Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-04-17 · N° 16 u. 17 (17.4.1878) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 16 u. 17 (17.4.1878)
Date
1878-04-17
Page
Seite 126 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9583003--3554-9583007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— 126 — rung der geschichtlichen Thatsachen dem zerrütteten Spanien zugänglich zu machen; freilich scheinen die Mohammedaner auch heute noch den Werth der Juden besser zu kennen!) Daher wird den Juden der Vorwurf, daß sie Geldgeschäfte und Wucher trieben, bis zum vierzehnten Jahrhundert von Niemandem, auch von keinem wider sie gerichteten Gesetze oder Coucilbeschlusse gemacht. „Ueberhaupt wird als Grund für ihre Verfolgung niemals eine gesetzwidrige oder unsittliche Handlung der Juden angegeben. Im Gegensätze dazu finden wir vom vierten Jahrhundert an keinen unparteiischen Schriftsteller (Heiden und Christen), keinen Concilsbeschluß in dem nicht die christlichen Priester des Wuchers, der Völlerei, kurz jeder Art der Unsittlichkeit bezichtigt wird." ... Es herrschte daher bis zum elften Jahrhundert Eintracht zwischen Juden und Nichtjuden, die Fürsten schätzten und benutzten die Juden „wegen ihrer Klugheit und Redlichkeit". Auch enthielten ja die Grundlagen des Christenthums, das neue Testament wie die Schriften der Kirche»lväter Nichts, was eine Judenverfolgung rechtfertigte. Der Verfasser führt dann das Urtheil anderer, besonders französischer Historiker an. „Mit Recht sagt Fauriel: Die Juden hatten mit einem Worte im Mittelalter einen lange noch nicht genug anerkannten Einfluß auf die Cultur Europas . . einen Einfluß, von dem leider die Geschichte der Civilisation und der Wissenschaft fast gänzlich schweigt.... Nach Mittheilung der weltlichen und geistlichen Gesetze in Frankreich bis zum Ende des sechsten Jahrhunderts schließt Beugnot mit den Worten: On voit que ce peuple n’avait encore pour ennemi dfdare que le clerg6." Die „Regisseure" der Judenverfolgungen sind demnach Bischöfe gewesen, „diese eigentlichen Träger der Bornirtheit, Unwissenheit und Unsittltchkeit unter den Christen." Da diese zur Befriebigung ihrer Genußsucht viel Geld nöthig hatten, so suchten sie sich durch Vertreibung und Plünderung der Juden zu bereichern. Neid und Haß gegen die geistig und sittlich höher Stehenden waren ebenfalls Triebfedern ihrer Handlungsweise. Die geistige und sittliche Ueberlegenheit der Juden zeigte sich besonders in den Disputationen; und wenn hierbei die Rabbiner durch Venunftgrüude nichr widerlegt werden konnten, so suchte man sie oft „mit Stockschlägen zum Schweigen zu bringen". Der fanatische Bischof Agobard von Lyon entblödete sich nicht, als Anklage gegen die Juden hervorzuheben, daß sie in ihren Synagogen Predigten hielten, die nach Aussage der meisten Christen besser und erbaulicher wären, als die der christlichen Priester. Dementsprechend „arteten auch die Gesetze oft in völligen Blödsinn aus." Z. B. sollte kein Christ wegen eines an Juden begangenen Verbrechens vor Gericht gezogen werden, sollten die Schuldforderungen der Juden an Christen vernichtet werden, sollte kein Christ einen jüdischen Arzt nehmen, „weil es besser sei zu sterben, als einem Juden sein Leben zu verdanken; dennoch aber zogen die Würdenträger in Staat und Kirche jüdische Aerzte zu Rathe, weil es keine andern, jedenfalls keine bessern gab. Der Verf. wendet sich zuletzt zu den erst in späteren Gesetzen und Concilsbeschlüssen gebrauchten Vorwänden für die Verfolgung der Juden und weift ihre Lächerlichkeit nach. Die Anschuldigung des ) Raubes von Christkindern zum Zwecke der Bekehrung bewahr- , heitet in seinen Auge das Sprüchmort: Man sucht Niemand hinter dem Ofen, wenn nmn nicht selbst dahinter gesessen! Den Mortarasall, der allerdings jene Anschuldigung tragikomisch beleuchtet, berührt Schleiden nicht, wahrscheinlich weil er Beispiele für die klerikale Bekehrungssucht nicht für nöthig hält. „Wo nmn — so schließt dieser erste Theil — einen Vorwand zum Plündern haben wollte, ergriff man ein paar Juden und folterte sie so lange, bis sie aussagten, was man wollte. Ueberall, wo die Verfolgungen allgemeiner wurden, kam es daher vor, daß sich die Juden einzeln oder selbst in Masse in den Synagogen freiwillig den Tod gaben, um den christlichen Menschenschindern zu emgehen und ihrem Glauben treu zu bleiben, weil sie fürchteten, in der Qual der Folter $u dem ihnen vorgehaltenen Rettungsmittel, der Apostagie, zu greifen." Hiermit ist der Verfasser eigentlich zu seinem Hauptthema gelangt, zur „Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter." Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin, 10. April. Die hohe Wichtigkeit alles Desjenigen, was mit dem tSHp in Verbindung steht, wird und muß es rechtfertigen, wenn wir noch einige Bemerkungen zu dem in den vorigen Nummern (10, 14, 15) Besprochenen hier nachtragen. Was hat nns denn überhaupt zu diesen Erörterungen bewogen? Wir sehen, daß die Zeiten nicht mehr den früheren gleichen. Der Fall, daß ein Jude sich prinzipiell weigern sollte, seinen Sohn in den Bund Abrahams aufnehmen zu lassen, ist von den Alten kaum ins Auge gefaßt worden, heut' ist's nicht mehr unerhört. Vordem hätten in kurzer Frist sich wiederholt Unglücksfälle in Folge der Milah ereignen können, es hätte darum doch Keiner sich geweigert, ji sich nur einen Moment besonnen, dem Gebote Folge zu leisten. Heute 27t TSn*? K*? ■'D- In der „Jüd. Pr." will Jemand zwischen den Zeilen des Aufsatzes in Nr. 10 gelesen haben, daß die Beschneidung den Aerzten als Monopol zugewiesen werden soll. Es ist das nicht der Fall, noch weniger ist das unsere Meinung und Absicht; wir würben es indessen durchaus nicht als einen Uebelstand betrachten, wenn recht viele jüdische Aerzte stch mit Mitzwalh - Milah befassen wollten.*) Aber die Sache liegt ganz anders! Gar mancher jüd. Arzt gieb: sich gar nicht dazu her, die Beschneidung vorzunehmen, er spricht von Verstümmelung, ärztlichem Gewissen, wissenschaftlicher Ehre u. drgl. Und wo er kann, wo er gehört wird, da empfiehlt und befiehlt er den jungen Eltern die Befolgung des Gebotes nicht an, und so geht gar Mancher einher, der da schürt, spöttelt, abräth, warnt. Der Rabbiner einer Gemeinde (nicht eines Separat-Clubs) geht mitunter in bangem Zweifel umher und in quälenden Sorgen: ob der und jener, wenn ihm ein Söhnchen sollte geboren werden, und wenn das Knäbchen da ist, es auch wohl werde beschneiden laffen, und auf wen, schlimmsten Falls, das böse Beispiel weiter wirken könne, da ist es also natürlich die heiligste Pflicht, jeden Anstoß, auch das kleinste Steinchen aus dem Wege zu räumen, dem ^1327 kein HS jinns zu geben. Den Separatisten freilich kümmert das nicht. Und wenn wir zwischen den Zeilen lesen wollten, so würden wir sagen, es sei den Leuten ganz erwünscht, wenn viele, recht viele und dann immer mehr solche, die nicht zu ihren Separatcirkeln gehören, durch Unterlasten der Beschneidung das letzte Wurzelfäserchen zerschnitten, welches sie noch mit dem Stamme verknüpft. Sie wären sie dann los und hätten das Ziel erreicht: sie die allein Uebrigbleibenden. Und dem würde ja gewaltiger Vorschub geleistet, wenn nach einander ein paar Unfälle, Ansteckung u. drgl. vorkämen, welche die Gegner des Bundes unter Aerzten und Laien tüchtig verwerthen würden. Ja, die Extreme begegnen sich, es könnte durch Unheil beiden Gegenseiten ein Gefallen erwiesen werden. So haben wir Weglaffen des Aussaugens mit dem Munde befürwortet. Ein Mohel hat in der „I. Pr." entgegnet, er habe in Gegenwart von wohl hundert Aerzten Mezizah gemacht und keiner habe ihm darüber einen Vorwurf gemacht. Wir glauben das recht gern. Der christliche Arzt (wir glauben, dies Adjektiv hinzusetzen zu dürfen) glaubt, die Mezizah gehöre zu dem religiösen Akt; der gebildete Mann läßt *) Daß im Talmud keine Bezeichnung für unser heutiges „Mohel" vorkömmt, sondern daß dort immer von X'DK die Rede ist, also vom „Heilkünstler. Arzt", zeigt deutlich,' daß man damals nicht daran gedacht hat, die Beschneidung von solchen vollziehen zu lassen, die weiter nichts ms Fach der Medizin Schlagende verstehen und treiben, als diese Specialitätt. Später gab es nur noch hier und da und nur in den Großgemeinden jüdische Aerzte, da mußte man sich mit dem Mo^el be. gnügen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.