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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-04-17 · N° 16 u. 17 (17.4.1878) · p. Seite 124

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 16 u. 17 (17.4.1878)
Date
1878-04-17
Page
Seite 124 (sequence 2)
Language
German
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— 124 Handel und Gewerbe. Auch da wird von dem „verderblichen i Einflüsse" der Juden recht viel gesprochen, aus seinem Fache oder Erwerbe möchte Jpder sie hinausdrängen, alles ihm Mißfällige ihnen zur Last legen, wenn sein Mund auch sonst von Toleranz, Nächstenliebe und religöser Freisinnigkeit überfließt. So könnten wir aus der unmittelbasten Gegenwart heraus noch sehr viele und verschiedenartige Klassen von Feinden namhaft machen. Aber wie das Wort der Pesach-Hagada: „in jedem Zeitalter ist man aufgestanden uns zu vernichten" — nicht niedergeschrieben ist, um uns die Festfreude zu stören, sondern um durch den Nachsatz: „aber Gott hat uns errettet", uns zu erheben, so werden wir auch in der Gegenwart durch den Gedanken erfreut, daß doch viele Trefflichste, die nicht zu uns gehören, dennoch im besten Sinne des Wortes unsere Freunde sind. Das Wort Josua's muß aber auch inmitten Israels selbst seine Anwendung finden, und es will da wohl erwogen sein, während wir nach außen hin allerdings nicht lange zu prüfen und zu erwägen brauchen, um die Antwort auf die Frage: bist du Freund oder Feind? zu finden. Wir können nicht alle zu uns rechnen, die in dem Sinne die Unsrigen sind, daß sie als unsre Stammesbrüder gelten müsien. Sie gehören allerdings gewissermaßen zu uns, die Andern rechnen sie zu uns, nnd selbst wenn sie ihre Religion und ihre Abstamniung verleugnen und auf's Ausdrücklichste und Förmlichste sich von Israel losgesagt haben, so wird man sie doch Juden nennen, wenn man ihnen übelgesinnt ist, wenn man ihnen Uebles Nachreden, wenn man Haß und Verachtung auf sie bringen will, oder wenn sie Beides verdient haben. Man wird sie dann Juden nennen und zu uns zählen. Aber wir thun das nicht, wir sparen die Frage: „gehörst du zu uns?" An wen können wir überhaupt noch diese Frage richten? Der Mann, an den Josua herantrat, hatte das blanke Schwert in der Hand. Das ist ein wesentliches Zeichen. Es handelt sich natürlich in dieser Anwendung nicht um leibliche Waffen, aber wir sehen doch, daß die Zeit des Kämpfens und der Abwehr für uns noch nicht vorüber ist. Wer sich an diesen Kämpfen noch betheiligt, wer nicht von fern steht als gleichgiltiger Zuschauer, wer nicht mit mitleidigem Achselzucken auf seine Stammesbrüder blickt, sondern die Waffe des Wortes zur Abwehr ergreift, wenn er Schmach. Hohn und Lästerung aussprechen hört, den können wir wohl noch zu den Unsrigen zählen. Im entgegengesetzten Falle können wir die Frage sparen. Es gibt auch solche, die nicht blos schweigen, sondern gar mit einstimmen, wenn Israel und seine Religion verlästert wird, die da zeigen wollen, daß sie sich nicht getroffen fühlen, und daß sie über das, was man jüdische Vorurtheile und jüdisches Unwesen nennt, erhaben sind. Und ebensowenig, wie diese, können wir solche zu uns zählen, denen das Judenthum in ihnen selbst zuwider ist, so daß sie es als ein Unglück betrachten, in ihm geboren zu sein, die es tragen wie ein körperliches Gebrechen, oder im etwas befferen Falle, wie Jemand Armuth und Kummer mit Ergebung trägt. Wir erkennen diese Klasse daran, daß sie sich von der Religion, der Gemeinschaft mit den Brüdern fern hält, daß sie ihre Kinder der Religion Israels entfremden, wenn auch nicht gerade durch ausdrückliche Uebersührung derselben in ein anderes Lager- Wer zu uns gehören will und soll, der muß sich mit Freuden zu uns bekennen. „Lob Gottes ist in ihrem Munde und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand." Wer dies Schwert trägt, daß er sich in Gott freut, der ihn Seinem Bekenntniß zuführte, von dem können wir annehmen, daß er zu uns gehört. Ein Ausspruch unserer Weisen berechtigt uns dann, daß wir nicht engherzig und ausschließungs lustig seien. Sie sagen: „wer auf seinem Lager das Selr'rnn jigratzl betet, der hat das scharfe Schwert in seiner Hand." Wer das Bekenntniß des Einzigen noch ausspricht, den können wir schon fragen: „gehörst du auch in Wirklichkeit noch zu uns?" Man möchte wohl erwarten, daß die Weisen sagen sollten: wer sich laut und öffentlich zu dem Einen und Einzigen bekennt — aber sie sagen nicht so, sondern: wer nur ini Herzen, im Innern das Bekenntniß hegt —. Das liegt allerdings von jeder Exclusivität recht weit ab. Es gilt aber auch nur festzustellen, daß wir einen Stammesgenosstn nicht von vorn herein, ohne Frage abweisen, als Feind betrachten müffen. Israel war, nach bekanntem Midrasch, schon beim Auszuge aus Egypten in Parteien gespalten. Das Wiegenfest der Nation ist gewiß nicht dazu da, daß wir uns unter einander Streit und Feindschaft verkünden, sondern daß wir uns sammeln, ralliiren, wie der militärische Ausdruck lautet. — „Gehörst du nicht ganz zu uns, so gehörst du zu unseren Feinden" — den Ausruf hörten wir jetzt in Israel sehr oft, immer häufiger, da die vollkommene Eintracht und Uebereinstinunung in allen Dingen nun einmal verloren gegangen ist. Da nennt der Chassid denjenigen „Widersacher" und Feind, der nicht an seinen Rebben glaubt, und die Gegner des Chassidisnms haben die Bezeichnung „Feinde" auf- und angenommen und rühmen sich derselben. Feind nennt man da und dort jeden, der das Hebräische grammatikalisch lernen und lehren, der irgend eine menschliche vernünftige Sprache sprechen und lernen will während ein allen Gesetzen der Sprachbitdung, der Logik, der Menschenverständlichkeit hohnsprechendes Kauderwälsch heilig oder doch „jüdisch" sein soll, Feind nennen Andere den, der ein nach den Gesetzen der Tonkunst gebildetes Singen im israelitischen Gotteshause hören will, und die „Chorschul" des letzteren nennen jene einen Götzentempel. Dafür überträgt dieser den Feindesnamen weiter, auf Andere. Wir haben der Feinde genug, wir brauchen sie nicht mit der Laterne der Exclusivität unter uns selbst aufzusuchen. Festesgruß und Festesfrieden allen, die noch zu uns gehören wollen! Die Juden vor d. Tribunale Wissenschaft. Von Rabbiner vr. Kusnitzki. Unter obiger Ueberschrift übersandte ich Ihnen im I. 1876 für die israelitische Wochenschrift einen kurzen Bericht über die Schleiden'sche Abhandlung, welche zuerst im October- und Novemberheft der Westermann'schen Monatsschrift erschienen war. Gerade nach anderthalb Jahren bringt dieselbe Zeitschrift von dem gelehrten Verfasser eine neue Abhandlung, die wir als Abzweigun jener größer» betrachten können. Wir haben heute im Aprilheft den er,len Theil der Schrift vor uns, die den Titel führt: „Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter." Wenn dieselbe, wie es sich von einem so tiefernsten Forscher und gediegenen Gelehrten von selbst versteht, auch vieles Reue enthält, so finden wir in ihr doch manche Anklänge an jene erste, was um so natürlicher

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