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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-04-17 · N° 16 u. 17 (17.4.1878) · p. Seite 125

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 16 u. 17 (17.4.1878)
Date
1878-04-17
Page
Seite 125 (sequence 3)
Language
German
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— 125 — ist, da das uns bis jetzt Vorliegende zum großen Theile die Einleitung zu dem eigentlichen Thema bildet. — Für den in der Geschichte und Literatur des Judenthums einigermaßen einaemeihien Israeliten dringt dieser erste Theil wenig Unbekanntes; und dennoch ift gerade für ihn auch dieses Capitel au> der jüdischen Geschichte, von einem unbefangenen und unparteiischen Nichtisraeliten wissenschaftlich und meist mit Hilfe von nichtjüdischen Quellen dargestelll, in unserer von religiösem Haß so wenig freien Zeit erhebend und erquickend. — Wenn ein Berthold Auerbach öffentlich gegen den judenfeindlichen Professor Billroth ausgetreten ist, so gereicht dieses mannhafte Auftreten dem das Judenthum gründlich kennenden jüdischen Dichter zum Ruhme und könnte wohl manchem durch Neichthum und weltliche Ehren hervorragenden Glaubensgenossen Auerbachs zum Borbilde von Charaktergröße und Selbstbewußtsein dienen; aber wenn eine nichtisraelitische wissenschaftliche Autortät, wie Schleiden, ihm heimleuchtet, so muß dies ebenso auf jenen Arzt mit krankhafter Urtheilskraft ernüchternd und vernichtend wirken, wie es andere an fanatischem Judenhaß Leidende heilen kann. Man könnte Billroth für seine Angriffe fast dankbar sein, da er einen Schleiden, einen wahrhaften Priester im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit, zu einer Gegenäußerung herausgefordert hat. „Wenn — so beginnt Schleiden diesmal — Herr Professor Dillroth sagt: Den unbegabten (!?) Juden fehlt die eigentliche Freude an der Romantik des Martyriums, und es fehlt ihnen die gesammte mittelalterliche Romantik, so muß er eine besondere Leidenschaft dafür haben, sich durch seine Unwissenheit lächerlich zu machen; denn er mußte sich sagen, daß er von der ganzen besonders mittelalterlichen Geschichte der Juden absolut gar nichts wisse, und in diesem Falle pflegt ein wahrhaft gebildeter Mann zu schweigen. Der große Antheil, den die Juden gerade an der romantijch poetischen Erhebung des Mittelalters im maurischen Spanien hatten, ist für jeden wahrhaft Gebildeten bekannt genug." Es ist jedoch nicht der eigentliche Zweck der Abhandlung, Billroth zu belehren oder zu bekehren, sondern zur Berichtigung der Vorurtheile und zur Beseitigung der Verblendung beizutragen, die meist vor: den zahlreichen dunkeln und verdunkelnden Gestalten eines verderbten Klerus bewirkt worden. „Was aber die Roniantik des Martyriums betrifft — fährt Schleiden fort —, so haben die Christen ein so vortrefflich schlechtes Gedächtniß für ihre eigenen Sünden, daß man im allgemein historischen Unterricht die furchtbare Leidensgeschichte der Juden im Mittelalter kaum erwähnen hört, und ich halte es daher für nicht unzweckmäßig, einmal einen kurzen Ueberblick dieses ungeheuren Trauerspiels für denkende Leser zusammenzustellen, woran sich denn auch die Judenhetzer erbauen mögen. Ich konnte die wissenschaftliche Entwickelung der Juden im Mittelalter nicht verfolgen, ohne auch mit dieser Kehrseite ihres Schicksals bekannt zu werden, und glaube, eine Mittheilung darüber wird auch immerhin für denkende und fühlende Leser interessant sein — Mit Zunz's Worten: Wenn es eine Stufenleiter der Leiden giebt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen u. s. w., die er vollständig anerkennt, kommt er alsdann seiner eigentlichen Aufgabe näher, indem er in einem zusammengefaßten Ueberblicke der Geschichte Israels zeig?), daß dieser um die Cultur ') Einige kleine Versehen dürfen auch hier nicht unerwähnt bleiben. Wenn z. B. Schleiden sagt: Erst unter den Königen von Israel und Juda (nach Salomo) trat die reine monotheistische Lehre unter den Juden auf, so ist dies ein Jrrthum; im Gegentheil waren die religiösen Anschauungen unter Samuel und David geläuterter, als unter den Königen von Israel und unter vielen Königen von Juda. Die Propheten vermochten das einoringende Heidenthum nicht vollständig zu bannen —. Unrichtig ist auch die Angabe, daß der zweite Tempel erst unter Esra und Nehemia (nach 457) erbaut worden —. Der Hasmonäer Suuon war nicht derSohn, sondern der Bruder Jonathans, der letzte der fünf hasmonäischen Brüder —. Ferner scheint der Verf. die neuesten Vorgänge und Zustände i>n Judenthum auf die alten zu übertragen, wenn er die z. Z. des Krieges mit Rom entstandenen Parteien der Zeloten und ihrer Gegner durch die Namen „Orthodoxen" und „Reformirte" bezeichnet. Dieser Unterschied ist ausschließlich nur in Bezug auf religlo)e Ansichten zu machen, während der Unterschied zwischen Zeloten und Nömerfreunden (nicht Hellenisten) mehr politischer Natur war. der Menschheit so verdiente Volksstamm unverdient gelitten, daß er mit einer Geduld und Ausdauer, die ihm den Stempel echten Adels aufdrückten, die Leiden für seine göttliche Mission ertragen, rurb daß er nieift nur von den Christen unter Leitung des Klerus zit leiden gehabt. „Bei der Vernichtung des jüdischer! Staates waren nicht religiöse Leidenschaften im Spiele.Religiöser Fanatismus war dem heidnischen Nom, dem tolerantesten Staate, den es je gegeben hat, etrvas völlig Fremdes. So lebten denn die Juden in den ersten vier Jahrhunderten n. Chr. friedlich und ungestört unter den frenrden Völkern." Nach Erwähnung der Hadrianischen Zeit, der einzigen „Drangsalperiode" unter den römischen Kaisern, fährt Schleiden fort: „Schwer genug war diesem Volke seine Bildungszeit geworden, unter bitteren Leiden waren sie zu einem reinen innigen Gottvertrauen und zur strengen sittlichen Zucht erzogen worden, und diese beiden Güter mußten hinfort, wie sie das Unterscheidungsmerkmal von allen anderen Völkern waren, auch das Band der Einheit unter ihnen werden." .... „Ohne Heimath wurden sie geborene Kosmopoliten, hielten aber gleichwohl überall unverbrüchlich die Landesgesetze, wie es ihnen die Propheten und die späteren Lehrer eingeschärft hatten. Schon sehr früh hätten sie sich in allen Weltgegenden angesiedelt und „kamen überall durch Geschicklichkeit, Sparsamkeit und Mäßigkeit bald zu großem Wohlstände." Die erste eigentliche Judenverfolgung ging ,im fünften Jahrhundert von den Persern aus. Die Verfolgung durch Mohammed blieb auf ihn selbst beschränkt, „und wo unter Mohammedanern die Juden belästigt wurden, erfuhren sie doch als Menschen eine viel mildere Behandlung, als unter den Christen ...., die eigentlichen Scheußlichkeiten der Judenverfolgungen, jetzt fast acht hundert Jahre anhaltend, treten erst unter den Christen auf." Den Ansang machten die Byzantiner; der Hauptschauplatz des furchtbaren Dramas ist jedoch das Abendland geworden. Das tolerante heidnische Rom ist zum intoleranten christlichen Rom geworden, und selbst die Reformation, was Schleiden allerdings unerwähnt läßt, vermochte die falschen Vorurtheile gegen die Juden nicht zu beseitigen. Wie Luther sich aus den Klammern eines fanatischen Judenhasses nicht frei machen konnte, so hatte selbst im Jahrhundert der Aufklärung ein Herder sich nicht die Mühe genommen, durch ein genaues Studium der Geschichte der Juden sich über ihre Vergangenheit genügend aufzuklären. An einer Aeußerung Herders sucht der Verfasser zuerst darzuthun, wie oberflächlich über die Juden geurtheilt worden. „Ich beginne mit der Aeußerung Herders, die zwar in nichtssagender Unbestimmtheit, doch kaum an der Stelle, wo sie steht, etwas Anderes bedeuten kann, als daß Herder der Meinung ist, es sei von jeher die Natur der Inden gewesen, mit alten Kleidern hausiren zu gehen. Es giebt noch mehr Leute, die so unwissend sind, solche Anschauungen zu hegen und für richtig zu halten. Einem Theologen, wie Herder, der doch seine Bibel kennen sollte, sind sie eigentlich gar nicht zu verzeihen; bei einem Manne aber, der so viele Bände vollgeschrieben hat, daß er die Menschen glauben machen könnte, er sei ein Historiker, sind sie noch viel weniger entschuldbar" —. Dem gegenüber weist der Botaniker Schleiden, der die geschichtlichen Thatsachen wie die Erscheinungen in der Statur sorgfältig prüft und beobachtet, dem Faden der Geschichte folgend, nach, daß die Juden schon in der biblischen Zeit geschickte Handwerker waren; nur die wenigen an der Küste wohnenden Stämme trieben Großhandel. Das Gesetz, keine Zinsen zu nehmen, machte die Geldgeschäfte in Palästina unmöglich?) Der ursprüngliche Charakter eines ackerbauenden und Handwerke treibenden Volkes blieb den Juden auch in der Zerstreung bis ins späte Mittelalter. So wurde Spanien, nach der Eroberung durch die Araber fast entvölkert, hauptsächlich von den herbeigerufenen Juden in Besitz genommen und wieder cultivirt. (Es wäre wohl menschenfreundlich, diese Schilde- ') Joöl's Gutachten über den Talmud haben den Verfasser vollständig überzeugt, daß dieses mosaische Gesetz später auch auf Nichtisrae» ' liten ausgedehnt und möglichst eingehalten worden.

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