Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 18. (1.5.1878)
- Date
- 1878-05-01
- Page
- Seite 139 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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139 — alle Andern ihre höchste Befriedigung über den schönen und gemüthlichen Verlauf des Festes aussprachen. Aus Großh. Hessen, im April. (Or.Corr.) Ich habe Ihnen schon früher von den Vor- und Nachtheilen unseres neuen Schulgesetzes geschrieben. Die israelit. Gemeinden griffen mit Hast nach den vermeintlichen Vortheilen der Simultanschulen und lösten ihre confesiionellen Schulen auf. Nicht nur daß sie nun der Schulgelder entbehren und dadurch auch nicht mehr im Stande sind den Canlor zu besolden; sie entbehren auch des Religionslehrers für ihre Kinder, während sie irrthümlich glaubten, daß die Regierung einen solchen besolden werde, um ihn alsdann auch nebenbei als Cantor benutzen zu können. Denn die Negierung giebt eine kleine Beihülfe für den Religionsunterricht durch Stellung eines freien Lokals und freier Heizung (deren aber die wenigsten Gemeinden durch den Besitz eines Gemeindelokals benöthlgt sind), nur wenn mindestens 10 Kinder vorhanden sind: sie bezahlt auch bei einer größern Anzahl nur die 4 gesetzlichen Religionsstunden nach einer sehr geringfügigen Taxe. Nicht also nur daß nach dieser Seite hin die Gemeinde keinen materiellen Vortheil haben, sie haben auch noch den Schaden, daß gar viele Kinder des israelitischen Religionsunterrichts entbehren, oder daß diese, um dem Drängen der Regierung auf die Erlheilung irgend eines gesetzlich vorgeschriebenen oder zulässigen Religionsunterrichts zu genügen, in Ermangelung eines jüdischen Religionslehrers, dem christlichen Religionsunterrichte anwohnen. Auch werden bei den Schulprüfungen die israelitischen Kruder selbst in der Religion nur von der Schulbehörde und dem christlichen Geistlichen geprüft. Die Rabbiner werden ignorirt; srlbst auf ihr Verlangen wird ihre Zuziehung verweigert. Dagegen hat die Regierung in neuester Zeit dem Drängen einzelner Gelueinden, welche trotz wiederholter Strafen ihre Kinder am Sabbath dem Schulunterricht entzogen, nachgebend, ungeordnet, daß die israelitischen Kinder am Sabbath für zwei Stunden vom Unterrichte zu dispensiren seien, um dem Gottesdienste anzuwohnen, falls die Eltern darauf antragen und der Schulvorstand reip. Lehrer diese zwei Stunden mit Religionsunterricht ober Schreibübungen ausfüllt. (Dr. Lehmann, der die Verhältnisie m Hessen kennen muß, hat also diesmal ganz Recht gehabt, wenn er s. Z. im „Israelit" gegen das projeclirte Schulgesetz geschrieben und agitirt hat. Es ist nicht das erstemal, daß Juden aus purem Liberalismus den Äst ansägen, auf dem sie sitzen. Ein Trost liegt darin, daß sie diese Schwäche mit vielen anderen guten Deutschen theilen. Red.) Palästina. Berlin. Das hiesige Comilä zur Errichtung jüdischer Waisenhäuser in Berlin versendet an die Mitglieder den nachfolgenden — in vor. Nr. bereits kurz berührten — Bericht über diese wichtige Angelegenheit: „Die trüben wirlhschaftlichen Verhältnisie, unter denen Europa nun schon seit mehreren Jahren seufzt, und die jüngsten politischen Ereignisse im Olten, deren traurige Folgen für unsere dortigen Glaubensbrüver die Mildthätigkeit in hohem Grade in Anspruch nehmen, konnten unterer Sache nicht förderlich sein. Äir mußten unter solchen Umständen eS unterlassen, öffentlich zu Beiträgen aufzufordern, und begnügten uns, die durch Freunde unseres Unternehmens uns zugewendeten Beiträge dem bereits gesammelten Grunofond beizufügen, worüber Sie am Schlitsie Näheres finden. Aus dem Zinserträge werden für untere Rechnung vier durch unteren Vertreter in Jerusalem, Herrn Dr. Schwarz, Jjlrjt am Rothschild-Hospital, dort in Gemeinschaft mit dem Director der Ackerdauschule in Jaffa gewählte Waisenknaben in der Ackert» uschule verpflegt und erzogen. Konnten sich nun auch unter dem Drucke der Zeitverhältnrsie unsere finanziellen Mittel nicht besonders heben, io gelang es doch andrerseits, unserem Unternehmen eine gesicherte Grundlage zu verschaffen. Nach mehrfachen schrrittrchen und mündlichen Verhandlungen mit dem Centralcomitä der Alliance Jsraelite Universelle in Paris hat dieses, um unserem Unternehmen erfolgreiche Unterstützung zu gewähren und in Berücksichtigung des zu erwartenden segensreichen Erfolges für Hebung der sittlichen Zustände unserer dortigen Brüder, folgendes Uebereinkommen mit uns getroffen: 1) Die Alliance Jsraelite Unrverselle stellt dem W usen- Comils in der Ackerbauschule zu I -ff r v i e r Zimmer, und wenn es das Bedürfnlß erfordern sollte, noch weitere vier Zimmer zur Verfügung, um darin eine Waisenerziehungsanstalt zu errichten. 2) Der Director der Ackerbauschule zu Jaffa wirb von der A. I. U. ermächtigt, die Ueberwachnng der Waisenerziehungsanstalt zu übernehmen, insoweit 'eine anderweitigen Funktionen ihm dazu Zeit lassen. 3) Sowohl den Zöglingen als den Beamten der Waiienerziehungsanstalt ist die Benutzung der Synagoge der Ackerbauschule gestattet. Insbesondere werden ihnen alle Erleichterungen gewährt, um die angemeldeten „Jahrzeiten" nach hergebrachtem jüdischen Ritus zu begehen. 4) Nach vollendetem dreizehnten Lebensjahre werden die Zöglinge der Walsenerziehungsanstalt in die Ackerbauschule eintrelen, falls sie dazu geeignet und genügende Vacanzen vorhanden sind. 5) Bis zur Vollendung der Organisation der Waisenerziehungsanstall kann bas Waisencomilä vier bis sechs Waisen, nicht unter neun Jahren, in der Ackerbauschule gegen Zahlung einer Pension von 375 Francs für jedes Kino erziehen lassen, diese Kinder sind dem Reglement der Anstalt unterworfen. 6) Ueber diese Zöglinge erhält das Comitä halbjährlich Bericht. Die Alliance Jsraelite Universelle, welche uns demgemäß die Räumlichkeiten der Äckerbauschule unentgeltlich überläßt, hat sich allerdings das Recht Vorbehalten, uns vieles Abkommen zu kündigen, im Falle sich für sie die Nothwenbigkeit Herausstellen sollte, die betreffenden Räume selbst zu benutzen; ebenso hat sie einige Vorbehalte ln Betreff der Aufführung der Zöglinge und ihrer etwaigen Erzieher gemacht. Jnoeß sind diese Eventualitäten vorläufig n:cht zu befürchten, und ipäler hoffen wir finanziell so gckräfngt zu sein, baß wir sechitfländig die nölhigen Gebäude errichten können, hierzu wiro uns der Grund und Boden voii der A I. U., die deffen im lieberfluß hat, wahrscheinlich und gern überlassin werden. Wir halten nun die Zeit gekommen, den provisorischen Zustand unserer Verwaltung in eine definitive Organisation umzugestalten, und richten an die geehrten Mitglieder das Ansuchen, dafür geeignete Vorsch.äge an uns gegangen zu laffen, die wir bei einem Ihnen demnächst vorzulegenden Sratulen-Enlwurf mit Dank benutzen werden. Jndesien glauben wir, schon jetzt die Bitte an Sie richten zu dürfen, me Theilnahme unserer Gmudensbrüoer für das begonnene Werk wichzuhalten, und wollen Sie demnach Ihr Augenmerk darauf richten, in den Gemeinden ihres Bezirks Vereine für Erziehung jüdischer Waisen in Palästina mit Zeichnung jährlicher Beiträge ins Leben zu rufen. Sie sind ja gleich uns von der Nothwenbigkeit eines Asyls für arme Waisenkinder im Heillgen-Lande überzeugt und erkennen mit uns, daß es hauptsächlich nur durch eure beffere Erziehung der Jugend möglich ist, der beklagenswerthen Lage unserer dortigen Glaudensbrüder wirksame Abhülfe zu verschaffen. Möge Gott unsere gemeinschaftlichen Bemühungen seg- , nen und die Herzen unserer besier gestellten Glaubensgenossen bewegen, daß sie uns kräftig unterstützen, und daß unser Werk gelinge.*) Das Comite zur Errichtung Jüdischer Waisenhäuser in Palästina: A H. Heymann. M. Gottschalk Lewy. vr. David Cassel, vr. Ungerleider, vr. Salomon Cohn. M. I. Bodenstein, vr. I. Lewy Eduard Men de. __ Eduard Hirschberg. *) Geldsendungen sind an Herrn Eduard Men de, (Firma' 6t. Kaufmann & Co.) Berlin, Burgstraße 8 zu richten.