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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-03-05 · N° 10. (5.3.1878) · p. Seite 77

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 10. (5.3.1878)
Date
1878-03-05
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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— 77 — rus, wie G. Wolf in Wertheimer's Jahrbuch 5621 (1860 bis 1861) berichtet, Jesuiten in Prag während der Herrschaft des „Winterkönigs" Friedrichs von der Pfalz. vr. L. Baja, 17. Febr. (Or.-Corr.) Oberrabbiner Mo» ses Nascher ist nicht mehr! Wir haben ihm Freitag, den 15. d. M., das Geleite gegeben zur letzten Ruhestätte. Subsumiren Sie unter dieses „Wir" mindestens 5000 Menschen aller Coufessioneu, aller Standes- und Rangesschichteu; und diesen Kiddusch haschsm möchte ich besonders betonen. Er war zu eklatant, zu prägnant, -zu überwältigend, um nicht auch mir, dem fast schon ganz verknöcherten Ungar, Bewunderung oder Verwunderung abzugeminneli. Ordensgeistliche und Priester aller hier vorsindigen christlichen Bekenntnisse zollten bei dem vomSohne des Verblichenen, vr. Simon N., im Gotteshause mit unwiderstehlich hinreißender Macht des Wortes gesprochenen Nachrufe am bekränzten Sarge des theuren Vaters, den reichsten, unverkürzten Tribut warmer, ungescheut hervorstürzender Thränen, die wohl den Todten, den bei aller Strenggläubigkeit in Wort und Schrift und Praxis denn doch mustergilt!g toleranten und liberalen Tobten —nicht minder ehrten, als den, der sie vergoß. Halte schon unser würdiger charakterstarker zweiter Rabbiner und Prediger vr. 'S. Kraus im Trauerhause selbst die Herzen eines ungezählten Auditoriums durch den eben so finnig als echt jüdisch angelegten und durchgeführlen Sermon den mächtigsten Impuls zum Durchbrache der kaum niedergehalteneu Schmerzensäußerungen gegeben, so waren schon bei den ersten Worten des ebenso schmerz- und wehdurchwühlteu als redegewandten Sohnes alle Dämme ästhetisch bekämpften Klagens weggeschwemmt von der unaufhaltsam heranlosenden Fluth bitterer Zähren, deren kein Auge sich erwehren konnte oder wollte. Ich denke, der Verfasser des bekannten Midrasch: „Was gibt für den Werth des Hingeschiedenen dereinst vor dem Hiinmelstribunale das endgiltige Zeugniß ab?" hätte, so er in unseren Tagen geschrieben haben würde, sich über Kopf und Zunge und Hände und sonstige Parthieen ches Verstorbenen füglich hinwegsetzen dürfen, und als Kriterium für den Goldgehalt des nun in Gott ruhenden Seelenhirten die Haltung aller Jener hingestellt, die unserem unvergeßlichen, durch ein V:ert ljahrhundert hier fungirenden Rabbrnen Moses Nascher, in Glauben und Stand und Lebensstellung, in Aller und Geschlecht und Beruf, m Herkunft und Sprache und Rationalität, und selbst m politischer Richtung so gründlich fern gestanden nnd fern stehen mußten. Daß vr. Kohul's, des voni würdigen Gemeindevorstanve aus Füiifkirchen hieherberufenen Oberrabbiners und vielgekannlen Redners, in vaterländischer Mundart in der Vorhalle des Tempels gesprochene Rebe den vielfach erprobten Meister des Wortes verrieth, bedarf wohl keiner besonderen Versicherung. Wenn ich selbst mit gewissenhafter Berechnung seiner stattlichen Körperhöhe sage: „Jeder Zoll an ihm ein Redner", so habe ich höchstens gegen die Praxis des heute auch bei uns strenge gehandhabten Metermaßes gesündigt, — nicht aber gegen die Wahrheit verstoßen. Ant Gottesacker selbst sprach noch in eben so elegantem als tief durchdachtem Deutsch der auf dem Gebiete der jüdischen Literatur rühnilich gekannte vr. S. Spitzer, Oberrabb. aus Essek, den Pietät für Den Verklärten hreher führte, und Hochachtung der gesamuiten Zuhörerschaft in seine Heimath zurückgeleitete. — Den letzten Nachruf ins stille Grab brachte noch unser wackerer, unermüdlicher und unermüreler Präses des Cultusvorstanoes, Herr Samuel Beck, in glühenden, Herz und Mark erfchüllernderl Worten im Namen der Gemeinde, die nach kaum 5 Lustren den treuen, glaubensstarken Führer rn die Erde senkte. Herr Beck konnte und mußte so sprechen, wie er gesprochen, — er halle noch an der Multerbrust echt jüdisches Fühlen und echt jüdisches Wissen ausgenommen: das verläuguel sich nicht. Es wird sich, wir hoffen und wir wissen es, bewähren, wenn die Frage an ihn heranireten wird: „Was »st für die hutterbltebene Witlwe und ihre arme Tochter zu thun?" — Ihm aber, dem nun Verklärten, ihm sei die Erde letcht! Türkei. Constantinopel. (Schluß.) „Am 22. August zogen wir in Gabrova ein, mitten unter dem Hohngeschrei nnd den Beschimpfungen der Bevölkerung, die herbeigeströmt war, um uns pastiren zu sehen. Die Escorte führte unsere traurige Caravans in der ganzen Stadt herum, uns dem öffentlichen Abscheu preisgebend, indem sie aussprengten, daß wir die Bruntlen von Zagbra vergiftet und dadurch den Tod einer großen Menge Rüsten verursacht hätten. In Folge dieser infamen Verleumdung stürzte sich das Volk auf uns und überhäufte uns mit den schlimmsten Mißhandlungen. Dieses Märtyrerthum hörte erst auf, als wir der russischen Polizei überliefert wurden, die von jenem Schreiben Kenntniß nahm, das unsere Unschuld bezeugte; man wies uns sodann auf ein ödes Stück Feld, wo wir des Tages von der Hitze verbrannt wurden und des Nachts auf der bloßen Erde liegend, den Einflüssen der Feuchtigkeit preisgegeben waren. Man ließ uns nicht aus den Augen, Niemand konnte bei Seite gehen, und zur Nahrung theilte man uns nichts weiter als schimmliges Weißbrot und Master zu, in Portionen, gerade genug, um nicht an Entbehrung zu sterben." „Äm 3. September kamen wir nach Tirnowa. Unterweges begegneten wir dem Gros der russischen Armee. Jüdische Soldaten, die sich in den Reihen derselben befanden, gaben uns Alles, was sie besaßen, Geld und Lebensmittel, mit einer Herzlichkeit, die uns jedes Mal, wenn wir davon sprechen, die Thränen in die Augen treten läßt. Es waren die ersten Tröstungen, die wir kosteten, sie waren unseren gebrochenen Herzen recht süß. In Tirnowa hatten wir das Glück, einen jüdischen Kaufmann, einen Armee-Lieferanten, zu treffen; dieser ausgezeichnete Glaubensgenosse schickte uns sofort nach unserer Ankunft 600 Oka Brot in die Wohnung und kam des andern Tages selbst uns besuchen und sich nach unseren Bedürfnissen erkundigen; er erlangte für uns die Erlaubniß, frei m der Stadt umherzugehen. Bei seinem Besuch vertheilte er an uns noch Brot und Geld." Diesen edlen Mann segnend, begab sich der Zug am 27. Ellul auf den Weg und kam am israelitischen Neujahrstage in Sistowa an. „Während dieser Reise starben mehrere Kinder und mußten unterwegs begraben, werden. Bei unserer Ankunft wurden wir auf dem Wege durch die Stadt, wohin der Kaufmann von Tirnowa inzwischen unser Eintreffen telegraphirt hatte, mit Herzlichkeit von unseren Glaubensgenosten ausgenommen; man führte uns sofort nach dem Hofe der Synagoge, wo wir einige Nahrung zu uus nahmen, und ein in russischen Diensten stehender israelitischer Arzt sich uns zur ärztlichen Behandlung anbot. Dieser wohlthätige Mann war es auch, der uns rielh, lieber in diesem Hofe zu bleiben, als uns nach den von der Regierung uns angeborenen Häusern zu begeben, in welchen einige schlechtgesinnte Bulgaren sich versteckt hatten, um neue Exceffe gegen uns zu beginnen. Am Erew Jomkippur kamen wir in Bukarest an." (Ueber die den Flüchtlingen hier und auf ihrer Weiterreise von ihren Glaubensgenossen zu Theil gewordene freundliche Bewirthung und Unterstützung haben wir z. Z. ausführlich berichtet. Red.) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Die „Bost. Zeit." schreibt: Es ist gewiß aner« kennenswerth, daß die größten jüdischen Gemeinden Deutschlands vor einigen Tagen an dem Reichskanzler eine Petition gerichtet haben, betreffend die beim Friedensschlüsse zu regelnde Stellung der Jude.l in Rümänien resp. die bürgerliche und politische Gleichstellung derselben mit den dortigen Christen. Allein es muß auffaüen, daß man einen solchen Akt der Humanität nicht bezüglich der westrussischen Juden erfüllt, die durch den Ruin der polnischen Gutsbesitzer und

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