Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 11. (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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— 85 femtt, gar manche verworfene Subjecte. Erst in diesen Tagen hat sich herausgestellt, daß ein in Schw. angestellter Rusjss zu Hause eine Frau mit einem Kinde hatte iitzen lassen.. Allerlei erschwerende Umstände, die ich theils nicht anführen mag,^ theils auch noch nicht klar angeden kann, kommen noch hinzu. Die Frau koimnt nun nachgereist, verlangt Ausnahme oder Echeidund Die Sache macht natürlich in einem kleinen Orte Aufsehen, und bei unseren Mitbürgern kann die Achtung vor unserer Religion durch solche „Religionsdiener" natürlich nicht erhöht werden. Bei nnö in der Pfalz ist aber seit Jahrzehnden das Berhältniß zwischen Juden und Christen durchweg ein freundliches, ganz anders als in vielen Strichen in Rorddeutschland. Darum wollen wir aber auch die Achtung unserer Mitbürger um eines Hergelaufenen willen nicht auf's Spiel setzen! Und das Allerschlimmste ist, daß, wie wir uns aus inauchen Aenßerungen überzeugt haben, es in jenen russ. Gegenden uichl einmal für sonderlich schlecht und schimpflich gehalten wird, das Weib sitzen zu lassen. Oesterreich-Ungarn. Stanislan, im Febr. (Or.'Corr.) (Rom und Rebbe.) Ueber die traurigen, und schäudlicheil Vorgänge in Sniaty n haben die Journale berichtet. Ich habe den Bericht des „R. Wien. Tagebl." im „Israelit" Nr 6 wiedergefunden mit allen seinen Fehlern und Entstellungen?) Denn wenn ich auch Unrichtigkeiten in Nebensachen übergehen will — Sniatyn ist z. B. kein kleines Dorf, sondern eine ziemlich bedeutende Stadt — so ist doch die Darstellung der dortige,t jüdischen Zustände ganz falsch. — Der Berichterstatter schreibt: „Zur großen Bekümmerniß des dortigen, nnnmehr verstorbenen Rabbiners war der Samen der Anikiärnng auch bis zu dieser entlegenen Ortschaft gedrungen u. f. w. Die Chaffidim oder die Altgläubigen standen den Reformirten als „unversöhnliche Feinde gegenüber." Das ist nicht richtig, in Suialyu gibt es durchaus keine reformirten Juden, sie wissen dort nichts von „Aufklärung". Ferner ist der Satz: „Zur großen Bekümmerniß des dortigen, nunmehr verstorbenen Rabbiners" n. s. w. sehr dunkel; welcher Rabbiner ist hier gemeint? Der letzte dortige Rabbiner, mein Cousin, der gottselige Jonas Aschkanaie, kann iiichl geineint. sein, weil derselbe ans Sniatyn aus den Klauen der vielen hadernden Parteien nach vielei, Leiden glücklich herauskam und ilach Prseworsk als Rabbiner berufen wurde, allwo er nach einigen Jahren verschied. Sein Streben während seines Aufenthaltes giitg nur dahin, die Ruhe in ferner Gemeinde zu erhalten, was jedoch unmöglich war wegen der verichledeneii Seclen unter den Chaffidim selbst, nicht aber wegen irgend erner „reformirten" Partei, welche in Sniatyn nicht existiil. Zur Erläuterung der Sachlage mag Folgendes dienen. In Gaiizreil giebl es zweierlei Rabbinen. Jede jüdische Gemeinde hat einen Rabbiner, der der eigentliche Seelsorger feiner Gemeinde nt, Schaalolh entscheidet, auch in Rechtssachen (rmn p*T) lein Unheil fällt, Traunngeii und Scheidlingen vor- Nlmml. Dreier heiß: deiai jüdischen Pnbliknm „Row". Diese Nabb-nen >ino nieistens gelehrte Talmudisten, gottesfürchlige ^eute; sie leben nieist in sehr dürftigen Verhältiilssen, weil ihr Elnkonimen kaum zur Bestreitung der nöialgen Lebensbedürfnisse hlnrnchl. Die zweite Sorte voll Rabbineii besteht aus Leuten, die rilcht ihrer Gelehrsamkeit wegen geachlel werdtN. son dern wegen ihrer angeblichen „Heiligkeit" Eulen solchen R bbiner der Chaiildinl nemu man „Reb be". Er har nicht nur in selneiii Wohnorte fnne Verehrer, svnderii airch in anderen Orlen. Jeder, der zu ihn, koninil, überreicht umi einen Zellet, auf we.chem der Name des Ueberbriirgers und inner Multec bemerki i>t, sainml Geld, je nach Vermögen Solche Wallfahrten macht der Anhänger eines Rebbe einige Mal im *) Unser Blatt hatte ebenfalls m Nr. 6 einen kurzen Auszug aus dem Bericht poiu. Zerrungen gebracht, fflit h tten aber ausoruckilch Hervorgehaben, daß die B zeichnung der >^xceoen-en als „Nefor.njnoen" ganz satsch sei. Der „Israeiu" hat diese Bezeichnung belvebaiten, es paßt ihm, oie Tovlschiäger atv Nesormer hinzustellen, obgleich t)r. Leh- »nann sehr gut weiß, daß Mrsnagoun, Gegner des iLha>siül>chen Götzendienstes, durchaus keine ReformjudlN jii'j. (Reo.) Jahre, auf Neujahr, Chanuka, zu den zweiten Festtagen von Ostern und zum Wochenfeste. Diesen Rabbinen geht es recht gut, sie thun nichts, leisten nicht das Mindeste lind doch haben sie Alles im Ueberflusse. Denn außerdem, daß die Chaffidim zu ihrer Wallfahrt dem Rebbe das Zettelchen iammt Geld geben, geht'keine Gelegenheit vorüber, wo man ihn nicht beschenkt. Verheirathe! der Rebbe eines feiner Kinder, so strömen von allen Seiten Geldgeschenke herbei; will er sich ein Hans bauen, so giebt jeder der Chaffidim seine Beisteuer; will er>im Sommer ein Bad besuchen, so wird das Geld dazu gleich geschafft, obwohl er vollkommen gesund ist und nur zum Vergnügen und uni zu prunken eine Reise in die kostspieligsten Badeorte unternimmt. Die Chaffidim verlangen von ihrem Ortsrabbiner, dem Row 2">, daß er ihre Meinung lheiie mnd mit ihnen znm Rebbe fahre, um ihm die Honneurs zu machen Die meisten Ortsrabbiner leisten Widerstand, weil sie es gegen TDD minn hallen, dem Redde zu huldigen, denn dieser ist selten gelehrt, weder in profanem Wiffen, noch in religösem; man sagt nur, daß er in feinem immer verschlossenen Kabinet viel bete und Kabbala lerne, während ein Ortsrabbiner seine talmudischen Kenntnisse offen zeigt. Aber auch in religiöser Beziehung hält sich der Row für frommer als der Rebbe, weil er von Niemand für seiire Fröninrigkeit Geld ninr>nr. In Galizien haben sich diese „heiligen Leuchten" nittnp) sehr vermehrt, „so viel Städte, so viel Götzen," nach der Klage des Propheten; dadurch wird die Stellung der Ortsrabbiner sehr verschlimuiert; denn hätte dreier in seiner Gemeinde Anhänger nur eines einzigen Rebbe, so würde ec sich allenfalls dazu verstehen, demselben den Hof zu machen, wenn aber in einer Gemeinde Chaffidim von mehrerert Secten verhandelt sind und verschiedenen Heiligen huldigen, und jede Seele haßt den „Heiligen" der anderen, indem sie behaupten, nur ihr Rebbe sei der einzige Heilige, dann ist der Rabbiner in einer unerträglichen Lage. So sind nun in der Gegend von Sniatyn vier Heilige, nämlich tn Wizintz wohnt der Revbe Menoali, zwei Meilen von ihm wohnt Jacob Samson, in Sadagora Abrahm Jacob, in Starastnitz Rcbve Alter, und diese verleiben seit einer Reihe von Jahren den Rrbbinern der Gegend, wie in den Städten: Kolomea, Smalyn, Pistin. Koffoiv, Kulty, Wiznitz, Jab.anow das Leben. Viele sind vor Kränkung gestorben, viele mußten ihre Stellung aufgeben und blieben stimmt ihren Familien brotlos. Rur diejenigen Rabbinen konnten sich behaupten, die durch irgend eine Sippschaft mit diesen verwandt waren, was wenigstens soviel bewirkt hat, daß Die Chaffidim weniger gegen ihre Radblnen ausgehetzt wurden. (Schluß f.) Frankreich. Paris. Die Ernennung des Grand-Rabbin Isidor zum Offizier der Ehreulegtou wird vom „Evenement" wie folgt beiprochen. „Ich gralulire der Regierung zu diesen» Akt der Billigkeit, der zugleich von Festigkeit zeugt. Es giebt in Frankreich noch fanatische und beschränkte Geister, welche die Juden in eure Art von Ghetto züruckwersen möchten, es fehlte iiichl viel, so würde man sie als Parias behändem. Gegen diese ungeheuerliche Ungerechtigkeit protestiren die Arbeitsamkeit, die Freisinnigkeit, welche die Israeliten in Frankreich auszeichnen Ihre Zahl ist nicht groß, und wenn man so sehr mit U)iun rechnet, so geschieht das, weil sie seit langer Zeit gelernt haben, nur aus sich selbst zu rechnen. Die Revoluiiün hat die Inden rehabillt>rt, rüdem sie das Volk emancipirre; sie sind der lebeirdige Beweis, von der bürgerlichen Gleichheit und der Gewissenssrelvelt. Die B.fförderung des Herrn Isidor gehört nun in diesen Jdeenkreis. Der Grand- Rabdin war würdig als Priester und als Mensch. Er ist eine hohe Intelligenz, ein eifriger Arbeirer, ein Herz von Gold (ohne häßrlches WorlspieJ. Mehr als ein armer Christ würde die Mudlhüngkeil des hoben rsrie.tuschen 'Würdelrägers bezeugen köniren " — Das Bemerkenswerthe an diesem Arrckel, der von dem Chef.eoacteur des „Evenement" unter-