Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 14. (3.4.1878)
- Date
- 1878-04-03
- Page
- Seite 113 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 113 — Feuilleton. Täusch nngen. Eine Erzählung auS der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Fränkel. (Fortsetzung.) Ter Fremde ballt die Faust, seine Augen entzünden sich, er sieht wie ein gereiztes Thier alls. im Begriff, einen Feind zu zermaimerl. Ein kräftiger Fluch fällt von seinen Lippen und auf seinen Wink hört die Arbeit auf; kein Laut, keine Bewegung unterbricht die eingetretene Stille. Außen fallen zwei, drei Schläge auf die Thüre, man hört langsame Schritte, die sich zögernd entfernen und dann beginnt d'rin in der Wohnung der jungen Dame die einen Moment unterbrochene Arbeit wieder. Jetzt ist sie gethan und Hedwig zieht an einer Klingelschnur, deren schriller Ton einen alten Mann herbeiruft. „Sind sie da, Eustach?" „Seit einer halben Stunde." „Unterrichtet, verschwiegen und verläßlich?" fragt der Fremde. „Vollkommen, Herr!" „Führe sie her." Zwei Männer, eine Tragbahre, mittelst deren man die Kranken in das Spital abholt, tragend, treten ins Zimmer und bleiben an der Thüre, während der alte Diener die auf dem Boden zerstreuten Packele sorgfältig in die Tragbahre legt, indem er die Stücke laut zählt und mit dem Raum möglichst ökonomisirt. Nach Beendigung dieser Arbeit überreicht der fremde Herr ihm einige Banknoten. „Du belohnst ste, folgst in einiger Entfernung und beobachtest scharf. Auf dem Wege ins Spital schwenken die Leute links ab und bringen ihre Last in das Dir bezeichnete Kloster. Bis Du hinkommst, bin ich bereits dort und nehme die Stücke in Empfang." Drei Männer entfernten sich. Im Zimmer herrschte die frühere Ordnung. „Hedwig," sagte der alte Herr, „binnen einer Stunde werden unsere Leute hier beisammen sein; bis dahin hoffe ich jede Gefahr beseitigt zu haben, dann wird das Gericht tagen. Richte hier die Spiel- und Theetische, daß im Fall einer Ueberraschung die Gesellschaft den Charakter eines Privatcirkels habe." Eine Stunde später standen sie alle beisammen im Salon der jungen Dame, die Männer, die die Geschicke Polens in Händen hatten, die Träger einer genial angelegten, mit Hingebung und Zähigkeit durchgeführten Bewegung, der die Bewunderung einer Welt zu Theil geworden und die die ganze Energie und Truppenmacht einer gewaltigen Regierung herausforderte. Schlichte Männer in der einfachen Tschemera, meist in der ersten Blüthe des Lebens stehend, voll Intelligenz und Kraft. Eine Assemblse geistigen Adels, die Essenz des polnischen Patriotismus nnd Heroismus! Zwei Spieltische waren in die Mitte des Salons geschoben und mit Spiel- und Rauchrequisiten bedeckt worden, der Samowar dampfte in einer Ecke, als ob die Männer hier in dieser tiefernsten Zeit nichts Besseres zu thun hätten, als Kurzweil im Spiel zu suchen! Hätte die russische Polizei dieses Eine Zimmer erobert, es wären ihre Schlachten erspart worden! Der alte Mann mit der Schramme auf der Stirn. Graf Kronowski, bildete das Centrum; um ihn standen die übrigen Herren im Halbkreise, Hedwig an der Seite des Grafen. Es herrschte ein feierliches Schweigen. „Meine Herren," begann der Graf, „ich hielt es für unerläßlich, Euch hier zu versammeln, um Euch ein Ereignitz von großer Wichtigkeit mitzutheilen, das uns zu zermalmen drohte, dem wir nun aber, Gottlob! glücklich ausgewichen sind. Eins unserer Mitglieder hat uns verrathen!" Ein Schrei der Entrüstung entfuhr der Versammlung. „Als wir vor dreißig Jahren Revolution machten, hat ten wir den Muth, das Selbstvertrauen und den Ehrgeiz, unsere eigenen Befreier zu sein; wir wollten unsere Stricke mit eigener Hand zerreißen, nicht aber sie von Mäusen zernagen lassen. Ihr, die jüngere Generation, habt die Juden in Euer BüNdniß ausgenommen, dadurch den Verrath in unsere heilige Sache gebracht und sie gefährdet. Fräulein Hedwig Bvljowska — ich klage sie dessen an — hat einen jungen Mann, Karl Holdheim, in unser Geheimniß und in unsere Organisation gezogen, hat ihm unser Vertrauen gewonnen und ihm zum Lohn für seine Liebe zu einer der obersten Rangstufen verholfen." „Sie verleumden, Graf!" rief das Mädchen heftig, ohne unter dieser Anklage und den vielen Blicken, die sich vom Specher auf sie richteten, zu erröthen. „Ich kenne nur Eine Liebe, der ich mein Herz öffnete: die zum Vaterlande; alles Andere ist nur Mittel zum Zweck. Wenn ich Karl Holdheim emporhob, wenn ich ihn in unsere Mysterien einweihte, wenn ich ihm in unserm Kultus eine Priesterstelle einräumte, wenn ich ihm freundlich entgegenkam, ja Liebe heuchelte und Aussichten eröffnete, so geschah es im Interesse unserer Sache, der ich, mein Geschlecht verleugnend, mich widmete, wie ein Mann, wie der Muthigste von Euch, so geschah es zum Wohl unseres Vaterlandes, dem wir gemeinsam dienen. Dank Meinem Kunstgriff hat Holdheim uits ersprießliche Dienste geleistet : er hat Getd und Waffen und Uniformen Herbeigeschaft, eine Buchdruckerpresse angelegt, hat unsere Proklamationen verbreitet und uttjere Beziehungen zu Paris und Dresden vermitteln geholfen. . . ." „Um uns zuletzt vollständig zu verratheu und um so sicherer dem Feinde überliefern zu können," siel der Graf ein. „Ich fahre fort, meine Herren. Jener Mensch, der unglücklicher Weise unser Räderwerk kennt, steht in einem intimen Verkehr zum Generalgouverneur. Es ist mir rapportirt worden, daß Holdheim heute im Schloß gesehen wurde; er hatte eine lange Unterredung mit dem Fürsten und verließ später den Vorsaal in Gesellschaft eines Polizeibeamten, von dem er sich im Hofe nach gewechseltem Händedruck trennte, um eilig nach Hause zu fahren " „Holdheim?" fragt einer aus der Versammlung. „Holdheim, derselbe. Es liegt mir ein Bericht unserer eigenen Polizei vor. Als ich dies erfuhr, dachte ich zuerst an unsere Sicherheit, um uns und unsere Sache gegen Verrath zu schützen. Ich eilte ins Kloster der *** und verständigte mich mit dem Prior. Das Kloster gehört nun uns; es hat geheime Gänge und dunkle Verließe: dorthin schaffte ich das Archiv und die Kasse, die hier nicht mehr sicher sind, weil sie der Verräther hier weiß; ich habe sie durch verläßliche Leute in einer Bahre hintragen lassen; sie sind bereits gut aufgehoben. Erscheint nun hier die Polizei, so findet sie ein ausgehobenes Nest und wir dürfen mit voller Beruhigung den fallenden Streichen unseres ehrenvollen Kollegen entgegensetzen und vor allem über den Mann unser Urtheil fällen. Tod aus Verrath!" „Tod auf Verrath!" lautete der Chor der Patrioten. „Weil wir eben nicht schlimmer strafen können!" fährt der Graf fort. „Gäbe es einen zehnfachen Tod, ich würde ' ihn dem Verräther bestimmen, der eines schnöden Lohns, einer kleinlichen Eifersüchtelei, einer weibischen Geschwätzigkeit wegen, die im blutigen Schweiß eines ganzen Volks gethane Arbeit, das mühsam im Laus schwerer Jahre gereifte Werk, die unter Seufzern, Klagen und Thränen einer geknechteten Nation gezeitigte Frucht der Vernichtung überliefert und einen Moment vor dem Sieg eine Niederlage heraufbeichwört!" Die Aufregung der Versammlung war eine steigende. Hedwig konnte sich eines leisen Fröstelns nicht erwehren. Das Weib ist vor Allem Weib. „Verurtheilen wir nicht ohne Verhör," warf sie schüchtern ein; „der Verbrecher muß gehört werden und fände sich auch Niemand unter uns, der seine Vertheidigung übernehmen wollte: es muß ihm gestattet werden, sich selbst zu rechtfertigen." (Forts, folgt.)