Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 13. (27.3.1878)
- Date
- 1878-03-27
- Page
- Seite 104 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 104 — Strecke Weges gefahren waren, fing der Soldat mit ihm zu zanken an, daß er zu langsam fahre, und versetzte ihm einen Stoß, daß er vom Wagen fällt. In der Meinung, daß derselbe nun tobt sei, stürzt er sich auf die Frau und auf das Kind." Der Kerl wurde sofort verfolgt und auch ergriffen und bekannte kaltblütig die That, indem er sagte: „Ich habe mich nur geübt, die Türken gut schlagen zu können. Er wurde vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt, jedoch zu 15 Jahren Zwangsarbeit begnadigt. Aus Dresden lasen wir in Nr. 45 Ihres Blattes den Brief des Herrn v. Stahl. Dieser gute Herr fällt mit größter Wuth über die Juden her, weil in vielen christlichen Journalen das Gerücht ausgesprengt war, daß General Tolleben jüdischer Herkunft sei. Er thut damit den Juden in Rußland ein doppeltes Unrecht, denn es mag wohl sein, daß Juden in Deutschland, Frankreich, England sich eine Ehre daraus machen, wenn ein gelauster Jude oder ein Abkömmling von solchen eine bedeutende Rolle spielt. Die vernünftigen Juden werden auch dort über solche Thorheit hinaus sein; in Rußland aber kann davon gar keine Rede sein. Hier stolzieren und prahlen die Juden mit der Verwandtschaft eines Gelehrten, auch wohl eines Chassidim- oder Wunder-Rebbe, aber daß ein Meschummed oder einer von solcher Herkunft General geworden wäre, ist ihnen ganz gleichgültig. Der beste Beweis, daß die Juden ein solcher Herr ganz und gar nicht interessirt, ist der bekannte Diplomat beim (russischen) Reichskanzler; der soll ein getaufter Jude sein, wie bekannt, (Hamburger), aber kein Jude denkt daran, damit zn stolzieren. Das andere Unrecht des Herrn v. Stahl ist dieses. Es ist wahr, daß das Gerücht über Totleben hier herumläuft, und daß damit ein feindlicher Streich beabsichtigt ist, ist noch richtiger. Der kommt aber nicht von Juden her, sondern von den Stockrussen, ächten Russen. Diese sind sehr unzufrieden und neidisch darüber, daß so viele Dignitäre von deutscher Herkunft sind. Mehr als einmal lesen wir in den Zeitungen: „statistische Berechnungen ergeben, daß es unter hundert russischen Dignitären mehr als 43 Deutsche giebt, also beinahe die Hälfte" — und mehr als einmal hören wir wieder von Stockrussen, wenn ein Mann deutschen Namens schnell emporgekommen ist: „Er ist von Juden". Was will also der Mann von uns?! (Der Herr Correspondent fügt noch einige Bemerkungen gegen das Stahl'sche Schreiben hinzu, doch wäre demselben zuviel Ehre erwiesen, wenn man jetzt noch darauf zurückkäm e.^ Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Von hier ist mitzutheilen, daß der Magistrat von jedem neu anziehenden Bekenner jüdischen Glaubens den Vorstand der SynagogewGemeinde unter Bezeichnung der Steuerstufe, zu der derselbe veranlagt ist, Kenntniß giebt. Wien. Hier weilt einer unserer unglücklichen türkischen Glaubensgenossen aus Lom Kalanca. Er erzählt Schreckliches von den Schandthaten der Bulgaren. Er erhielt auch neuerdings ein Schreiben aus seiner Vaterstadt mit weiteren herzzerreißenden Nachrichten. Die Bulgaren haben dem Schochet beide Augen ausgestochen und beni Synagogendiener eine halbe Hand abgehackt. Das sind die edlen Dulder, welche Rußland von dem Joche der Ungläubigen befreien mußte. (Wien. Jsr.) Pest. Der Wunder-Rabbi Wiechel Jankef Alter Noay, welcher bekanntlich hier inlernirt wurde, ist durch das Beregßüßer Gericht von dem ihm zur Last gelegten Vergehen frergesprochen worden. Es ist konstatirt, daß derselbe nächst Jerusalem gebürtig und sonach wirklich türkischer Unterthan sei. Vorläufig bleibt er bis zur weiteren Entscheidung des Ministers des Innern noch inlernirt. Paris. Zur Beobachtung des am 6. Mai stattfindenden Merkur-Durchgangs hatte der Unterrichts-Minister eine Creditforderung gestellt, deren Bewilligung jedoch durch den Gang der Ereignisse verzögert worden ist. Da nun die Sache keinen Aufschub duldet, so har man sich an die Liberalität des Herrn R. Bischoffsheim gewendet, welcher für die zwei zur Beobachtung nach Amerika zu sendenden Gelehrten die Summe von 30000 Fr. zur Disposition gestellt hat. (Arch. Jsr.) London. Die Gesellschaft für die hebräische Literatur hat die zweite Serie der von ihr zu veröffentlichenden Werke herausgegeben. Es sind wieder wie im ersten Jahre drei prächtig ausgestattete Bände erschienen, von denen der eine wieder eine Zusammenstellung verschiedener Abhandlungen enthält. So wie aber speziell dieser Band (herausgegeben von Reo. A. Löwy) seinen Vorgänger in der ersten Serie daran übertrifft, daß letzterer lediglich Uebersetzungen bekannter und jedem zugänglicher Abhandlungen rc. enthielt, während der diesmalige Band mehrere werthvolle Neuheiten bringt — so glauben wir nach einem flüchtigen Einblick, daß überhaupt das in diesem Jahr Gebotene die Leistungen des ersten Jahres ganz bedeutend übertrifft. Eine eigentliche Besprechung ist hier nicht am Platze, einige kurze Notizen glauben wir doch auch hier mittheilen zu sollen. — Es enthält also der angedeutete Band vermischter Stücke zunächst die Uebersetzung von Kayserling's „Manaffe Ben Israel," dann eine Vorlesung von Benisch über Prophetenschulen, einen Theil von Halevy's „Reisen in Abyssinien,* welche bisher noch nicht veröffentlicht waren und Jbn Esra's ebenfalls noch nie veröffentlichten kurzen Commentar zu Daniel, Text und Noten, sowie Varianten aus mehreren Manuscripten. Außerdem noch zvei kleinere Stücke. Der zweite Band enthält Essays über die Schriften Jbn Esra's von Dr. M. Friedländer, dazu einen Anhang bisher unedirter Schriften desselben, worunter wir insbesondere eine ganz selbstständige Recension der berühmten Einleitung zu I. E.'s Pentateuch-Commentar hervorheben. Daran schließt sich der dritte Band: eine kritische Ausgabe von Jbn Esra's Commentar zu Jesaias mit Benutzung von 6 Manuscripten. Ohne hier ein Urtheil über Dr. Friedländer's Essays abgeben zu können, dürfen wir denselben doch eine hervorragende Bedeutung zuerkennen und möchten hiermit die Leiter der Gesellschaft gebeten haben, hauptsächlich diesen Band continentalen Lesern zugänglich zu machen uub gütigst angeben zu wollen, wie der Bezug dieses Bandes (oder auch der ganzen Serie) zu bewerkstelligen sei. Bukarest. Herr Goldenthal in Jassy hatte auf seine Kosten ein zu einer Alter-Versorgungsanstalt bestimmtes Haus erbaut. Dasselbe war eben vollendet, als die russische Armen- Jntendanz dasselbe zu einem Hospital geeignet fand und Herrn Goldenthal als Miethe auf 6 Monate 8000 Fr. bot. Dieser hat jedoch das Anerbieten nicht angenommen und das Haus der -rumänischen Armee unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Derartige Beweise von Patriotismus haben die rumänischen Blätter vielfach registrirt, leider scheint der Erfolg, den man erwarten sollte, eine bessere Gesinnung gegen die Israeliten, sehr fraglich. So wurden z. B. Israeliten, welche sich zum Eintritt in die Bürgergarde gemeldet hatten, abgewiesen und gestrichen mit der ausdrücklichen schriftlichen Erklärung, „weil sie Israeliten seien." (Arch. Jsr.) In Quillty (Jlls.) verschied vorige Woche die dortselbst seit einigen Jahren bei ihrem Schwiegersohn wohnhaft gewesene Wittwe des Naturforschers und Volksschriftstellers E. A. Noßmaeßler. Sie wurde aufs Prunkloseste unter zahlreicher Betheiligung zur Erde bestattet, und ihrer ausdrücklichen letztwilligen Anordnung gemäß hielt Rev. Jsaac Moses, der dortige jüdische Prediger, die Grabrede, die auf sämmtliche Freunde und Verehrer der Hingeschiedenen den ergreifendsten Eindruck machte. (Deb.) In Newyork ist die Missionsgesellschaft zur Bekehrung der Juden in die Brüche gegangen, sie hat ihre Zahlungen eingestellt und der einzige noch dagebliebene Misfionair sitzt wegen Fälschungen im Gefängniß.