Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 18. (1.5.1878)
- Date
- 1878-05-01
- Page
- Seite 137 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 137 — Wiederholung unsere Aufmerksamkeit doch in Anspruch nimmt. Also 1). In Nr. 4 des genannten Blattes untersucht i maud die Ursache der allgemeinen Geschäftsflauheit in allen Branchen nud schließtseinen sonderbaren Artikel mit folgenden noch viel sonderbareren Aeußerungen: „Wenn alle Neuheiten, die auftreten, gleich von Denjenigen ausgebeutet würden, für welche sie geeignet sind, wenn fern von allem Egoismus und Eigendünkel ein besieres Hand in Handarbeiten bestünde, und wenn nicht den Juden, aus eigner Schwachheit, ein so großes Feld ihrer Thätigkeit selbst erschlösse, dann, meine Herren, wenn alle Geschäfte, die einigermaßen mit einander arbeiten, gemeinschaftlich gegen jeden Schwindel ins Feld ziehen, dann können wir erst eine Befferung erfahren. Das Unkraut muß ausgejätet werden, ehe es noch weiter wurzelt, darum: „Raus mit den Juden aus unseren Geschäften!" Dieser plumpe Angriff ist sofort Seitens eines Glaubensgenossen aus dem Fache zurückgewiesen worden. „Dem Verfasser des Artikels in Nr. 4 d. Bl. zur Erwideruung und Belehrung. Außer der Ihnen fehlenden Toleranz scheinen Sie in Ihrem Leben sich sehr wenig Geschäfts- sowie Weltkenntniß angeeignet zu haben, sonst würden Sie einsehen und wiffen, daß das Uhren- und Goldgeschäft in der ganzen Welt ebensowenig ohne Israeliten bestehen kann, wie Sie, wenn Sie überhaupt das Geschäft verstehen, ohne Werkzeug arbeiten können. Sie sind deshalb ebensowenig im Stande, das „Heraus mit den Juden aus unseren Geschäften", wie Sie sich ausdrückten, auszuführen, wie Sie im Stande sind den Lauf der Sonne zu hemmen. Hätten Sie dies vorher überlegt, so würden Sie Unterlasten haben, einen solchen Artikel der Oeffentlichkeit zu übergeben. Allem Anscheine nach ist es auch nur Judenhaß, was Sie zu diesem Schritt bewegte, und haben Sie vermuthlich tüchtigere und leistungsfähigere Leute, wie Sie selbst sind, zu Concurrenten, welche Juden sind. Wenn Sie jedoch keine anderen Mittel und Wege kennen, um das Geschäft im Allgemeinen und das Ihrige im Besonderen zu heben, so kann ich nicht umhin, Ihnen mein innigstes Beileid zu bezeigen. Schreiber dieses, welcher an hiesigem Platze ein nicht unbedeutendes Geschäft in beiden Branchen besitzt, besten Vater und Großvater die Uhrmacherkunst schon betrieben, hat die Ehre selbst Jude zu sein. Das Geschäft besteht nun schon über 100 Jahre, und kann ich mir schmeicheln, daß dasselbe in der Geschäftswelt ehrenhaft dasteht, und keinen anderen Geschäften an Solidität und Neellität zurückzustehen braucht. Da ich auch nicht nöthig habe die Oeffentlichkeit zu scheuen, so habe ich die Ehre an alle anderen Geschäftsfreunde meinen kollegialen Gruß zu senden. George Hanau, Firma L. Hanau, Hofuhrmacher und Goldarbeiter. 2) Eine andere Nummer destelben Blattes bringt Folgendes: „Die Nummer 6 Ihres geschätzten Journals enthält das Geschäftsreglement des ostschweizerischen Uhrmacher-Verbandes, wovon Z 2 lautet: „Sogenannte Schund- oder Juden-Waare ist unter allen Umständen auszuschließeu." Ich erlaube mir daher folgende offene Anfragen an genannten Verband zu richten: 1) Sind die Herren Fabrikanten und deren zahlreiches Arbeiterpersonal in Porentruy und seiner weiten Umgegend, wo man neben gediegener Waare auch massenhaft die unter dem Namen Americains bekannten Schunduhren fabricirt, etwa Juden? 2) Sind die Arbeiter, welche wegen ihrer Pfuschereien das Schweizer-Fabrckat in Mißcredit brachten, selbst auf den Plätzen, wo man vorzüglich beffere Waare zu fabriciren gewohnt ist, etwa Juden? ®’nö -n^t ^rade diejenigen Districte, in welchen der Schund am besten gedeiht, am wenigsten von solchen bewohnt. Wohl verschwindend klein dürfte verhältnißmäßig die Anzahl der Juden und insbesondere der jüdischen Arbeiter sein, welche der Vorwurf der Pfuscherei trifft. Unverhältnißmäßig groß aber ist ihr Antheil an der Herstellung und Verbreitung gediegener Fabrikate. Aas soll auch den Juden eine schlechte Uhr nützen? Ihm am meisten thut es noth, seine Zeit zu kennen und zu beobachten. Den falschen Begriff aber, ob Schund- oder Juden-Waare gleichbedeutend sind, hat der obenerwähnte Verband keine Ursache und kein Recht, Anderen aufzudrängen. B. Stern, Uhrenhandlung en gros in Frankfurt a/M." Das Ernsthafte an diesen Artikeln dürfte Folgendes sein. Seit der großen Niederlage, welche gewisse Industrien in Philadelphia erlitten haben, und der Aufdeckung der Ursachen derselben durch Reuleaux ist die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Devise: „Billig aber schlecht" gelenkt worden. Zn den leidenden, durch jene Devise geschädigten und vom Weltmarkt verdrängten Industriezweigen gehört besonders Uhren- und Bijuteriefabrikation. Die schlechten Bijouterien sind fast werthlos. die- Uhren bestehen aus werthlosesten Kapseln mit etwas beliebigem Räderwerk, bei dem an Gehen gar nicht zu denken ist. Daher die absurd niedrigen Preise. Unter den Geschäftsleuten, welche den „Schund" zu Markte bringen, sind Juden, ob viele, wissen wir nicht. Fabrizirt wird aber das Zeug nicht von Juden. Falls nun Juden die Besteller, Abnehmer und Verkäufer wären, während der christliche Fabrikant es als eine Infamie von sich wiese, den Schund anzuserligen (oder zusammenzuwerfen, denn weiter ist's nichts), dann hätte der christliche Uhrmacher em Recht, sich an die Brust zu werfen und über die Juden zu schreien. Das ist aber nicht der Fall Und unter Denjenigen, die über Juden schreien, sind gewiß gar manche, die auch gern an dem Schund Geld verdienen möchten. Warum sie das nicht können, wiffen die Leute wohl selbst am besten. Das ist aber eine alte Geschichte, daß in schlechten Zeiten der Eme die Schuld auf den Andern schiebt, und diese Andern, die Sündenböcke, dann Juden sein sollen, das ist ein gar altes Manöver. Würde man alle Ecwerbszweige durchgehen, so würde man überall hören, daß man gern den jüdischen Concurrenten los sein möchte, zum Einkauf anderer Artikel aber den Juden bequem findet. Nichts natürlicher, aber auch nichts dümmer, weil der Eigennutz handgreiflich ist. Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. Stettin, 14. April. Auf unsere in Gemeinschaft mit einer Anzahl von Collegen an das Abgeordnetenhaus gerichtete Petition, betreffend die Befreiung von Communa labgaben, erhielten wir heule folgendes Schreiben: „Berlin, den 9. April 1878. Die von Ew. Wohlgeboren.an das Haus der Abgeordneten gerichtete Petition vom 18. Januar cr. ist \ wegen Schlusses der Session nicht mehr zur Berathung und J Beschlußfassung in pleno gelangt. Dieselbe wird daher unter Bezugnahme auf die Vorschrift der Geschäftsordnung — wonach sämmtliche Gegenstände mit dem Ablaufe der Sitzungsperiode, in welcher sie eingebracht und noch nicht zur Beschlußnahme gediehen, als erledigt anzusehen sind — hierbei ergebenst zurückgesandt. Die Commission zur Vorberathung des Gesetzentwurfs, betr. die Aufbringung der Gemeindeabgaben, hat in ihrem erstatteten Bericht beantragt, diese Petition durch die zu dem qu. Gesetzentwürfe gefaßten Beschlüsse für erledigt zu erklären. Der Bericht ist im Hause ebenfalls nicht, mehr zur Verhandlung gekommen. Der Bureau-Direktor des Hauses der Abgeordneten. Kleinschmidt. Stettin, 22 April. Die Anmerkung zu dem Artikel Stettin im vor. Blatte beruht auf einen Jrrthum. Die Bezeichnung kommt, wie uns Hr. Stiftsrabbiner Krimke