Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 19. (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583025--3573-9583026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
M 19. 1878. Jahrgang IM«- v Wochen-Schrist für die religiösen und socialen Interessen des Audenthums. Erscheint jedrn Mittwoch ».kostet sammt dem allwöchentlich erscheinenden „Jüd. Liter aturblatt" von Rabl, Dr. M. Rahmer bei allen Postämtern u. Bnchbandlungen vierteljährlich 3 Mark 50 Pf. Mit d irecter Zusendung : in Deutschland 12 Mk. (7 fl.); nach dem Auslande: IS Mk. (18 Frcs.) jährlich. Veranlwoctlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner vr. 3L Treuenftls in Stettin. Einzelnummern der „Wochenschrift" » 25 Pf. des „Literaturblatts" » 15 Pf. Magdeburg, 8. Mai. Inserate für die „Wochenschrift", die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum 25 Pf., (für daS „Literaturblatt"» 20 P f.,1 sind durch f'ämmtliche Annoncen-Erpeditionen oder direct an die Expedition der Israelitischen Wochenschrift!« Magdebi-rg" einrusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2500 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: Leitende Artikelr Der Exorcismus und das Judenthum. Berichte und Sorrespondenzen: Deutschland.- Frankfurt a. M. Hamburg. Kempen. Schwerin. Fürth. Oesterreich: Lemberg. vermischte und neueste Nachrichten: Berlin. Leipzig. Posen. Posen. München. Kremsier. Feuilleton: Täuschungen. — Rußlands Ehrenretter — ein polnischer Ji»de. Inserate. Wochen- Aal 1878 Mittwoch . . . 8 Donnerstag. . 9 Freitag .... 10 Sonnabend . . 11 Sonntag . . . 12 Montag.... 13 Dienstag . . . 14 Ijar- 5638. Kalender. 5 6 7 8 9 10 11 "TIBK (Ende 8 U. 28 M.) Perek 3. Omer 23. Der Exorcismus und das Judenthum. Mitgetheilt von M. Mannheimer in Darmstadt. Vor einigen Monaten soll eine von einem katholischen Priester an einer Bäuerin vollzogene Teufelsaustreibung stattgefunden haben. Die Presse hat sich mit diesem Vorkommniß eingehend beschäftigt. Selbstverständlich fiel das Urlheil derselben verschieden aus, je nach dem Standpunkte, den ein Blait dem Kirchenglauben gegenüber einzunehmen pflegt. So z. B. gab sich die „Germania" den Anschein, als sei sie in dem Grade von der Wahrheit und Wirklichkeit der stattgehabten Teufelsaustreibung überzeugt, daß jede Täuschung unmöglich und jeder Zweifel ausgesl lassen wäre. In einer Reihe von Artikeln unternahm sie's, diesen Vorfall zur Verherrlichung der Kirche zu verwerthen. Denn welche Fülle von Macht müßte letzterer innewohnen, wenn es in der Hand eines ihrer Diener läge, einen oder mehrere Teufel trotz hartnäckigen Wrderstrebens zu zwingen, auf's Commandowort aus dem Leibe einer Frauensperson herauszumarschiren, worin sie schon seit Jabren ihren Aufenthalt gewählt hatten! — Blätter anderer Richtung dagegen wie z. B. das Berliner „Tageblatt" ergriffen diese Gelegenheit, um ihre Entrüstung über den noch immer irratiouellen Jugendunterricht auszusprechen. Sie behaupteten nämlich, es wäre unmöglich, in unserer aufgeklärten Zeit einen solchen krassen Aberglauben, einen solchen Schwindel, wie sie es nannten, dem Volke imputiren zu können, würde nicht bei der Jugend mit der Volksverdummung begonnen, und letztere namentlich dadurch gepflegt, daß man in den Schulen die Wunder des alten und neuen Testaments als baare Münze auslischt und das jugendliche Gemüth mit schauerlichen Wunderbegebenheiten anfüllt. — Dieser Behaupung, so allgemein dargestellt, vermögen wir nicht beizustimmen. Ihr wollen wir die Frage entgegenhalten: wie kommt es, daß tn den Schuten der Israeliten ebenfalls die biblischen Wunder erzählt, gelesen und als wirklich geschehen dargestellt werden, daß aber dennoch der Glaube an Teufel, Dämonen und Hexen gänzlich aus der Mitte der Israeliten geschwunden ist? — Beides: sowohl das früher allgemeine Vorhandensein jenes Glaubens als dessen allgemeines Verschwinden soll durch ein prägnantes Beispiel bewiesen werden. Unter dem Heere des Teufels, seiner Dämonen und Hexen, war es die Lilith (rP^). ein Nachtgespenst, deren Vorhandensein von den Israeliten geglaubt und zu deren Abwendung gewisse Ceremonien geübt wurden. Einer Volkssage gemäß stellte man sie sich vor als ein böses Weib und die Königin der weiblichen Dämonen und Hexen, die Nachts ihr Wesen treiben, namentlich den neugebornen Kindern nachstellen, den Knäblein bis zum 8ten und den Mädchen bis zum 20len Tage nach ihrer Geburt. Und so ward die Liltth mit ihrem Hexenheere der Schrecken der Wöchnerinnen. Die Kabbala, die in it^rer Schwärmerei für Engel und Schutzgeister auch der Furcht, vor Satan, Dämonen und Hexen Vorschub leistete, sann auf Mittel, deren Gefährlichkeit von den Menschen abzuhalten und die Furcht vor denselben zu mildern. Sie erfand Jncantamente und Amulette (Beschwörungsformeln und Schutzmittel), ja eine ganze Amuletologie. — War eine Frau eines Kindes genesen, so wurden sofort an die Thüren und Fenster ihres Schlafgemachs Zettel*) gehängt, worauf die Ueberschrift lau- *) Dieses im Judenthum bis in unser Jahrhundert hinein allgemein verbreitet gewesene Schutz- und Beschwörungsmittel fand ich verzeichnet in dem mystischen Werke 1SD »das große Buch Rasiel", das von Altmeister Zunz (G. V. S. 168) dem R. Eleasar ben Jehuda aus Worms (A. 1220) von Professor Grätz aber (Gesch. d. I. Band VII S. 90) dem Abraham Abulafla (A. 1280) zugeschrieben wird.