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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-03-13 · N° 11. (13.3.1878) · p. Seite 82

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 11. (13.3.1878)
Date
1878-03-13
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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— 82 sachen und Aeußerungen, welche auch in diesen Blättern Erwähnung gefunden haben, so wie die beim bösesten Willen nicht in Abrede zu stellende Opferwilligkeit der rumänischen Juden während des Krieges, der Hoffnung Raum geben, daß Rumänien endlich aus eigenen, Antriebe die Lage der Juden verbeffern werden. Und da nun die Rumänen über Einmischungen des Auslandes stets sehr ungehalten gewesen sind, und da die Gegner der rumänischen Juden (wenn auch gegen Recht und Vernunft) oft sich darüber beschwert haben, j daß diese den ausländischen Glaubensgenoffen ihre Roth geklagt und sie um Hülfe und Verwendung gebeten haben, so liegt die Befürchtung nicht fern, daß die Berliner Petition in Rumänien böses Blut machen und schaden könne. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Betreff Serbiens und ganz besonders derjenigen Theile der Türkei, welche den Zukunftsstaat Bulgarien zu bilden bestimmt sind. Diese Landestheile haben zahlreiche jüdische Gemeinden, welche bis zu dem Kriege unter der türkischen Herrschaft glücklich und zufrieden gelebt haben. Was sie von den Bulgaren zu erwarten haben, daß ist leider im vorigen Sommer und Herbst zur blutigsten Klarheit gebracht worden. Denn die Gräuelthaten in Kasanlik, Eski-Sagra und im Balkan sind ja durchaus nicht von regulärem russischem Militär verübt worden; Kosaken, Marodeure und einzelnes Gesindel im Heere haben sich an den Excefsen betheiligt, die eigentlichen Thäter aber sind — Bulgaren. Hier gilt es nun vor Allem abzuwehren und vorzubeugen! Der neue Staat wird freilich kaum etwas Anderes sein als eine russische Provinz; viel Gutes kann also für die Juden nicht erwartet werden; aber es sind doch Handhaben für eine Wirksamkeit zu ihren Gunsten vorhanden. Die Verfassung Bulgariens wird auf dem bevorstehenden Congreffe der Prüfung der europäischen Mächte unterbreitet werden. Gelingt es, die Stellung der Juden in Bulgarien nur überhaupt zur Sprache zu bringen, also daß sie nicht einfach todtgeschwiegen werden, so kann man nicht daran zweifeln, daß England und Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Italien sich ganz unbedingt für die Gleichberechtigung der Juden aussprechen werden. Bulgarien aber (und dasselbe gilt von Serbien und Rumänien) kommt auf dem Congreß nicht direkt zum Wort, hat nur die Aussprüche zu acceptiren. Und was dann Rußland betrifft, so wird es in die unangenehme Lage kommen, entweder, weil es in seinem Lande die Juden zurücksetzt, sich selbst, oder den im übrigen Europa geltenden Grundsätzen des Rechts und der Humanität in's Gesicht zu schlagen. Die russischen Diplomaten mögen einen Ausweg aus diesem Dilemma suchen, wir fühlen uns sicherlich nicht bewogen, ihnen guten Rath zu ertheilen. Aber in jedem Falle würde Rußland in dieser Frage die fünf Mächte einmüthig gegen sich haben. Krieg werden freilich weder jenes noch diese um Willen der bulgarischen Juden führen, aber in etwas wird doch auch Rußland nachzugeben nicht umhin können, und somit steht wohl zu hoffen, daß die Juden nicht ganz und gar der Willkür der Bulgaren Preis gegeben werden, s o* bald eben die Angelegenheit nur überhaupt zur Sprache k o m m t. Hierzu bietet sich nun auch gerade in Hinsicht auf Bulgarien und Serbien erne ganz vortreffliche Handhabung. Die Juden in diesen Ländern sind im Besitze der vollen bürgerlichen Rechte, welche ihnen die Pforte als z. Z. rechtmäßige Regierung sowohl durch die bekannten älteren Erlasse, wie durch die im vorigen Jahre proklamirte Verfaffung gewährleistet hat. Die Rechtsbeständigkeit dieser Verfassung vor dem Forum des europäischen Völkerrechts kann nicht in Frage gezogen werden. Factisch sind z. B. die Juden in Serbien und Bulgarien in den Genuß des activen nnd paffiven Wahlrechtes zum türkischen Parlament gelangt. I Man hätte also nur das Verlangen zu stellen, daß den Juden die Rechte belassen würden, welche sie in dem Lande und von ihrer Negierung in unantastbar legaler Weile besitzen. Die Pforte hat in allen ihren in neuerer Zeit erlassenen Gesetzen überall nur von Muhamedanern und Nicht-Muhamedanern gesprochen; alle den Letzteren eingeräumten Rechte stehen eben sowohl den Juden wie den Christen zu. Wenn europäische Zeitungen meistentheils statt Nicht-Muhamedaner Christen gesetzt haben, so ist das Jrrthum oder absichtliche Fälschung. Wenn aber in den jetzt festzustellenden V.rfassungsbestimmungen ausdrücklich von Muhamedanern und Christen die Rede sein und die Stellung der Juden mit Stillschweigen übergangen würde, so wären damit die Juden in Bulgarien im buchstäblichen Sinne für vogelfrei erklärt, an das Messer geliefert. Es gilt also jetzt Alles aufzubieten, um dem vorzubeugen, was 1856 bei der Conftituirung Rumäniens versäumt worden ist. Dies zu erlangen, wird wohl nicht unmöglich sein. (Schluß folgt.*) Berichte und Correspondeuzen. Deutschland. Berlin, 5. März. (Or.-Corr.) Sie haben im Leitartikel der Nr. 6 einen Blick auf die Christlich-Socialen geworfen und sich, wie es scheint, einigermaßen darüber gewundert, daß ihr Programm nicht etwas günstiger ausgenommen worden ist, wenigstens von Denjenigen, die nicht von gleichem Widerwillen gegen die Religion erfüllt sind, wie die Socialdemokraten selbst. Ich gebe gern zu, daß das Toben der Letzteren gegen Religion, Geistlichkeit u. s. w. fast etwas Beängstigendes hat, und dem Juden, dem es um seine Religion zu thun ist, recht unangenehm sein muß. Hier gilt gewiß das Wort des römischen Dichters: „Es handelt sich um Deine eigene Sache, wenn Deines Nachbars Haus brennt." Jndeß werden Sie sich inzwischen überzeugt haben, daß von dieser Hofpredigeragitation weder der Sache der Ordnung und des Friedens, noch der der wirklichen Religiösttät ein Heil erwachsen kann. Man kann dabei, wre Sie dies gelhan haben, ganz davon absehen, daß die Leute das christlrche Moment betonen. Daß sie Juden nicht aufnehmen wollen, ist ihr gutes Recht und ganz harmlos, weil sich auf ein solches Programm hin natürlich kein Jude zur Aufnahme melden wird. Ob die Leiter sich nun bannt begnügen werden, daß der Aufzunehmende kein Jude sei, oder ob sie ein bestimmtes und ausdrückliches Bekenntniß zu diesen und jenen Hauptlehren und Symbolen begehren werden, das kümmert uns auch weiter nicht. Es hätte aber von vorn herein Wunder nehmen können, wenn diese neue Partei nicht, gleich allen ihren Verwandten, also Clericalen, Feudalen , Agrariern, auch ein klein wenig Judenhetze als Agitalionsmiltel gebraucht hätte. Es wird Ihnen und Ihren Lesern bekannt geworden ) Wir wollen schon heute hinzufügen, daß Einleitung zu den im hier angedeuteten Sinne zu thuenven Schritten getroffen ist, und daß das in der Eingangs erwähnten Petition Versäumte nachgeholt werden wird.

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