Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-04-10 · N° 15. (10.4.1878) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 15. (10.4.1878)
Date
1878-04-10
Page
Seite 119 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9582994--3546-9582999
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

$ — 119 — beugung überhaupt nur Gott, aber kein Mensch fordern dürfe. M. verweigerte vielmehr die Kniebeugung nur aus Loyalität, denn sie galt als ausschließliche Ehrenbezeugung für den König und kam nicht dem Minister zu. Dem Haman gegenüber verweigerte sie M. um so hartnäckiger, weil er aus solchem Anzeichen auch bei Haman auf eine gleiche Bestrebung, sich des königlich:« Throns zu bemächtigen, schließen zu müssen glaubte, wie bei dem vorigen Minister. Denn sicherlich waren die beiden Thürhüter, welche cs auf das Leben des Königs abgesehen hatten, nur gedungene Mörder des Ministers, welcher sich nach Ermordung des Königs des Throns und der Herrschaft bemächtigen wollte. Aus welchem Grunde wäre sonst wohl seine Absetzung erfolgt? Warum wählte sich sonst der König in Haman einen Minister aus den niedern Stünden? Weil er glaubte, daß dieser sich mit der hohen Miuisterstelle begnügen werde, ohne nach dem Höher«, dem königlichen Thron, zu streben. Aber darin täuschte sich der König. Haman war womöglich noch ehrsüchtiger und gefährlicher, als rer entlassene Minister. Er strebte voit vornherein nach königlichen Ehren, um das Lolk daran zu gewöhnen, in ihm seinen König zu sehen und den wirklichen König über seine (Haman's) Absichten und sein Verhältniß zum Volke zu täuschen. Der König war wirklich nicht scharfsinnig und weitsüchtig genug, um sich nicht täuschen zu lassen. Er gestattete Haman sogar die ihm unverdächtig erscheinende königliche Ehrenbezeugung. M. dagegen erkannte mit seinem politischen Scharfblicke die verborgene,t Absichten Haman's und war loyal genug, trotz der ihm drohenden Gefahr in hartnäckiger Opposition zu verharren und die Kniebeugung zu verweigern. Wie verrielh doch Haman so deutlich seine verborgenen Herzensgedanken, als er dem Könige rieth, vermeintlich für sich selbst derartige Vorschläge machend, den Mann, welchen der König auszeichnen wolle, dadurch zu lehren, daß er ihm den Königsmantel umhänge, die Königskrone auf's Haupt setze und ihn auf vem königlichen Pferde reiten lasse, also ihn vordem Volke gleichsam selbst als dessen König bezeichne. Der König ahnte auch hierbei noch nicht die iam drohende Gefahr. Die Klugheit und Loyalität Maroechai's mußte ihn zum zweiten Male retten. Di-. Rothschild. Oesterreich. Brünn. Rach dem Rechnungsabschluß der Chewra Kadischa-Kasse pro 1877 betrugen die Einnahmen im abgelaufenen Jahre 8784 fl. 75 kr., weit mehr als im Vorjahre, doch rührt diese Steigerung hauptsächlich von der Mehreinnahme an Grabstellengebühren (71 bezahlten) her. Die Anzahl der Mitglieder der Chewra-Kadischa ist gegenwärtig 372 (darunter 37 neu hinzugetretene) In den verschiedenen Kategorien der Wohlthätigkeit (der Verein unterstützt die Armen auch mit Kohlen, 40 Arme wurden aut Kosten des Vereins beerdigt) wurde die sehr namhafte Summe von 6120 fl. 13 kr. verausgabt, um 1347 fl. 56 kr. mehr als im Vorjahre. Bedeutende Auslagen verursachte die Renovation und würdige Ausstattung der Friedhofs- Halle, die dem Bedürfnisse und den Wünschen der Gemeinde- Mitglieder entsprechend umgestallet wurde. Durch diese außerordentliche Ausgabe war es diesmal unmöglich, in den Reservefond ein Er spar,nß zu hinlerlegen, vielmehr wurde das Jahr mit einen, sehr niedrigen Saldo abgeschlossen. Der Vorstand dankt zun, Schluß insbesondere den Herren Äerzten, die den Armen eine unentgeltliche ärztliche Behandlung angedeihen lassen. Frankreich. Paris. (Aus dem Bericht der „All. Jsr. Un.") Der Bericht des Herrn Cazes an das C. C. über die tunesischen Schulen lautet wie folgt: „Meine Herren! Ihrem mir geäußerten Wunsche gemäß und um Vorstudien zur Ausführung der mir übertragenen Mistion zu machen, habe ich heule d,e hiesigen Talmud-Thora- Schulen besucht in Begleitung von 2 eyrenwertheu Mitgliedern des Bezirkscomil^s von Tunis. a) Tunesrsche Talmud-Thora. Man hatte mrr ein recht düsteres Bild von dieser Anstalt gemacht und ich erwartete nichts Gutes, aber niemals hätte ich mir einen solch schrecklichen Ort vorgestellt. Ich begreife nicht, wie es Eltern giebt, die leichten Herzens die Gesundheit ihrer Kinder zu untergraben gestatten, indem sie dieselben allen den Krankheiten preisgeben, welche aus einem täglich 9 Stunden dauernden Aufenthalt in einem so feuchten und finsteren Local entstehen müsien. Bringen sie dieses schmerzliche Opfer aus Liebe zum Studium? In diesem Falle werden sie wenig dafür belohnt. Kennen sie nicht die Gefahren, die sie ihre Kinder laufen lassen? Ich glaube es gern, auch ist dies ein Grund mehr, daß wir uns mit der Ausführung unserer Aufgabe beeilen, um diese unglücklichen Kinder so bald als möglich dieser Krankheitsquelle zu entreißen. — Gestatten Sie mir, m. H., „ach einander in dieser Anstalt zu betrachten: Das Local, die Gesundheit, die Erziehung und den Unterricht. 1. Das Local. — Nachdem man durch ein Labyrinth von schmutzigen und engen Straßen gegangen ist (ich habe welche gesehen, die kaum 50 Centimeter Breite halten) kommt man oder steigt vielmehr hinab in eine Art von Gang, den man eher Pfütze nennen könnte, wo man nicht geht, sondern im Kothe herunipatscht. Gegenüber vom Eingang ist eine Art von, mit schwarten Rinnsteinen gepflasterte Rische ohne Thür, es ist — der Abtritt. 2. Die Gesundheit. — In einem so schmutzigen und so wenig gelüfteten Schullocal muß natürlich die Gesundheit der Zöglinge geschädigt werden; in der Thal zählt man auf c. 500 Schüler, welche die Anstalt besuch:«, täglich 50 bis 60 Kranke; das ist wenigstens die annähernde Schätzung der Lehrer selbst, die keine Namenslisten führen und keinen täglichen Aufruf machen Diese armen Zöglinge sind im Allgemeinen schwach, elend, abgezehrt, man möchte sagen Phantome, wenn nicht ihre Augen eine merkwürdige und eines besseren Looses würdige Intelligenz uns offenbarten. Ihre Kleidung ist im Allgemeinen schlecht und zerlumpt, viele tragen nicht einmal einen Fez, sondern bedecken den Kopf mit einem Zipttl ihrer Kleider. Eine große Zahl geht baarfuß und diejenigen, welche Schuhe haben, ziehen dieselben aus, wenn sie sich setzen, und stellen sie an den Eingang des Zimmers. Man veranstaltet nicht etwa eine regelmäßige Vectheilung von Kleidern oder Schuhzeug au diese Kinder, sondern von Zeit zu Zeit legt sich irgend ein edler Wohlthäier ein Opfer auf und beschenkt eine Anzahl Kinder mit Schuhen rc.; man hat niir einige Paar neue Schuhe gezeigt, die für die Zöglinge bestimmt waren; es war dies das Beste, was wir in der Anstalt gesehen haben, wie einer der ehrenwerthen Comil6-Mitglieder, die mich begleiteten, bemerkte. Jeden Tag zu Mittag reicht man diesen Kindern trockenes Brot; am Samstag sammelt man in jedem Hause ein Stück Brot und hebt diese Nahrung in einem feuchten und verschlostenen, folglich ungelüfteten Schrank auf. Das Brod ist am Sonntag erträglich, am Montag muß man schon den Schimmel spüren, und was für Dienstag übrig bleibt, märe bester, daß die Kinder es entbehrten. Beim Eintritt in die Zimmer wird man von einem ekelhaften Geruch erstickt, der auch die Gesundheit ruiniren kann, was daher kommt, daß nicht die geringste Vorsorge für Ventilation getroffen ist; die Luft der Zimmer zu reinigen, vertrüge sich nicht mit den Gewohnheiten der Anstalt, wo nichts geändert werden darf. Die Kinder kauern auf den Bänken oder auf der Erde, wo man zum Glück alte Strohmatten ausgebreitet hat. Einige wärmen sich die Hände an kleinen Kohlenpfannen, die sie sich von Hause mitbringen, manchmal nehmen ihnen jedoch die Lehrer, vielleicht aus Liebe zur Gleichheit, die Kohlenpfanne weg und wärmen sich selbst daran. Diese Kinder sind im Allgemeinen unsauber und schlecht gepflegt; ich habe nicht Einen unter ihmn gefunden, der ordentlich gekämmt gewesen wäre. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.