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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-03-27 · N° 13. (27.3.1878) · p. Seite 105

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 13. (27.3.1878)
Date
1878-03-27
Page
Seite 105 (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Täusch un gen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.) „Wenn die Juden darauf ihr Heil gründen, bedaure ich sie. Doch zugegeben, daß sie Euch Eure Hingebung lohnen," sagte Gortschakoff ironisch, „sie werden Euch in allen ihren Städten, in ihren bis jetzt unentweihten Gassen aufnehinen, sie werden Euch, statt den Fuß auf den Rücken zu setzen, den Bruderkuß geben — glaubt Ihr, es werde jemals der Zahltag kommen, daß die Polen ihren gewaltigen Sieger besiegen und hier in diesem Reiche, wo der russische Adler horstet, ihr Banner auspflauzen werden?" Der Fürst richtete sich auf. „Mit einer eisernen Hand werde ich die Polen packen," sagte er, „ich werde ihre Kraft zermalnien und ihre Bestrebungen lähmen. Mas je eine Waffe trug für's Vaterland, je ein Lied sang oder ein Gebet flüsterte, je einen Gedanken hegte von Freiheit und Unabhängigkeit, wird ausgeroltet werden! Dorthin, wo das Leben aufhört und die Natur in Eisklumpen zusammenrinnt, werde ich Jene einbetten, die jetzt brennenden Kopfes entgegenrennen. Ich werde ihren Wohlstand vernichten, Polen in ein großes Gesängniß verwandeln und ein fürchterliches Gericht halten über die Schuldigen!" „Durchlaucht", sagte der alte Mann, eingeschüchtert durch die Heftigkeit, in die der Generalstatthalter verfiel, „ich bitte, zu bedenken, daß ich nicht meine Gesinnungen vertrat. So denkt die Jug?nd und Unerfahrenheit. Gewiß die Illusionen werden zerrinnen." „Beim ersten Kanonenschuß, der in Warschau einschlägt, ich weiß es, aber dann wird die späte Reue nichts mehr fruchten, dann wird der Richter sprechen und der Henker arbeiten Um eben dies Blutvergießen zu ersparen und meine Gefängnisse für gefährlichere Verschwörer frei zu halten, habe ich Sie herbestellt. Nun wissen Sie, um was es sich handelt. Sie haben Verstand, Erfahrung und Einfluß, handeln Sie nach Einsicht." Und damit verabschiedete der Statthalter den alten Mann, der rücklings die Thür erreichte, außen von giftigen Blicken Jener empfangen, die als Anhänger der polnischen Sache glaubten, der Jude habe den Fürsten irgend einen Hochverrath hinterbracht. In der Antichambre des Fürsten wartete ein mit Orden reich dekorirter Polizeibeamler aus das Erscheinen Holdheim's. Kaum seiner ansichtig geworden, ergreift er ihn heftig am Arme und zieht ihn in den dunkelsten Winkel des weiten Saales. „Sie kennen mich nicht mehr?" redete er ihn an. „Nein Herr," erwiederte Holdheim, sein Gesicht prüfend. „Ich habe eben hier erfahren, daß der Mann d'rin im Kabine! des Statthalters Holdheim heiße, ehemals in Wilna lebte, einen Sohn und eine Tochter habe und in der X. Straße wohne. Ist es so?" „Fa." „Folgen sie mir." Unten im großen Hofraume angelangt, fuhr er fort: „Sie kannten einst einen Beamten der Bank, der in Folge eines telchlsinnigen Lebens eine bedeutende Geldsumme unlerschiug und am Vorabend einer ungesagten Kasfisconttrung voller Verzweiflung zu Ihren Füßen stürzte. Ihnen weinend seine Lage schilderte und um Hilfe flehere, die sie ihm voller Eoelmuth und Hochherzigkeit augenblicklich bewilliglen?" „Das mar Herr Kurrloff." „Der bin ich und schätze mich glücklich, jetzt die Wohlthat zu vergelten, die Sie mir damals in so hohem Grade erwiesen. Ich habe eben eine Entdeckung gemacht, die mir das Schicksal Ihrer Familie in die Hand gibt. Sie haben mich vor fünfzehn Jahren gerettet, ich rette Sie jetzt." „Ich verstehe Sie durchaus nicht," betheuerte Holdheim verwundert und erschrocken. „Keine Verstellung, Freund, Sie sehen, daß ich es wohl meine. Ich hätte die zufällig gemachte Entdeckung an hoher Stelle rapporliren, mir eine reiche Belohnung oder Beförderung holen und Sie an's Beil liefern können. Daß ich es nicht that, möge Ihnen als Beweis meiner aufrichtigen Geneigtheit dienen." „So wahr mir Gott helfe, ich weiß nicht, was Sie andeuten wollen." „Sie wissen nicht, daß im Betlokale Ihres Hauses eine geheime Presse arbeitet, von Ihrem Sohne, Ihrer Tochter und einem ehemaligen Buchdrucker der ärarischen Druckerei bedient?" Holdheim kam es vor, als ob der Boden sich zu seinen Füßen öffnen würde. „In meinem Hause?" ruft er, „mein Sohn? meine Tochter?" „Stille, um Gottes Willen! Eilen Sie nach Hause. Feuer kann Alles vernichten. Seien Sie rasch. In einer Stunde erscheint bei Ihnen die Polizei." Und damit eilte der Beamte fort und Holdheim stürzte in höchster Angst in seinen Wagen. Aus dem Hause seines V tters eilte Karl, das Herz und den Kopf voll, zu Hedwig, um ihr die Berufung des alten Holdheim zum Statthalter mttzutheilen und sich an ihrer Liebe und ihrem Heldenmulhe aufzurichten. Die Thüre war verschlossen. Getäuscht und mißmuthig trat er den Rückweg an. Er fühlte sich unbehaglich, der Kopf brannte ihm, die Pulse arbeiteten, gewilterschwer schien ihm der Himmel über seinem Haupt zu hängen und eine Krisis im raschen Anzug zu sein. Schon auf halbem Wege kehrt er um, abermals klopfte er an die Thür seiner Geliebten — vergebens und mit gesteigertem Mißmuth verließ er endlich das Haus, um heimzukehren. Hedwig aber hatte Karl's Klopfen gehört und ihn gesehen, doch antworlele Sie nicht. Leise und rasch setzt sie eine Zerstörungsarbelt fort. Ihr hilft gleich emsig ein Herr, auf dtssen Haupt sechzig Jahre ihren Schiiee abgelagert haben. Sein wellergebräuntes Gesicht trägt tiefe furchen und eine dicke Schramiiie zieht sich qaec über seine hohe Stirn. Das Auge blitzt stechend und katt wie ein Dolch, dem man ausweicht, wenn man nicht ui's Herz getroffen sein will. Das kurze stramme Hauptgaar, die vuschigen Brauen und der wildwuchernde, graumelirle Bart aus der dicken Over tippe tragen wenig zur Lubachkeil einer Erscheinung bei, der man sich ungern liäherit inöchle. Beite Personen und beschäftigt, geheime Fächer und Behälter zu leeren, Papiere, Gelder, Karlen, Pmne und Waffen in Kisten, Chalvullen und Reiiekoffer zu packen und alsdann jede Spur von Unordnnng zu verwischen. Zuweilen unlerbrrcht Heowlg ihre Al bell, um durchs Fenster nach allen Rlchtungen zu blicken, und wenn sie sich velgew ffert hat, daß keine Störung zu besorgen sei, kehrt sie wieder zu ihrer Beschäftigung zuruck, r^ßi Röhren auf. die in der hohlen Wand eingebettet liegen, p.un.nrt wohmeiwahrte Kästen und Schränke, die sie n«ch vollvrachter Räumung in den alten Stand zu brrngeil sucht. Als sie elnma wieder an das offene Fenster tritt, um zu rekognoszrl^n, schnellte sie vestrg zurück „Holbheim!" ruft sie mit valbnnleraruckier Summe ihrem Besuch zu. „Er kommt?" „Er tritt etuii ms Haus." (Fortsetzung folgt.)

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