Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 12. (20.3.1878)
- Date
- 1878-03-20
- Page
- Seite 93 (sequence 3)
- Language
- German
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— 93 Ein eigenthümliches Zusammentreffen war es, daß in derselben Sitzung die Stadtbehörden eine Adresse an den Kai'er beschlossen, worin dieselben sich über eine Aeußerung des Jttiuznlinisters Leonhardt im Herrenhaus (gelegentlich der OberlandesgerichtS-Tedalle: „die Gesellschaftsklassen leben in Magdeburg sehr getrennt und von einer geistigen Atmosphäre für die Justizbeamten ist in M. keine Rede") beschwerten. Wenn der Herr Justizminister die angedeuteten durch die „Magd. Zeit." sehr gemilderten Darlegungen des Stadtschulraths, der den Standpunkt des Magistrats zu vertheidigen sich bemühte, lesen sollte, wird er schmunzelnd sich sagen: Es ist d o ch etwas faul in der geistigen Atmosphäre Magdeburgs! Man hofft hier — und mit gutem Recht — daß der gesunde und humane Sinn der Majorität der Stadtverordneten sich nicht auf den exclusiven Standpunkt des Magistrats, sondern auf den der Parität und Toleranz stellen werden. Aus dem Großherzogthum Hessen, im März. (Or.-Corr.) Sehr oft passrrt es, daß Mancher sehr entrüstet ist über Ungerechtigkeiten, die man seiner Meinung nach gegen ihn begeht, und vergißt, daß er selbst solche bei der ihm dargebotenen Gelegenheit nicht unterlassen hat. Der Redacteur des „Israelit" liefrrt uns zu dieser Behauptung einen eclatanten Beweis. Wüthend stel er über den Redacteur dieser Zeitung her, weil derselbe die Nachricht über das Wechseln der Ringe bei einer Trauung mit Erlaubniß des Herrn Dr. Lehmann auf nahm und nicht deren Aufnahme ohne Weiteres, weil sie gegen einen Orthodoxen gerichtet war, zurückwies; und er vergaß, daß er ebenfalls eine falsche Nachricht, trotzdem deren Unwahrheit ihm von verschiedenen Seiten bezeugt wurde, nur auf die Aussage seines Correspondenten oft wiederholt hat. Wir erinnern ihn an die Beschneidungsgeschichte in Düsseldorf. Mehrere Male ist ihm versichert worden, daß er falsch berichtet würde, und er ließ sich nicht vom Schimpfen zurückhalten, sondern richtete sich nach dem Ausspruche des Königs Salomon, auf den er Bezug nahm. Aber „ja Bauer! das ist ganz was anders", jener ist ein Breslauer, gegen den man (ein Orthodoxer) sich so was erlauben darf, nicht aber gegen einen Unfehlbaren. Deshalb geriet!) der Rabbiner aus Mainz in große Aufregung, ließ sich zu sehr unpassenden Aeußerungen hinreißen, wie z. B. „Alt-Weiber-Geschwätz", und dachte nicht an das bekannte Wort »£1)22 Ssisn ^2 SoiS- Denn wahrhaftig alle seine in dem betreffenden Artikel vorkommenden Redensarten paffen für ein Marktweib, aber nicht für einen Rabbiner. Wir bedauern daher sehr tief die Handlungsweise eines Mannes, der als Leiter einer frommen Partei gelten will, indem wir in seinem Blatte den sittlichen Ernst, der bei einem wirklich frommen Rabbiner erwartet wird, vollständig vermissen, seine ganze Schreibweise ist so burschikos, daß sie einen ernsten Mann anwidert. Woher soll aber der Ernst bei ihm kommen, da er sich zu früh m seiner Jugend noch bei unreifem Verstände in den Kampf gestürzt hat. Seine jugendlichen Gesinnungsgenossen klatschten ihm wegen seiner gemachten Kosackenstreiche Beifall, welches ihn übermülhig machte und er erlangte nicht den Ernst, den man bei einem Manne im reifen Alter antrifft. Hätte er aber statt Novellen zu schreiben -,^2 nSD gelesen rf'bW’ ni22^n rri2in und bergt, studirt, so hätte er wahrlich sich bessere nV7D angeeignet. Es sollte uns aufrichtig freuen, wenn wir dazu beigetragen haben sollten, den Nedactenr des „Israelit" zu veranlassen, künftig seine Kampfweise zu ändern, daß sein Styl anständiger würde. Hanau, 13. März. (Or.-Corr.) Es war an einem trüben Winlertage, an einem Sabbatmorgen, dem achten Tage des Lichtsestes, als ein zerlumpter Pole init einen» ziemlich weiten Ueberwurfe umhüllt, scheu und in bangem Harren um sich herblickend, vor dem Synagogenthore umherschritt, leise dasselbe öffnete, die Almosenbüchse am Eingänge der Synagoge abriß, das silberne Thoraschild sich aneignete und langsam wieder die stillen Räume und die menschenleere Straße verließ, nachdem er bedächtig das Thor und die Thüren wieder zugemacht hatte. Er eilte nach dem Bahnhöfe, setzte seine Reise nach Frankfurt a. M. mit dem eben abfahrenden Bahnzuge fort, veräußerte in genannter Stadt seinen Raub, und nun war der saubere Patron verschwunden, ohne weitere Spuren seines Daseins irgendwo zurückzulaffen. Wir haben über diese traurige Angelegenheit in diesen Blättern schon berichtet, und kommen heule nur deßhalb darauf zurück, um das Finale dieser Tragödie Ihren Lesern nicht vorzuenthalten. Der wieder in den Besitz der Gemeinde gekommene genannte Thoraschmuck wurde bei einem Händler in obengenannter Stadt wieder aufgefunden, und da dieser, wie es hieß, die Kostbarkeiten bona fide gekauft haben soll, so wurden ihm von der hiesigen Gemeinde für seine sorgsame Handlung fünfzig Reichsmark treulich als Belohnung erstattet. Das Mischnawort “DtM KBin (der Sünder wird gar belohnt) hat sich also in optima forma erfüllt, und Käufer und Beraubte reiben sich wohl vergnügt die Hände. — Trotz dieser rührenden Freuden werden Beide sich nicht mehr solche angenehme Stunden wünschen, und jeder wiro fortan auf seiner Hut sein und darauf Bedacht nehmen, daß solche Erlebnisse sich nie mehr wiederholen werden. Dixi. Oesterreich-Ungarn. Prag, im März. Die Repräsentanz hat zum erstenmal einen Bericht über das Armenwesen der israel. Cultusgemeinde durch den Druck veröffentlicht. Derselbe umfaßt das Jahr 1877. In der Einleitung wird über die betreffende Armenpflege im Allgemeinen Folgendes gesagt: „Wenn auch die staatliche Pflicht der Armenversorgung der politischen Gemeinde obliegt, so kann sich die Cultusgemeinde derselben doch nicht ganz entschlagen, weil die Obsorge der ersteren sich nur auf die extremsten Fälle erstrecken kann und weil andererseits die Uebung der Wohlthätigkeit eine religiöse Pflicht ist, die nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gesammtgemeinde bindet. Dankend müssen mir hier vor Allem des regen Wohlthätigkeitssinnes unserer Gemeindegenossen gedenken, welche nicht nur die Wohlthätigkeitsanstalten der Gemeinde im reichlichsten Maße unterstützen, sondern auch an zahlreichen Privatvereinen sich betheiligen, die besondere Richtungen verfolgen und so mitunter eine sehr ersprießliche Wirksamkeit entfalten, während andrerseits nicht verkannt werden kann, daß bei geringerer Zersplitterung der Kräfte und größerer Concentration derselben vielleicht Bedeutenderes geleistet werden könnte. Theorie sowohl wie Erfahrung sprechen für eine einheitliche Leitung des Armenwesens.*) Dieser Forderung zu genügen, hat die Repräsentanz im Verlaufe der letzten Jahre mehrere Zweige der Armenversorgung, die bis dahin von verschiedenen Commissionen besorgt wurden, einer einzigen, der „Armencommission" übergeben. Diese Commission erstreckt ihre Wirksamkeit auf die Unterstützung verschämter Hausarmen, welche sich in momentaner drückender Nothlage beftnden, auf Spenden an durchreisende Arme, auf die Vertheilung jener Spenden, welche von Privatparteien der Commtssion übergeben werden, um dem nur zu lästigen Hausbettel zu entgehen, ferner auf die rituelle Verköstigung an den Öfters eiertagen, am Rüst- und Ausgangsabende des Versöhnungslages. Dieser Commission ist auch die Vertheilung der Brennmaterialien an Nothdürftige übertragen, sowie die Leitung der Bikur-Cholim-Anstalt, welche arme häuslich behandelte Kranke unentgeltlich mit den nöthigen Medikamenten versorgt. Nebstbei begutachtet diese Commission auch alle Ge- *) Wir halten diese Bemerkung für sehr wichtig und beherzige ns werth. Das Streben nach Autonomie jeder noch so kleinen Bereinigung hat im jüdischen Gemüth tiefe Wurzeln, ist auch in mancher Beziehung heilsam und lobenswerth, aber daß in Hinsicht auf Armenpflege die in der Gemeinde bestehenden Vereine u. s. w. ohne Einigung und Gemeinsamkeit wirken, ist ein großer U e b e l st a n d! Es erhält dadurch der Eine Unterstützung aus vielen Kassen, der Andere geht leer aus. Es ist nicht gerade nöthig, daß die Verwaltung der verschiedenen in einer Gemeinde bestehenden Wohlthätigkeitskassen centralisirt werde, aber eine Communication und gegenseitige Information ist nothwendig — und diese fehlt, wie wir aus Erfahrung wissen, in vielen größeren Gemeinden. (Red.)