Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 13. (27.3.1878)
- Date
- 1878-03-27
- Page
- Seite 103 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 103 — mit Applaus förmlich überschüttet und mußten sowohl^ die Ouvertüre als auch die besten Nummern der Oper auf stürmisches Verlangen wiederholt werden. An demselben Tage trat auch der berühmte ungarische Tragöde Moritz Neville, der sich im vorigen Jahre auch hier in Hannover als ausgezeichneter Shakespeare-Darsteller viele Lorbeeren erworben hat, im Queens-Theater in London vor einem englischen Publikum als „Othello" auf und errang in dieser Rolle ebenfalls einen durchschlagenden Erfolg. Oesterreich. Brünn, im Februar. Der Vorstand des mähr.-jüdischen Waisenhüfsvereins stattet über das Jahr 1877 Bericht ab, und wir entnehmen demselben folgende beherzigenswerthe Worte: „So groß und lebhaft das Interesse und die Theilnahme war, welche dem mähr-jnd. Waisenhilfsvereine zur Zeit seiner Gründung im Jahre 187 t von unseren hiesigen Glaubensdrüdern entgegengebrachl wurde, so sehr ist leider seither Theilnahmlostgkeit und Gleichgiltigkeit bei den Mitgliedern desselben eingetreten. Diese bedauerliche Thatsache hat einerseits ihren Grund in der Ungunst der Zeitverhältnisse, anderseits in der Unkenntniß von der Thätigkeit und Wirksamkeit des Vereines. E^ ist wahr, daß die ursprüngliche Intention bei Begründung des Vereines, aus die Erbauung eines Waisenhauses hinzielte. Allein die Ausführung dieses Vorsatzes war bisher unmöglich, weil dem Vereine die Mittel fehlen, ein Waisenhaus zu erbauen und gleichzeitig die Anstalt zu erhalten. Dagegen hat sich die seit 4 Jahren eingeführte, externe Pflege der Waisenkinder in Familien und zumeist bei den nächsten Angehörigen als eine sehr ersprießliche und segensreiche Erfüllung des Vereinszweckes bewährt, in so eminenter Weise, daß diese Art der Waisenversorgnng der internen Pflege in einer geschlossenen Anstalt vielleicht gar vorzuziehen ist. Die Waisen bleiben gewöhnlich bei ihren Müttern, entbehren nicht der Pflege ihrer natürlichen Beschützer, erhalten jährliche Erziehungsgelder (in Brünn 80 fl.) und stehen noch überdies unter Aufsicht von hiezu bestellten Waisenvätern reip. -Müttern, so daß ihre leibliche Pflege, sowie ihre geistige und moralische Bildung uno Erziehung sich der bestmöglichen Fürsorge und Obhut ei freute. Hierbei ist es möglich, einer verhältnißiiräßig weit größeren Anzahl von Waisen die Wohlthaten des Vereins zukommen zu lassen, da hiemit gar keine Verwaltungskosten verbunden find, während die Erhaltung einer Waisenanstalt, ganz abgesehen von den Zinsen des investirlen Baucapitals, einen ungemein kostspieligen Apparat erfordert. Der Verein hat dermalen 33 Kinder in seiner Pflege — eine Anzahl, die noch vermehrt werden könilte, wenn die anfänglichen Gönner des Vereines demselben nicht untreu geworden wären. Ebenso wäre eine Erhöhung der Erziehungsgelder in vielen Fällen sehr angezeigt. Nach dem Cassaausweise pro 1877 betrugen die Einnahmen 4222 fl. 29 kr., die Ausgaben 2235 fl. 82 kr. Der Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben wurde zum Fonds hinzugeschlagen, der überhaupt gemäß einem älteren Beschlüsse der Generalversammlung so lange zu vermehren sein wird, bis eine Realiiirung des Waisenhauses möglich werden wird." Zum Schach richtet der Vereins-Vorstand sowohl an die ursprünglichen Subscribenten, als an alle Wohllyäter und Menschenfreunde die eindringliche Bitte, dem Vereine ihr Wohlwollen zuwenden und ihm sowohl jährliche Beiträge als milde Spenden widmen zu wollen. Frankreich. Paris. (Bericht der „Alliance Jsr. Univ." für Febr.) Der Bericht für das II. Semester 1877 ist in franzöiischer Sprache erschienen, die deutsche Ausgabe wird in den nächiten Wochen zur Versendung gelangen. — Neue Malglteoer find nn Februar angemelvet in Paris 360 — darunter 12 aus Bahia — in Liegnitz 45. Der erste Theil des Berichts enthält weitere Mittheilungen über die Israeliten in der Türkei, fpeciell aus Conftantinopel über das Elend der dort angelangten Flüchtlinge und die ihnen geleistete Unterstützung. Man hat^bereits.in politischen Blättern (z. B. in der „Köln. Zeit.") Schilderungen der Art gelesen; die Leiden, welche die Unglücklichen während der Eisenbadnfahrt erduldet haben, spotten jeder Beschreibung. Die Comites haben das Menschenmögliche geleistet, Hr. Veneziani hat seinen Namen für alle Zeit in das Verzeichniß der hingebensten Menschenfreunde eingetragen. Indem wir von der Mittheilung von Auszügen aus diesem Theile des Berichts Abstand nehmen, werden wir in der nächsten Nr. eine längere Schilderung folgen lassen, welche Hr. Cazes über den Zustand des jnstsch.-n Schalwesens in Tunis für das C.-C. entworfen hat. Paris (Ein Brief Ad olf E rem i eux'.) Die Arader Ehewra Kadischi hat in ihrer jüngsten Generalversammlung den Präsidenten der Alliance israelite universelle in Paris und Senator der französischen Republik, Herrn Adolf Cr6mieux, in Anerkennung seiner unvergänglichen Verdienste um die Verbesserung der bürgerlichen und politischen Rechtsstellung der Juden aus dem ganzen Ecoenrunde und um die sittliche und geistige Erhebung des Judenlhnms zn-n Ehrenmitgliede ernannt und ihm diese Ernennung durch ein vom Herrn Ober-R lbbiner Steinhardt in hebräischer Sprache verfaßtes, kalligraphisch prachtvoll ausgestattetes Ehrendiplom kundgegeben. In Folge dessen hat nun Herr Cr6mieux an den Arader Ehewra Kadlscha-Borstand eine Zuschrift gerichtet, dir in getreuer Uebersetzung aus dem Französischen folgendermaßen lautet: „Meine lieben und sehr geehrten Religionsgenossen! Kaum finde ich Worte, um Ihnen zu sagen, wie gerührt ich war, von dem hochehrenden Beweise Ihrer Werthschätzung. Sie haben mich zum Mitgliede jenes israelitischen Vereins ernannt, der seit nahe zwei Jahrhunderten Ihrem Ung rrlanoe ein heh - res Beispiel von warmem Patriotismus und religiöser Tugenden bietet. — Ich bin nun berufen, Theilnehmer zu sein an dieser Ehewra Kadischa, die ihren Namen sowohl durch die Brüderlichkeit ihrer Mitglieder, als durch die Heiligkeit der Gefühle, die sie verbreitet und einflößt, so glänzend rechtfertigt. Mit gerührtem Herzen und warmer Anerkennung nehme ich diese hohe Ehre an, die Sie mir erwiesen, und erfreut, ja beglückt fühle ich mich bei meinem hohen Alter, Freunde in Ihrer Mitte gefunden zu haben, die zwar getrennt durch die Entfernung, mir doch so nahe stehen durch die Gefühle., d-e uns vereinigen. Geben Sie mir stets Nachricht von ihren Handlungen und gestatten Sie mir dadurch gewissermaßen ln Ihrer Milte zu leben, insolange es unserm lieben Gott gefällt, mich noch auf Erden zu taffen. Genehmigen Sie, geliebte und hochgeschätzte Religionsgeuossen, den Ausdruck meiner besondern Hochachtung und Verehrung. — Ver > ailles, im März 1878. Ihr ergebener Adolf Cr6mieux, Präsident der „Alliance israelite universelle." Rußland. 8. Warschau, 7. März. (Or -Corr.) In politischen Blättern, sowie in Ihrer Zeitung Nr. 42 v. I. lasen wir aus Kiew von Krawallen und Prügeleien, denen dort Juden von Seiten russischer Rekruten ausgesetzt feien. Als Grund wird angegeben, daß jeder neuangeworbene christliche Soldat auf diese schöne Art fein G ück in der neuen Crrriere probieren wolle. — Hier ist jedoch Traurigeres vorgekommen. Bor zwei Monaten fuhr eine ung ückliche jüdische Frau mit lhiem sechsjährigen Kinde und einem fünfzehnjährigen jüdischen Fuhr mann eine Meile vor Warschau. P.ötzlzch hä.t sie an, denn ein russischer Soldat bittet, ihn eine Strecke Weges mitfaaren zu lassen, und die gutherzige und unschuidige Frau erlauol aus Mitleid dies dem Menschen. Eine Stunde später trafen Reisende den Wagen leer, die unglückache Frau toDt, mit 20 Stichen verwundet, und das Kind fast ganz in Stücke zerfleischt. Der Junge war an verschiedenen Stellen genochen und lag ohnmächtig in seinem Blute. Als er wieder zur Besinnung gekommen war, erzählte er Folgendes: „Als sie eine