Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 11. (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9582956--3506-9582959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 85 — sein, daß es an einem kleinen Versuch, sozusagen an einem Wink, daß man auch dergleichen in Mw habe, nicht gefehlt ha^ Der Hofprediger Stöcker hat in Abrede gestellt, daß die Partei eine Judenverfolgung beabsichtige. Da ihn Niemand darüber angeklagt hatte, so hätte er an die alte Fabel denken und schweigen sollen. Daß er dann von der Börse gesprochen bat, kann man ihm bestens zu Gute halten, denn es steht einein Hosgeistlichen sehr wohl an, wenn er von Börsengeschäften gar keine Vorstellung und Ahnung hat, also darüber nur Anderen nachzusprechen vermag. Er hat weiter, wie bekannt, einen großen Trumps damit auszuspielen gedacht, daß er behauptete, die Socialdemokraten agitirten nur darum nichl gegen die Juden, weil Lastalle ein Jude gewesen sei. Es ist fast unbegreiflich, daß der Redner nicht bemerkt hat, wie nah eine Entgegnung liegt, die man ihm hier machen kann. Herr Stöcker weiß ja, daß die Socialdemokraten oft genug Lassalle den Christus ihrer Partei genannt und wiederum Christus zu einem Socialdemokraten gemacht haben. Wenn sie also um Lasialle's willen die Juden in Ruhe lasten, so üben sie wenigstens die Tugend der Dankbarkeit, die Herr Stöcker nicht übt, da ja Jesus jedenfalls Jude gewesen und unbedingt viel mehr als Ferdinand Lassalle. Indessen sorgen die Christlich.Socialen selbst dafür, daß sie sehr bald abgewirthschaftet haben werden, ohne Zweifel noch viel schneller als die Agrarier, die man jetzt schon zu den Todten werfen darf. In einem Aufsatz des „Staats- Socialisten" (des Blattes dieser Partei) vom 2. d. M., betitelt: „über die Begründung eines künftigen christlichen und Bekämpfung des herrschenden römischen Eigenthumsrechts, wird in Betreff des Eigenthums an Grund und Boden in nackten Worte» die Behauptung aufgestellt, „daß ein Besitz an Grund und Boden, welcher über denjenigen Bedarf hinausgeht, der dem Einzelnen für die selbsteigene Bethätigung behufs Gütererlangung und Erzeugung für seine und seiner Familie persönliche Existenz erforderlich ist," mit der Grundforderung der christlichen Nächstenliebe in Widerspruch stehe, weil der Mehrbesitzende dadurch seine Mitmenschen an der gleichen Geltendmachung ihres Anrechts an Grund und Boden hindere. Es ist unbegreiflich, wie eine Hofpredigerpartei gerade dem großen Grundbesitz gegenüber den nackten Communismus predigen mag. Daß sich dastelbe Princip gegenüber dem Capitalbesitz und jedem über den nothwendigen Bedarf hinausreichenden Vermögen geltend machen läßt, und mithin der äußersten Soclaldemokratie vollständig aus der Seele geredet ist, liegt ja auf der Hand. Bisher hat man geglaubt, das Christenthum lehre — wie das Judenthum —: wem Gott mehr gegeben habe, als er braucht, der habe die Pflicht, den Armen mitzutheilen, aber nicht mit ihnen zu theile n. Daß in den Evangelien sich Stellen staden, aus denen sich das Letztere ableilen läßt, und daß communistische Seelen lich von jeher auf das neue Testament berufen haben, ist freilich bekannt, aber daß diese Theorie von Hospredigern empfohlen wird, ist wirklich originell, und so kann man nur sagen, daß diese Leute sehr schnell an den Punkt gekommen sind, den man mit dem Satze zu bezeichnen pflegt: „Wen Gott zu Grunde richten will, den macht er blind." Frankfurt a. M. Die Verwaltung des so überaus wohltätig wirkenden Vereins „Achawa" zur Unterstützung hüssbedürsliger isr. Lehrer und Rabbiner, sowie deren Wittwen und Warfen in Deutschland, veröffentlicht ihren 13. Rechenschaftsbericht, aus besten Vorwort wir Folgendes entnehmen: „Wenrl wir auch nicht Vorkommitiste von hervorragender Dedeulung zu verzeichnen haben, so dürfen wir doch mit Befriedigung aus die verflostene Zeit zurückblicken. Durch untere vereinten Benrühungen und Dank dem edlen Sinne hochherziger Menschenfreunde ist es uns gelungen, den immer mehr stch häufenden Anforderungen, die an uns gestellt wurden, gerecht zu werden und dabei das Vereinsvermögen nicht unbedeutend zu vermehren. Unsere Einnahmen an Geschenken, Zinsen, Beiträgen und Elnkaufsgeldern betrugen M. 13,471.03 (gegen M. 10,934 im vorigen Jahre). Nach Abzug der unvermeidlichen Unkosten waren wir im Stande, M. 5772 50 an 33 Unterstützungsbedürftige mit 43'/, Theilen zu M. 135 zu verabreichen; die in 12 Fällen aus dem Reiervefond gewährten Uuterstützungssummen beliefen sich aus M. 794; die Gesammtausgabe betrug mithin M. «666 58 — Das Vereinsvermögen ist auf M. «8,608.73 gestiegen. Im Laufe der dreizehn Jahre unseres Wirkens vermochten wir die nicht unbeträchtliche Summe von M. 42,838.28 als Unterstützungen zu vertheilen. Die Zahl unserer actrven Mitglieder hat sich nicht wesentlich geändert, die Lücken welche zumeist der Tod in deren Reihen gebracht hat, sind durch drn Zutritt neuer Mitglieder wieder ausgefüllt worden. Zu bedauern bleibt es indesten immer, daß nicht mehr und namentlich jüngere israelitische Lehrer sich unserem Vereine anschließen, der ihre und ihrer Familien Zukunft nach Möglichkeit sicher zu stellen bestrebt ist. Wiederholt erneuern wir daher unsere von Jahr zu Jahr wiederkehrende dringende Aufforderung an die israelitischen Lehrer und Rabbiner Deutschlands, uni serem Vereine beizutreten und zu ihrem eigenen Besten ür dessen Wachsen und Gedeihen thätig zu sein " (Wir können diese Aufforderung nur auf's Nachdrücklichste unterstützen und nicht oft und eindringlich genug den betr. Lehrern und Rabbinern — die das 50. Lebensjahr noch nicht überschritten haben — diese für sie so wichtige Angelegenheit ans Herz legen. Wir wissen es, daß die rechtzeitige Erwerbung der Mitgliedschaft meistens nur aus Fahrlä ssigkeit unterbleibt, darum ermüden wir nicht, in diesem von so vielen Lehrern und Rabbinern gelesenen Blatt öfters im Jahre an diese Pflicht desLehrerstandes gegensichselbst zu erinnern, ja die allmonatlich im Jnseratentheil veröffent- * lichten Monatsabschlüffe sollen solche veständige Mahner sein. Auch sollten die Vorstände und Rabbiner darauf achten, daß öle Kehrer ihres Kreises resp Sprengels der Achawa als aclive Mitglieder beitreten, während die Reichen in Israel die sehr billige — durch 6 Mark Jahresbeitrag zu erwerbende — Ehre der Ehrenmitgliedschaft sich anzuthun nicht unterlassen sollten. Je größer die Jahreseinnahmen, desto größer ist die an die Hilfsbedürftigen zu gewährende Unterstützungsquote. Nur auf diesem Wege kann es gelingen, die oft herzzerreißenden „Aufrufe" von Privaten zur Unterstützung von dienstunfähig gewordenen Lehrern oder deren in ärmlichen Verhältnisten zurückgelassenen Wittwen und Waisen allmählich aufhören zu machen. Redaction.) Schließlich theilen wir noch mit, daß in der letzten Generalversammlung aus Antrag der Verwaltung der Beschluß gefaßt wurde, das Rechnungsjahr mrt dem Kalenderjahre zu schließen, so daß das nächstfolgende erst am 1. Januar 1879 beginnen und demnach die Vertheilung der diesjährigen Jahresunterstützungen Ende December d. I. stattftnden wird. Hannover, 1. März. (Or.-Corr.) Die Direktion des hiesigen israelitischen Wohlthätigkeitsvereins hat soeben den Rechenschaftsbericht über das abgelaufene Jahr an seine Mitglieder versandt. Aus demselben geht hervor, daß die Einnahme sich auf 9172 Mk. 20 Pf. und die Ausgabe auf 7565 M. 64 Pf. belief, so daß ein Ueberschuß von nur 1606 M. 56 Pf. verbleibt, welches, da im vorigen Jahre, wohl in Folge der Calamität der Zeit, weder größere Scheitkungen erfolgt noch Erbbegräbnisse verkauft sind, der kleiltste ist, der seit langen Jahren erzielt wurde. Mit der wachsenden Ausdehnung der Gemeinde und des Vereins ist aber natürlich eine Steigerung der Ausgaben ebenso begreiflich wie nothwendig und steht daher, falls die Einnahmen in Zukunft nicht wachsen, zu befürchten, daß der Verein bald mit einem Destcit zu wirthschaften sich genöthigt sehen könnte. Das ganze disponible Vermögen des Vereins betrug Ende 1877 außer dem Castenbestande 55,500 Dt. und zählte der Verein damals 284 Mitglieder, 14 beitragende Wittwen und 2 Ehrenmitglieder. Im Laufe des verflossenen Jahres lind 42 Leichen auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe beerdigt, 10