Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 12. (20.3.1878)
- Date
- 1878-03-20
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
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95 Palästina. Achtzehn Verwünschungen spricht Jesajas aus, er kommt erst zur Ruhe bei den Worten: Es erfrecht sich der Bube gegen den Greis und der Verworfene gegen den Ehrwürdigen. (Jesaj. 3,19. Talmud Chagiga.) L. Jerusalem, 19. Adar I. (Or.-Corr) Der edle verehrte Greis. Sir Mose Moutefiore, hotte in seinem warmen Eifer für das Wohl unseres Volkes kaum vernommen, daß die hohe Pforte auch unsere Brüder in das Heer aufnehmen, den Juden volle Freiheit und gleiches Recht gehen und den dazu Geeigneten unter uniern Brüdern Ehrenstellen in der Landesverwalrung übertragen wolle, als er auch alsbald erkannte, wie nölhig es sei, daß die israelitische Jugend arabisch, die Landessprache, erlernen und dadurch in Zukunft ihre Lage verbessern könnte. Er ließ daher den Vorstehern der Talmud Thora millheiten, daß sie auf seine Kosten einen ^Lehrer anstellen möchten, der den Knaben mindestens eine «stunde täglich Unterrlchl im Arabischen ertheilen solle. Er sendete zu tiefem Zw-cke alsbald eine Anweisung auf 100 Pf. St. auf ein halbes Jahr pränumerando. Ebenso sendete er 70 Pf. St. an die Lehrerinnen der jüdischen Mädchenschule, bamit auch an dieser ein Lehrer für das Arabische angestellt würde. Wer sollte sich nicht zu Dank und Segen gegen den Edlen verpflichtet fühlen! Aber es wird leider aus der Sache Nichts werden. Es haben viele einsichtsvolle Männer Hierselbst sich wohl sehr über die Sache gefreut; die Häupter und Rabbiner unserer Stadt erkaiinlen, daß dies gut und zeitgemäß sei. Sie mielhelen noch in derselben Woche als Lehrer einen Deutschen, der hier als brav und fromm bekannt ist, um mit den reiferen Zöglingen täglich eine Stunde Arabisch zu lernen und zeigten alsbald dem Herrn Montefiore an, daß fein Wunsch erfüllt sei. Tie hier wohnenden Ungarn (d. h. ohne Zweifel die zur Chaffldimsekte gehörigen Red), die von crassem Fanatismus erfüllt und außerdem als gewaltthätig, frech, dünkelhaft bekannt sind, die, wenn der zelotische Wahn sie ergreift, vor nichts zuluckbeben, die unter der Maske des Glaubenseisers und der Gottesfurcht Jeden schlagen, fluchen, lästern und in Bann legen, der ihnen nicht zustlinml und die hier bestndlichen Karl ner Chassidlm, die jenen in allen Stücken gleichkommen und sie noch übermssen — mit ihnen Thoren und Freche, die sich großiuachen wollen — endlich, als Anhang zu diesen, Leute, die da wissen, daß sie mit Recht anrüchig lind und nun „das Füßchen ausstrecken" wollen, um zu zeigen, daß sie fromm und glaubenseisrig sind — alle diese Hallen kaum von der Sache gehört, als sie Lügen in der Stadt verbreiteten. Die Vorsteher der Talmud-Thora, an ihrer Spitze der hochgeehrte Rabbi Kahana, Rabbiner von Haslowch, Oberhaupt der Jeschiwa Ez-chaj>m hätten vor, (so sagten sie) hier „Scoles" zu gründen, worin die Jugend Philosophie, srentde Sitten und dergleichen lernen solle. Es müsse daher jeder, der Jude sein wolle, Alles aufbieten, um dies Verderben von unserer Stadt abzuwenden. Die Reben dieser Leure fanden alsbald Eingang bei denjenigen, welche ohne eigenes Nachdenken Alles glauben, ferner ba denjenigen, welche erst vor nicht langer Zeit hier eingewandert sind und m'rt Schmerz in vielen Städten des Auslandes geiehen haben, wie die jungen Leute, welche fremde Sprachen und Wissenschaften zu lernen beginnen, bald die Religion verlasseri und alles Heilige verachten. Aber diese Leule begreifen nicht, daß die Beweggründe, welche im Auslanöe zur Jrreligiönlät fuhren, hier fehlen. Denn auch die Nicht Juden hängen bier au allein Alien und Hergebrachten ~“ ieoei reiigiöie Gebrauch ist ihnei» heilig Auch beoachlen die Gegner und Leichtgläubigen Nicht, daß es sich blos um den Unieriichl im Arabischen handle, in einer Sprache, in der es weder philosophische (?) Werke, noch Romane uno Novellen gnbl, welche die Jugend verfuhren konnten, daß firner der berufene Lehrer, abgeiehen von seiner bekannten Frömmigkeit, weuer nichts von Sprachen und Wissenschaften kann, als die arabische Sprache, welche er inZder jüdischen Schule zu Damaskus in seiner Jugend erlernt hatte. Daß endlich die Leiter und Aufseher der Schule strenggläubige Männer sind, welche nicht um ein Haarbreit von Satzung oder Sitte abweichen werden, olles dieses begriffen die Thoren nicht und sie füllten alsbald die Stadt mit ihrem Toben. Am Freitag Abend P. Theruma vor dem Abendgebet kam der für die Talmud-Thora angestellte Arabisch-Lehrer in seiner Unschuld in das Belh Hamidrasch der ungarischen Gemeiirde zum Gebet. Schnell wurde er umringt, gestoßen und hinarlsgedrängt, der Schreiber des Kolel Jesaia Ures, schlug ihn jämmerlich, so daß er die Flucht ergriff. Allerdings ist dieses Beth Hammidrasch schon oft der Ehre theilhast geworden, daß es in demselben Schläge gegeben hat. — Die Ungarn sind dazu allezeit bereit. Vor 4 Jahren wurde dort der Herausgeber des Habazeleth mißhandelt, weil er für den Dr. Hildesheimer in Berlin, den ein gewisser Akiba Josef niit Schmähungen, Flüchen und Lästerungen überhäufte, eingetreten war. Ebenso im vorigen Jahre, als der Bruder des berühmten Rabbiners zu Kowno am Sabbath zu Mincha in dies BethauS trat und Kadisch sagen wollte, fiel Beer Zwebner über ihn her und schlug ihn, weil er Kadisch sagen wollte. Jetzt geschieht dies nun zum dritten Male. Die Karliner Chassidim wollten an Eifer hinter den Ungarn nicht zurückstehen, und nachdem sie an dem Sabbath bei einem der Ihrigen ein Hochzeitsgelage gefeiert hatten, drangen sie in das Haus des Rabbiners von Haslowitz, und Einer rief ihm mit gewaltiger Stimme zu: „Höre zu, Du Haslowitzer, Du sollst schön zureden, daß inan keine Schkoles macht, sonst. (Folgen 2—3 Zeilen scheußlicher Flüche im widerwärtigen Jargon.) Die Frau des Rabbiners, welche die Tobenden bat, ihren Mann in Ruhe zu lassen, weil er krank sei, wurde von ihnen geschlagen, und der geängsligte Mann versprach, ihr Begehren zu erfüllen — Run glaube der Leser nicht, daß alle jene Eiferer fromm und von Jugend auf gottessürchlig seien; ich weiß von Leuten, die sie von Ungarn her kennen, daß dem nicht so ist! So ist der eben genannte Beer Zwebner allerdings ein Sohn des hochberühmlen Rabbiner von Kobelsdorf — „Essig Sohn des Weines". (Es folgen einzelne Angaben über Z. und Andere, die wir weglassen, theils weil unser Correspondent sie nur nach fremden Mtlthellungen giebt, theils weil die Personen unseren Lesern sehr gleichgültig sind.) Von diesen Männern gilt das Wort des Propheten: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse" rc. rc. Man bedenke auch daß diese Leute zum Theil deutsch und ungarisch lesen können, Zeitungen und Bücher lesen, auch solche, welche Romaue uiid Novellen enthalten — aber was sie sich selb st erlauben, wollen sie andern verbieten! — Am Sonntage veranstalteten dann die Häupter der Stadt eine Versammluiig. Die Ungarn kamen, fluchten, lästerten, schrieen und weinten; mit ihnen jeder Thor, der sich hier den Ehrenmann eines „Eiferers" erwerben wollte. Man verlangte, daß die Aufseher der Talmud-Thora das Geld alsbald an Montefiore zurücksenden sollten, denn er halte bestimmt, daß dieses geschehen müsse, wenn nicht Arabisch unterrichtet würde. Zwebner wurde zunl Glück entfernt, sonst hätte es auch hier Schlägerei gegeben. Die Vorgesetzten in der Stadt sind zumeist alte, schwächliche Leule, wissen auch zum Theil die edle Absicht Moniefiores nicht zu würdigen, weil sie ittchl wissen, welche Ehrenstellen unsere Regierung denjenigen geben würde, welche sich zuförderst durch Kennlnlß der Landessprache dazu befähigt zeigen würden, diejenigen aber, welche eine Einsicht in diele V rhältnisse haben, wurden mchl zur Versammlung gerufen. So wurde denn beschlossen, baß von Arabisch in der Talmud-Thora kern Wort inehr geredet werden dürfe. Die Versammlung dauerte von Vormittag bis lief in die Nacht; was so lange Zelt hindurch verhandelt wurde, da ja alle einig waren, weiß ich nicht; mau pörte jedoch fortwährend Schreien und Toben. Zum Schluß kam der oben erwähnte Ures und schrie: „Ihr seid alle Böiewichler, Jungazes und noch ärger,