Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 10. (5.3.1878)
- Date
- 1878-03-05
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 78 — Städter, den die Rebellion herbeigeführt, der Gelegenheit zu Handel und Handwerk beraubt und von Ackerbau ausgeschlossen wurden. In Rußland werden die Juden, namentlich diejenigen, welche noch alte rabbinische Vorschriften befolgen, noch weit schlimmer wie in Rumänien behandelt. Wie die russische Regierung über die Juden in den Donaufürstenthüniern denkt, das hat sie vor mehreren Jahren in der Rumänischen Juden-Angelegenheit gezeigt. Berlin. Unter dem Namen „Charlotte Elisabeth-Stiftung" hat sich hier ein Verein gebildet, der am Vermählungstage der Prinzessinnen Charlotte und Elisabeth je zwei würdige, vermögenslose Brautpaare evangelischer, katholischer und jüdischer Confession mit je 300 Mark ausgestattet hat. Rach Maßgabe der verfügbaren Mittel soll dies alljährlich am 18. Februar stattfinden. Stettin. Der 24. Jahresbericht des hiesigen israel. Waiseninstituts zeigt, trotz der Ungunst der Zeit, gedeihliches Fortschreiten der Anstalt; Dank dem Edelsinn der hiesigen, sowie einiger auswärtiger (größtentheils früher hier wohnhaft gewesener) Wohlthäter. Die Anstalt schließt ihr Rechnungsjahr 1877 mit einem Bankvermögen, Grund- und Reservefonds von 91519 Mark ab, ungerechnet freie Wohnung und Wirthschaftsgegenstände. Sie würde sonach den unabweisbaren Bedürfnissen durch die Zinsen ihrer Effecten und Hypotheken 4170 M. genügen können, nichtsdestoweniger hallen fick die Jahresbeiträge der Wohlthäter und die gelegentlichen Spenden in ziemlich gleicher Höhe, wodurch die Anstalt sowohl ihren Wirkungskreis anszudehnen. wie ihr Vermögen zu vergrößern im Stande ist. Von hier sind z. Z. nur drei Knaben in Pflege des Instituts, man hat daher noch 3 aus der Pr o v i nz gebürtige Knaben aus- und einen aus dem in der Auflösung begriffenen Waisenhause zu Schippeubeil übernommen. Königsberg. 17. Jahresbericht des israel. Waisenhauses. Die Anstalt zählt jetzt 24 Waisen, 17 Knaben und 7 Mädchen. Vier waren im Laufe des Jahres aus-, 7 find neu eingetreten, darunter 4 aus dem aufgelösten Provinzial- Waisenhause zu Schippenbeil. Die Generalversammlung hat das vorläufige Abkommen mit letzterer Anstalt und die Uebernahme der Pfleglinge genehmigt. Der Bericht theilt noch einige in dem Gebäude der Anstalt vorgenommene Verbesserungen mit, auch ersieht man aus demselben, daß der Vorstand die Verpflegung der Kinder auf eigene Rechnung übernoulmen und das frühere Pensionsverhältniß abgeschaffc hat. Die Kosten sind dadurch verringert, die Pflege ist verbeffert worden. Die verwendbaren Jahresemnahmen betrugen 14001 Mk., die Ausgaben 13614 Mk. Zu dem Ueberschuß kommt noch ein Legat von 2400 Mk. Das Gesammtvermögen betrug beim Jahresabschluß 80142 Mk. und zwei zu 56500 Mk. versicherte Grundstücke. Beuthen O/Schl. (Or.-Corr.) In Folge der in Nr. 8 (unter Prag) gebrachten Mittheilung Ihres Correspondenten ist der als Sohn des Rabbiners Weiße in Waag-Neustadtel und Schüler am orthod. Rabbinerseminar in Berlin sich ausgebende Schwindler hier ertappt und von der hiesigen Polizei aus dem Eisenbahn-Coupe heraus nach dem Gefängniß abgeiührt worden. Er heißt Ignatz Klein. Wien. Der Herausgeber der hebr. Monatsschrift Haschachar, Hr. P. Smolensky, versucht es nunmehr auch mit einer hebr. Wochenschrfft („der Beobachter"). Baja, 24. Febr. (Or.-Corr.) Es wird Sie freuen, zu hören, daß ein junger Glaubensgenosse, der ein Kind unserer Gemeinde ist, eine glänzende Auszeichnung erfahren hat. Herr Schulhof, Sohn unseres ehemaligen, nunmehr verstorbenen Rabbinatsassessor, hat für eine Arbeit über die verlorenen Planeten von dem Institut von Frankreich den Prix Vaillant zuerkannt erhallen. Herr Sch. war früher bei der Sternwarte in Wien angestellt und hat auch in dieser Eigenschaft manche schätzensmerthe und von seinen Vorgesetzten rühmend anerkannte Arbeit geliefert. Leider traf ihn das Unglück, schwerhörig zu werden, das ihn in Wien am Fortkommen hinderte. Da fügte es sich günstig, daß Herr Loewy, ebenfalls ein Obstreicher, der es seiner Zeit als Jude hier zu keiner Professur bringen konnte und der gegenwärtig Direktor der Pariser Sternwarte ist, Herrn Sch. kennen lernte und ihm an seiner Seite in Paris eine Anstellung verlieh. Herr Loewy war es auch, der als Referent über die Preisarbeiten Herrn Schulhof für den Preis in Vorschlag brachte, der einstimmig angenommen wurde. Zürich. Der Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Dr. Kisch, hat im Saale der Aula drei öffentliche Vorträge über den Talmud gehalten und noch einen vierten in Aussicht gestellt. Das ausschließlich den gebildeten Ständen angehörende und zwar in seiner Mehrheit aus Nichtisraeliten bestehende Auditorium bekundete für den eigenartigen Stoff ein lebhaftes Interesse, welches der Redner durch seine klare, leichtverständliche und dennoch schwungvolle Vortragsweise während des Cyklus seiner Vorträge nicht nur zu erhalten, sondern noch zu erhöhen verstand. Der dritte Vortrag: „Talmud und Christenthum" wird auf vielfachen Wunsch im Druck erscheinen. Paris. Am 27. Januar starb Dr. Mathieu Hirtz. Einem ausführlichen Nekrologe der „Arch. Jsr." entnehmen wir folgende Notizen. Derselbe war in Winzenheim 1809 geboren, studirte Medicin und erwarb sich schon sehr früh Preise, Ehren und Anerkennungen aller Art. 1861 wurde er Profeffor an der Universität zu Straßburg, auch Mitglied des dortigen Municipalraths. Nach dem Kriege wunderte er aus und wurde zum Profeffor an der in Nancy gegründeten medicinischen Facultät ernannt, nahm aber aus Gesundheitsrücksichten diese Stelle nicht an und begab sich nach Paris. Was jedoch an dieser Stelle besonders hervorznheben ist, ist seine rege Theilnahme an allen jüdischen Jntereffen. Von seinem warm und aufrichtig für' seine Religion begeisterten Herzen zeugen die anonym erschieneiren, aber von ihm verfaßten, und schon oft aufgelegten „Priäres d’ un coeur israälite“ — Es gibt in der neueren Zeit so selten, (wenn überhaupt!) einen jüdischen Arzt, der an die Abfassung eines solchen Buches auch nur dächte, daß es wohl nicht nöthig ist, noch mehr hierüber zu sagen. London. Der vor einigen Jahren in den wohlverdienten Ruhestalld getretene Dajan A. L. Barnett 31^ '*1 ist, 81 Jahre alt, gestorben Er war aus Krotoschin gebürtig, er folgte seinem Collegen '“n recht bald tut Tode nach, und so sind nun die alten Londoner 2'2'N zu den Vätern versammelt, mit ihrer Person ein Stück alten Judenthums, welches inl jungeil England ganz fremd dastand, aber doch hoch geehrt war. Es kehrt in der alten Form nicht wieder. Die wackeren Männer aber mögen im Frieden Gottes ruhen. London Der hiesige Board of Deputies hat angesichts der bevorstehenden Neubildung eines autonomeil Fürstenthums unter Russischer Oberhoheit auf der Balkanhalbinsel gemeinsame Berathpngen in Betreff des weiteren Schicksalsder Glaubensgenossen in jenen Landestheilen eingeleitet. Es gilt, die bürgerliche Glaubensfreiheit der Glaudensgenoffen nach Kräften sicher zu stellen. Auch die Anglo-Jews Association widmet der Sache ihre Aufmerksamkeit. Algier. Wir haben schon öfter von algerischen Israeliten berichtet, die ein ganz ungewöhnlich hohes Alter erreicht haben. „Univ. Jsr." theilt nun nach Journalen folgende merkwürdige statistische Notizen aus Algerien mit. „Es sind an Hundertjährigen" vorhanden: 104 Franzosen, 11 Malteser, 30 Italiener, 155 Spanier, 248 Israeliten, 841 Muhamedaner. — Ueber hundert Jahre sind: 4 Franzosen, 2 Malteser, 2 Italiener, 4 Spanier, 22 Israeliten, 121 Muselmänner. Nach Verhältniß entfallen also die Meisten auf Israeliten.