Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 10. (5.3.1878)
- Date
- 1878-03-05
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 79 — Feuilleton. Tau sch u irgen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Fränkel. In einer krummen, dunkeln Gasse des Judenquartiers, in welchem das eigenthümliche Leben anderer Lstadttheile ein nur schwaches Echo findet und wo bloß „der Ast jenes Stammes, der gefällt, zerschmettert, doch nicht verdorrt" im Schatten der Vorurtheile als Monument des Hasses und der Ungerechtigkeit 31t finden ist — steht ein von der Zeit^ düster getünchtes Haus mit niederm Eingänge und kleinen Fenstern. Oben haben Schwalben ihre Nester gebaut und unten friedliche Krämer ihre Verkaussläden geöffnet. — Beide wenig gestört vom hauptstädtischen Getreide, das sich nur selten in's Ghetto verirrt. Eng, als gälte es jede Zollbreite Bodens einander streitig zu machen und als hätte die Erde keinen Raum für die Behausungen der Menschen, klebt Haus an Haus in diesem der Judeuschast Warschaus zugewiesenen Viertel, das sie niemals überschreiten darf, mag sie auch noch so sehr wachsen, mag ihr's auch noch so sehr an Raum, Licht und Luft fehlen! Daher dieser labyrinthartige Bau der zusammengerückten und gedrückten Häuser, daher die fahle Farbe der armen Einwohner, daher der Schmutz in den Gassen, in die nur selten das volle Sonnenlicht fällt. An der Außenseite dieses Hauses würde man nicht die reich möblirten, theilweise mit morgenländischer Pracht eingerichteten Zimmer vermuthen, in denen der Herr dieses Hauses, der greise Reb Hirsch Holdheim, wohnt. Bon den bösen lüsternen Augen und der Habsucht ihrer Feinde oft verfolgt und gefährdet, haben die Juden früherer Generationen gelernt, ihren Reichthum hinter der Maske der Armuth zu verbergen und fo pflegte man in alten Zeiten, wo die Räuber nicht blos in den Wäldern hausten, sondern auch die Gassen und die Häuser unsicher machten und die Beamtenuniform oder das Adelwams trugen, in unscheinbaren armseligen Hütten, an heitern Festeu reich geschmückte Frauen, reich besetzte Tische, blitzende Tafelgeschirre zu finden. Freilich haben sich die Zeiten und die Verhältnisse seitdem gewaltig verändert, die offenen Verfolgungen haben aufgehört und der Reichthum flüchtet nicht mehr in baufällige Hütten, doch wurzelt noch immer der Glaube im Volke, jeder Jude sei der Hüter verborgener Schätze und daß in jeder noch so elenden Hütte, wo das Elend mit dem Hunger ringt und Kinder vergebens um Brod wimmern, noch Wohlstand zu finden sei! Die krumme, enge und dunkle Stiege dieses Hauses eilt ein junger Mann hinan, so rasch, daß er heftig an ein junges Mädchen stößt, das ihm voran langsam hinansteigt. „Karl! wie ungestüm!" „That ich Dir weh, Hermine?" „Du hättest mich ja bald über den Haufen geworfen." „Vergieb mir, Kind. Wie geht's unten?" „Schau mich an, wie ich aus,ehe! Kann man mich nicht für einen Buchdruckergehilfen ansehen?" Und ihre Stimme senkend, sagte sie: „Ich habe eigenhändig eine Menge Exemplare abgezogen und nun ist der Drucker wieder da und ich eile, mich wieder in bessern Stand zu setzen. Sieh', wie schmierig und zerkeilt ich ausichaue." Sie eilte fort, während Karl in's Zimmer seines Vaters trat. An einem runden mit Büchern bedeckten Tisch sitzt ein alter Mann. Da liegen sie bunt durch einander die verschiedensten Werke antiker und moderner Weisheit: die in Pergament gebundenen Folignlen, welche die Religion, die Geschichte, die Philosophie und die Jurisprudenz des Volkes enthalten, das seit Jahrtausenden mühselig Stein um Stein zu dem großen Bau der Civilisation herbeigetrageu; die Bücher neuer Erforschungen auf dem Gebiete positiver Wissenschaften und in een Katakomben der Geschichte; ephemere Flugschriften, welche die jüngsten Tage zeiliglen und die wie die Maikäfer zu einem kurzen Leben aufflattern und niedersinken, nachdem sie schillernd einige Taaesfragen umschwirrt haben. Da liegen einige dickleibige Bände, welche aus den Reihen ihrer Brüder gerissen wurden, die sich in den Glasschränken an den Wänden friedlich an einander reihen. — Emsig, wie er jetzt in seiner Studirstube war, hatte Reb Hirsch Holdheim in früh eren Jahren das Gebiet der Industrie und des Handels bebaut und der Ameise gleich Korn um Korn heim für die alten Tage getragen. Auf der Höhe des Lebens angelangt, verließ er das von ihm mit so vielem Erfolg cultivirte Gebiet und zog sich seiner Neigung folgend, in ein stilles, beschauliches Studienleben zurück, in das ihm die Liebe und die Verehrung seiner Glaubensgenossen folgten, die zu ihm, wie zu einem erleuchteten Wesen empor blickten. Karl's elastische Gestalt erschien im Studirzimmer seines Vaters. Der junge Mann trug den engen Schnürrock mit Gürtel, dessen breite Spange auf weißem Felde die ciselirte Bronzbüste des Helden Kosciusko zeigte, die hohen Stiefeln und die breiten Pluderhosen, auf dem Kopf die viereckige, mit Pelz verbrämte Mütze und den dicken mit einem kleinen Beil gezierten Stock. Er hatte das Aussehen eines Glücklichen. „Guten Morgen, Vater," sagte er, Stock und Konfede-' ratka in einen Winkel werfend, „ich muß mein langes Ausbleiben entschuldigen. Sie sitzen hier wie auf einer stillen Intel, unbekümmert um die Brandung, die draußen im Ozean des Lebens zischt. Draußen geht aber eine gewaltige Strömung; gewaltig, Vater, daß die eisernen Dämme der russischen Bajonette kaum widerstehen werden!" Der Greis schloß den Folianten und stand auf, seinen Sohn mit forschendem Auge anblickend. „So?" fragte er gedehnt „Gewiß. Der Geist der Freiheit geht über Warschauseine Spuren eindrückend, wie der ewige Jude. Alle Schichten und Klassen sino aufgelöst in Ein Volk; alle Religionen gehen auf in den Einen Cultus für Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt fortau keine Christen und Juden mehr, es . gibt nur noch Polen in Polen; Alle voll glühenden Eifers für die große Sache des gemeinsamen Vaterlandes, dessen Selbständigkeit wieder hergestellt und dessen Thron wieder aufgerichtet werden ntuß, mag es alles kosten, was eine für die gute Sache begeisterte Nation opfern kann! Sehen Sie, lieber Vater — und der junge Mann entfaltete aus einem kleinen Paket eine große metallene Kette — das ist die Huldigung, die das katholische Polen dem polnischen Judenthume dargebracht nnd wodurch unserer Verbrüderung ein Siegel anfgedrückt wurde. Diese Ketten tragen alle polnischen Patrioten, als Zeichen unjerer Knechtschaft und daran das Bild des Gekreuzigten als Emblem der Hoffnung und der Wiedererstehung." „Und Du willst dieß Zeichen an deiner Brust tragen?" „Sehen Sie die Rückseite an, Vater — kennen Sie das Porträt?" „Unser Rabbiner!" „Gestehen Sie," sagte Karl glühend, „daß es keine größere und edlere Anerkennung unserer patriotischen Mitwirkung zur Befreiung Polens geben, daß keine Auszeichnung dieser da gleichen und daß die jüdische Jugend Warschau's niemals gerechter für eine Sache schwärmen und wirken könnte, als für jene, der wir uns geweiht!" „Die Sache ist allerdings berückend," sagt der Alte kopfschüttelnd, das ihm hingehaltene Bild anstarrend, „aber sie gefüllt mir nicht." „So sehen Sie dunkler, als Alle, lieber Vater," erwiderte Karl fast unmuthig, „die ältesten Männer in Warschau sind jung geworden und begeistern sich für das große Werk, an dem ganz Europa und von ihren Thronen Monarchen sogar Mitarbeiten! Speziell wir Juden, die wir speculativ sind, sollten uns um so wärmer einer Bewegung anschließen, aus der nur eine wohlthätige Veränderung für uns re,ultiren kann, denn gleichzeitig mit den Polen werden auch wir frei werden, nut ihrer Knechtschaft hört unsere Sonderstellung auf und mit dem Momente, wo Polen in die Reihe der selbstständigen Staaten eintritt, treten wir in unsere Menschenrechte, die uns lange genug vorenthalten wurden." Ter Alte lächelte bitter. (Fortsetzung folgt.)