar zum Verfasser hat, finden sich dieselben Namen vor. So z. B. die Namen FjbjDSD mWD mD* — Ueber die Wiederholung desselben gleichklingenden Wortes, die das Mystische steigert, vergleiche man Dr. Kohut's jüd. Angelologie S. 89. — In dem erwähnten Cod. man. werden eine große Anzahl kabbalistischer Namen aus dem nach dem Alphabeth verfaßten Pijut fniKH des Neujahrsfestes abge« leitet, also aus tnixm frTOiT pH u. s. w. **) Siehe Jor. D. 178 aus R. Jerucham. Es scheint, daß hier ein ursprünglich heidnischer Gebrauch, der sich in der Judenheit eingenistet hatte, jüdisch umgestaltet worden ist. Vergl. Grimm, Mythol. Anh. S. 87. (Red.) Jedes Land in Europa war von der wildesten Bestürzung erfüllt. Hunderte der geschicktesten Richter wurden zur Ausrottung des Verbrechens der Hexerei gewählt. Die schrecklichsten Torturen wurden angewendet, um die angeklagten Hexen zum Geständniß zu bewegen; und da dieselben zum größten Theile alte, schwache und halbblövsinmge Weiber waren, so wurde leicht ihr Verstand zerrüttet, und sie verfielen in einen Wahnsinn, worin sie sich einbildeten, sie seien wirklich mit dem Teufel verschworen. Demgemäß legten sie das Geständniß ab, sie seien so und so vielmal mit demselben auf einem Besenstiel durch die Lust geflogen, hätten auch Krankheiten und Ungewitter hervorgebracht rc. rc. Konnten solche Vorgänge ohne Einfluß auf die Juden, die sie miterlebten, bleiben? Gewiß nicht. Die Gefährlichkeit der Hexen mußte namentlich die Furcht vor der Lilith steigern. Da trat die Kabbala rechtzeitig ein und schuf IneautuMents und (w&p, fnpaün) zur Beruhigung ängstlicher Gemüther. Sie befriedigte ein Bedürfniß. Mag sie auch, wie dies von Herrn Profeffor vr. Grätz in seinem berühmten Geschichtswerke öfters ausgesprochen wird, zur Verdunkelung des jüdischen Geistes beigetragen haben, so hat sie doch anderseits, der damaligen Weltanschauung gegenüber, auch wiederum auf die Israeliten beruhigend und wohlthuend gewirkt. Und eben dadurch, daß sie das Judenthum mit einer Glorie der Heiligkeit und Reinheit umgab, die, bei Befolgung gewisser Vorschriften, jede Einwirkung unreiner Geister von sich abstieß, hat sie den Werth desselben in den Augen seiner Bekenner erhöht und in letztere die Begeisterung für dasselbe gewährt und gestärkt. Die Kabbala ist in unsrem Jahrhundert in Wegfall gekommen. Ihre Vorschriften sind unnöthig, unbrauchbar und werthlos geworden. Der rationelle Geist hat die Furcht vor Teufel, Dämonen und Hexen verscheucht. Man frage doch einmal eine Wöchnerin, ob sie sich vor der Lilith und deren Hexen fürchtete, und sie wird mit einem ironischen Lächeln ob der Ungereimtheit einer solchen Frage antworten; und zwar ist dies nicht bloß, wenigstens in allen civilisirten Staaten, bei den Israeliten reformatorischer, sondern auch orthodoxer Richtung der Fall. Und doch werden in unseren Schulen, wie bereits erwähnt, die biblischen Geschichten gelehrt. — Sehen wir uns nun das Christenthum an. In einem sehr großen Theile desselben ist der Glaube an Teufel rc. ebenfalls gänzlich geschwunden. Doch gibt es noch gewiffe Kreise, sowohl bei Katholiken wie Protestanten, wo dieser Glaube noch festsitzt und absichtlich aufrecht erhalten wird. Fragen wir weswegen? so ist die Antwort ganz einfach die: weil das Dasein des Teufels und seiner Gewalt zu dem von der christlichen Kirche vorgeschriebenen Glaubensinhalt gehört und einen wesentlichen Th eil desselben ausmacht. Wir lesen in Or. Martin Luther's kleinem Katichismus den Artikel von der Erlösung. Da heißt es: „Ich glaube, daß Jesus Christus rc. sei mein Herr, der mich armen, verlornen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen, von allen Sünden, vom Tod, und von der Gewalt des Teufels." — Wir sehen also, wie das Dogma der Erlösung den Glauben an die Gewalt des Teufels über die Menschen zur Voraussetzung hat, und die christliche Kirche, sei es die katholische, protestantische oder reformirte, kann den Glauben an den Teufel nicht aufgeben, ohne an ihren Lehrbegriff zu rüt-

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