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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-05-01 · N° 18. (1.5.1878) · p. Seite 136

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 18. (1.5.1878)
Date
1878-05-01
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
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— 136 — WB -■•*3 Zauberei, Beschwörung, kabbalistische Wunderkuren und Wunderthäter weit verbreitet war. — Mendelssohn's Pentateuchübersetzung und die darauf und dadurch neubegründete jüdische Schule mit dem Unterricht in richtigem Deutsch uud in logisch-grammatischer Auslegung des Textes hat vollständig genügt, um das Alles in verhältnißmäßig kurzer Frist radikal auszurotten. Was sonst noch hinzukam, wissenschaftliche und weltliche Bildung diente zur Ergänzung, förderte die Heilung, war aber zu jenem Zwecke nicht die Hauptsache; Reform des I u d e n t h u m s war dazu gar nicht nölhig, war vom Uebel und bildet nun leider das Haupthinderniß für die Verbreitung der Cultur unter den Chassidim. Gründet Schulen! Das ist das Erste, das Wichtigste, ras allein Nothwendige, das allein zur Hülfe vollständig Genügende. In Rußland können wir aus bekannten Gründen keine Schulen für Juden gründen, Rumänien liegt uns etwas zu weit ab Galizien, der Hauptsttz des Uebels, müßte auch der Ort sein, an dem die Heilung versucht werde. Es fehlt in Galizien durchaus nicht an Männern, die Hand ans Werk legen wollen, auch sollen und können. Aber es gilt hier doch der alte Talmudsatz: „Der Gefangene kann sich nicht selbst befreien" —. Von diesen Erwägungen ausgehend, veröffentlichen wir nachstehende Correspondenz: A. Stanislaus, 5. April. Als ich die Nr. 12 Ihres Blaues erhielt, in der Ihr Correspondent aus Jerusalem die außerordentliche Aufregung der dortigen Chassidim wegen des Unterrichts in der arabischen Sprache s ildert, mußte ich wohl an die Zustände meines Heimathlandes denken*). Ja, auch meine Landsleute glauben noch, sie müßten den Frommen im heiligen Lande durch Haß gegen jede fremde Sprache nachahmen. In den jüdischen einzelnen Winkelschulen (Cheders reguläre jüdische Gemeinde-Schulen giebt es in ganz Galizien nur 4—6) wird während des ganzen Tages nur in Chumesch und Gemore unterrichtet, und die Uebersetzung des Chumeich darf in keiner reinen fremden Sprache stattfinden, sondern im jüdischen Jargon. Hätten die Winkellehrer (Melamedim) wenigstens das Hebräische den Kindern gehörig beigebracht, so wäre das ein kleiner Ersatz für den mangelnden Unterricht in anderen Sprachen. Leider aber steht es auch in dieser Beziehung sehr traurig. Die Kinder fangen nach -3 Jahren schon an, die Winkelschulen zu besuchen, und spricht man mit ihnen auch in ihrem 15. Jahre von hebräischer Grammatik, so wird kein einziger von ihnen die Conjugation eines hebräischen Zeitwortes wiffen, ja noch mehr, die richtige Aussprache der heiligen Sprache fehlt ihnen. Die Ursache davon ist ganz einfach. Die Melamedim selbst verstehen nichts von hebräischer Grammatik, woher sollen es denn ihre Schüler wiffen?. Diejenigen Stellen im Commentar Raschi zum Pentateuch, wo ein Vers grammatikalisch erklärt wird, werden glattweg ausgelaffen, und wenn ein Schüler sich erlaubt seinen Lehrer darüber zu interpellrren, so bekommt er zur Antwort; „Das lernt man nicht, das ist Dckdik" (Grammatik); als wenn solches Wiffen und Lernen gefährlich, oder als wäre es möglich, irgend eine Sprache zu erlernen, um sich daun *) Der Hr. Corresp. hat noch einen E^curs darüber eingeschaltet, daß die Talmudistm auch nicht rein hebräisch, sondern in der Volkssprache geschrieben, und daß ebenso die bedeutendsten und frömmsten jüdischen Gelehrten sich in ihren theologischen Schriften der arabischen Sprache bedient haben. Wir lassen dies hier weg. bei Predigten, bei Erlernung von rituellen Gesetzen oder bei Correspondenzen ihrer zu bedienen, ohne deren Sprachlehre erlernt zu haben. Wenn zufälligerweise ein Melamed hebräische Grammatik und Deutsch versteht und sich dann erlaubt, in dieser neuen Weise zu unterrichten, so wird er von den wilden Chaffioim gleich verketzert, und der arme Mann muß Galizien verlaffen. Wenn irgend Jemand in Galizien Sinn für moderne Bildung hat, so ist er gezwungen, sein Kind gleich vom 6. Jahre an in die christliche Schule zu schicken, wo es das Jüdische ganz verlernt; will aber Jemand weltliches Wiffen besitzen und doch Jude bleiben, so muß er sich entschließen, seine Heimath zu verlassen und nach Deutschland zu gehen, wo auch die Orthodoxen (und zwar die „Trotz- Orthodoxen" nicht ausgenommen) ihre Kinder studiren laffen, dabei aber das Jüdische nicht vernachläffigen. Anders wäre es, wenn in Galizien jüdische Normalschulen eingeführt würden, wo den Vätern, wie auch den Kindern gezeigt würde, daß Torah gut ist mit Derech Erez, weltlicher Bildung. Die Väter werden dann nicht mehr davor zurückschrecken, ihre Kinder weiter ausbilden zu laffen, und die Kinder werden dann wissen, daß auch ein Studirender von weltlichem Wissen seine Religion streng beachten kann. So aber bleibt Alles beim Alten. Die Winkelschulen mit ihren Lehrern und deren unbeschreiblichem Nachtheil für die galizische Jugend; denn es giebt in Galizien sehr viele tüchtige Köpfe, die Großes leisten würden, wenn sie von Hause aus eine vernünftige Richtung erhielten. Hier wäre ein allgemeines Vorgehen nöthig, von Seiten der verständigen Radbinen und einsichtsvoller Vorstände von galizischen Gemeinden, die in den größern Städten des Landes vorhanden sind. Edle Männer in Wien, zumal die Leiter der Israel. Allianz zu Wien, sollen hier helfen den Geist des wahren Judenthums in den dichten Wald des Obskurantismus zu pflanzen, und sie werden mit kleinen Ausgaben Großes und Unsterbliches leisten. Wir brauchen eigentlich weniger deren materielle Subvention, als Anregung und Leitung zur Einführung der jüdischen Elementarschulen in Galizien. Jedenfalls dürfte dieses Land (bei der voraussichtlichen Unterstützung der Regierung) geeigneter und näherliegrnder, als Rumänien sein, um die Bestrebungen zur Verbreitung von Bildung unter den Juden zu unterstützen. Es würden sich, so viel ich weiß, sehr Viele anschließen, die bis jetzt nicht genug Muth oder die Macht hatten die Jniative zu ergreifen. — Die Ermunterung zu dem Studium könnte hier einen nie dagewesenen Eifer und Liebe für unsere Schulen erwecken. Möchte man von Wien aus eine Versammlung in Lemberg oder Krakau veranstalten, ich bin gewiß, daß die Sache vielen Anklang und zahlreiche Anhänger finden würde. Juden und Uhren. Wenn der Leser nach der Ueberschrift irgend eine mehr oder weniger witzige Parallele zwischen den disparaten Gegenständen erwartet, so ist er im Jrrthum; den Urhebern der Zusammenstellung wenigstens ist es^ damit bitterer Ernst, und auch uns geht es fast über den <2paß. Wir verdanken dem „Jsr. Eis. Lothr." vom März und April die Bekanntschaft zweier Artikel aus dem „Allg. Journ. der Uhrmacherkunst", deren ersten wir nicht beachtet haben, während die

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