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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-03-05 · N° 10. (5.3.1878) · p. Seite 74

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 10. (5.3.1878)
Date
1878-03-05
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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— 74 — Eine einheitliche Leitung muß geschaffen werden für alle religiösen Bedürfniffe und cultuellen Einrichtungen der Gemeinden, für ihr Administrations- und Armenwesen, für ihre Synagogen und Schulen (Gemeinde-, Seminar- und Hochschulen), nicht um damit die Glieder der Gesammtheit, die einzelnen Gemeinden und Individuen, in ihrer selbstständigen Thätigkeit zu hemmen und ihrer Autonomie gänzlich zu berauben, sondern nur um sie nicht zu isoliren und von dem einigenden Bande der Gesammtheit Israels nicht loszulöien und zu trennen. Einigung macht stark. Ein solches Zusammenfaffen der gleichgesinnten und treuen Mitglieder wird die Gleichgültigen aus ihrer indifferenten Thatenlosigkeit wecken, die Schwachen stärken und zur thätigen Mitwirkung an dem Aufbau Israels aufmuntern. Eine solche Sammlung aller zersplitterten Elemente um einen sichtbaren Mittelpunkt wird ein wirksames Gegengewicht bilden gegen die austösenden Separationsbestrebungen, und die bestehenden Gemeinden Israels nicht blos vor Verfall schützen, sondern ihnen neues Leben einhauchen. Den Trennungsgelüsten gegenüber thut Einigung noth. Mit dieser werden uns die Austrittsgesetze nicht schädigen. Eine solche einigende Oberleitungs-Behörde soll aus Rabbinern, Vorstehern und sonstigen durch Kenntnisse und Jntereffe ausgezeichneten Männern zusammengesetzt sein, und ihre Mitglieder sollen von den Gemeinden gewählt werden. Es ist auch nicht erforderlich, hierfür besondere Beamte zu bestellen, sondern die in den Gemeinden bestellten sind für diese Oberleitung mit benutzbar und nur auf Zeit dafür zu wählen und zu berufen. Zunächst mag ein solcher einigender Mittelpunkt in den einzelnen Provinzen und Ländern gebildet werden, je nach Bedürfniß wird sich mit der Zeit eine weiter reichende und umfaffendere Einigung herausbilden und entwickeln. Die Hauptgemeinde einer solchen Provinz oder eines solchen Landes mag den ersten Anstoß hierfür geben, einen Entwurf, allein oder in Gemeinschaft mit anderen benachbarten und gleichgesinnten Gemeinden, ausarbeiten und einer zu berufenden Versammlung vorlegen. Den Anstoß hierfür vom Staate zu erwarten, ist nicht rathsam. Der Staat, wenn man deffelben bedarf wird ein solches Streben nach Einigung zweifelsohne ebenso gerne unterstützen, wie er das Streben für das vermeintliche Bedürfniß nach Trennung bereitwilligst unterstützt hat. Jedenfalls wird der Staat die Bildung einer solchen Oberbehörde schon darum gerne sehen, um für die Behandlung jüdisch-religiöser Fragen sich selbst an sie wenden zu können.*) Alzey. Dr. Rothschild. Zur Befchneidung. Vor Kurzem erschien in Berlin bei H. Hirschwald die letzte Lieferung des vortrefflichen Lehrbuches der Chirurgie von Prof. König in Göttingen. Dieselbe beschäftigt sich auch mit der Beschneidung und gibt mir Anlaß, darauf an dieser Stelle um so eher aufmerksam zu machen, als nur eine weiteste Verbreitung in den direkt interesirrten Kreisen sowie eine *) Wir wollen heute nur darauf Hinweisen, daß der Vorschlag des Hrn. vr. Rothschild bereits in Nr. 4 des ersten Jahrgangs dieser Wochenschrift gemacht und erörtert worden ist und zwar, wie wir jetzt hinzufügen wollen, durch Hrn. M. G. Lewy in Berlin. Wie schwierig die Sache auch sein mag, so ist es gut, sie wieder einmal angeregt zu sehen. (Red.) Belehrung über die eventuell drohenden Gefahren bei und nach der Operation von wirklichem Nutzen sein können.*) Treffen auch die Vorwürfe, die Prof. König der Technik und Nachbehandlung macht, nicht in allen Gegenden gleich stark, ist auch die Art der Ausführung der Operation in dieser Gegend etwas verschieden von der in jener, in einem Fehler kommen alle überein, ich meine, in der mangelhaften Reinhaltung der Instrumente bei der Operation und der Wunde und Verbandgegenstände nach derselben. Dieser Unreinlichkeit verdanken die bösartigen zu der Wunde tretenden Processe ihre Existenz, ihr ist schon manches kindliche Leben zum Opfer gefallen. Ich bitte bei der Erwähnung dieser Unsauberkeit nicht allsogleich in sittliche Entrüstung ob unbegründeter Vorwürfe zu gerathen. Ein Verbandgegenstand, der dem Laien absolut rein, ein Messer, das ihm spiegelblank zu sein scheint, kann sehr wohl vom Standpunkte des Chirurgen unrein, unbrauchbar sein. Lange schon sucht bekanntlich die Medicin die Veranlasser der zu Wunden tretenden Krankheiten, wie Brand, Rose, ausgedehnte Vereiterung u. A. in einer Wucherung kleinster Organismen, Pilze, wenn wir sie so nennen wollen, die zur Wunde tretend, dort einen günstigen Boden finden und nun bald, erst die Wunde, leider später oft auch den ganzen Körper anstecken („Blutvergiftung"). Solche „vergiftete Wunden" nehmen bald ein anderes schmutziges Aussehen, statt des frisch rosenrothen an, trüber Belag bedeckt sie, und oft macht dann die Eiterung plötzlich colossale Fortschritte. Der Einfluß solcher Wundveraiftung ist eminent, und nur zu häufig haben wir Gelegenheit, ihn zu beobachten. Noch vor Kurzem sahen wir beispielsweise eine ganz kleine Rißwunde am Finger eines Arztes bei der Untersuchung einer fiebernden Wöchnerin inficirt werden und von da aus einen schweren Proceß, der das Leben ernst bedrohte, ausgehen. Derartige Blutvergiftungen treten gar nicht selten auch bei oder nach der Be schnei düng auf und Zweck dieser Zeilen ist auf möglichste Verhütung derselben hinzuarbeiten. Instrumente. Verbandgegenstände und der oft nicht ganz reine Finger des Beschneidenden sind die regelmäßigen Träger der Pllzkeime. Nur durch absolute Reinlichkeit können wir uns vor den traurigsten Folgen schützen. Daher genügt nicht ein „reingeputztes Messer", wenn damit eine Wunde gesetzt werden soll, es müssen auch durch Hitze oder chemische Substanzen jedesmal die anhaftenden Krankheitserreger alle gelobtet werden. Ein Schnitt mit einem solchen Messer ausgeführt, hellt doppelt rasch und fast immer ohne daß ein Tropfen Eiter gebildet wird. Selbstverständlich muß auch nach der Operation durch den Verband das Eindringen von jeglichem Schmutze und damit Krankheilskeimen verhütet werden Dazu bediene man sich nicht der Charpie oder Leinwand, die immer schon durch die Art ihrer Abstammung und Darstellung von zweifelhafter Reinlichkeit sind, sondern der Watte oder Baumwolle,**) die man am besten noch mit etwas Carbolsäure- oder Salicilsäure-Lösung tränkt. So gesetzte und behandelte *) Der Hr. Vers, dieses Artikels ist ein jüdischer Arzt. Wir geben seinen Bemerkungen und Rathschlägen gern Raum, weil selbst ein etwaiges Uebermaß von Vorsicht nur nützlich und empsehlenswerth sein kann. Wir lassen jedoch das Ci tat aus König's Werk weg. Dasselbe scheint uns eher aus älteren Werken, als aus eigener Wahrnehmung geschöpft zu sein, denn in so roher Weise verfährt man heut nur noch in Polen rc. oder in entlegenen Dörfern. — Mezizah wird in Deutschland nur noch von der Trotz-Orthodoxie — die aber in diesem Falle frech und ruchlos handelt — geübt, das Aufstreuen von Hexenmehl und Drachenblut ist schier vergessm und verschollen, auch das Vollziehen der flUHD mit einer Scheere statt des mevicinisch-verwerslichen Einreißens bricht sich immer mehr Bahn. (Wer weiß und begreift auch nicht, daß eine Rißwunde viel schlechter heilt als eine scharf geschnittene?) Ueber das Reinigen des Messers haben wir schon vor Jahresfrist einen Artikel aus Lemberg gebracht. — Nach unserer persönlichen, gar nicht unbedeutenden Erfahrung ist auch in diesem Artikel die Gefährlichkeit der Beschneidung, resp. der sekundären Folgen, sehr übertrieben, aber was Vorsicht und fortgeschrittene medicinische Wissenschaft empfehlen, das sollte geschehen! (Red.) **) Sämmtliche Apotheken führen eine sehr zweckmäßig präparirte Verbandwatte, die um mäßigen Preis zu haben ist.

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